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aus Heft 10/2017 Die Gewissensfrage

Das erwünschte Mitbringsel

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Darf ich ein kleines Dankeschön erwarten, wenn ich mich um die Post meiner Nachbarn gekümmert habe?

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»Ich habe drei Wochen lang den Briefkasten einer Nachbarin geleert, die im Urlaub war. Nach ihrer Rückkehr sagte sie Danke und betonte, wie froh sie darüber sei. Ich habe mich verletzt gefühlt, dass sie kein kleines Dankeschön mitgebracht hat. Ich handhabe das umgekehrt immer so, als Geste der Wertschätzung. So fühle ich mich wie ein Dienstbote behandelt.«
Susanne C., Passau


Das Schöne an einer langjährigen Kolumne wie dieser ist das breite Spektrum der Anfragen. In Ihrem Fall vermag das schon die Antwort zu liefern, und mehr noch, eine wichtige Erkenntnis – vielleicht sogar eine der wichtigsten – für das Miteinander. Ich habe nämlich vor einiger Zeit eine spiegelbildliche Anfrage bekommen. Darin beschwerte sich ein Leser, dass er als Dank für das Blumengießen eine Kleinigkeit geschenkt bekäme, dadurch würde jedoch der Gefallen, den er gern aus Freundschaft leiste, zu einer bezahlten Dienstleistung entwertet. Also genau umgekehrt, wie Sie es auffassen.

Für Ihren Fall ergeben sich allein aus der Kenntnis dieser anderen Frage neue Sichtweisen. Auf Ihre Nachbarin, die nichts mitgebracht, aber sich ausdrücklich bedankt hat – womöglich wollte sie gerade damit zeigen, wie hoch sie Ihre Mühen schätzt. Und auf den Wert eines einfachen, aber ausdrücklichen Dankes. Wie es sich nun genau verhält, können Sie nicht wissen, aber aus diesem Widerspruch erwächst der zusätzliche, besonders wichtige Erkenntnisgewinn: Menschen sind unterschiedlich, man kann Dinge unterschiedlich sehen und man sollte nicht die eigenen Vorstellungen zum allgemeinen Maßstab erheben.

Generell halte ich Erwartungen an das Verhalten der Mitmenschen für gefährlich. Zum einen, weil sie leicht zu Enttäuschungen führen und die damit verletzten Gefühle zu unnötigen Verwerfungen. Und gar zu oft verstecken sich hinter Erwartungen eben zum absoluten Maßstab erhobene eigene Vorstellungen. Natürlich gibt es Grenzen, wenn etwa Ihre Nachbarin ohne ein Wort des Dankes den Schlüssel zurückgefordert hätte. Aber innerhalb eines gewissen Rahmens sollte man sich eher am Variantenreichtum der Persönlichkeiten und ihres Verhaltens erfreuen, als Unterschiede zum Vorwurf zu machen.
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Literatur: 

Die spiegelbildliche Frage und die Antwort dazu kann man hier nachlesen: Dort finden sich auch weitere Verweise auf die Problematik, die Gefallen und Geschenke auslösen können, weil darin ein Gabenaustausch liegt, bei dem oft geradezu zwingend eine Gegengabe erwartet wird, ein Mechanismus, der auch den Erwartungen hier zugrunde liegen dürfte:

Der Klassiker schlechthin ist dabei: Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 9. Auflage 1990.

Christian Stegbauer: Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. 2. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011.

Einen sehr guten Überblick über das Themengebiet bietet die von Frank Adloff und Steffen Mau herausgegebene Textsammlung: Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005.

Darin finden sich unter anderem auch Auszüge von wichtigen Stellen aus Marcel Mauss’ Die Gabe (S. 61-72).

Hervorragend aber auch die von den beiden Herausgebern verfasste Einführung Zur Theorie der Gabe und Reziprozität mit vielen weiteren Literaturhinweisen (S. 9-57).

Für das hier interessierende Phänomen insbesondere:
Marshall D. Sahlins, Zur Soziologie des primitiven Tauschs S. 73-91.
Georg Simmel: Exkurs über Treue und Dankbarkeit, S. 95-108, aus: Georg Simmel, Soziologie. Untersuchung über die Formen der Vergesellschaftung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S. 652-670.

Alvin W. Gouldner: Etwas gegen nichts. Reziprozität und Asymmetrie, S. 109-123 Peter M. Blau: Sozialer Austausch, S. 125-137.
Dr. Dr. Rainer Erlinger

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