Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 19°
Anzeige
Anzeige

Kunst 10. März 2017

»Wir wissen, dass die Europäer sich sehr auf die Bilder freuen«

Von Xifan Yang   Foto: Mahnaz Sahaf

Im vergangenen Herbst porträtierte das SZ-Magazin den Hausmeister in Teheran, der jahrzehntelang die größte Sammlung moderner Kunst außerhalb des Westens hütete. Die bekanntesten Bilder sollten in Berlin gezeigt werden, dann kam der Verleih ins Stocken. Wir haben den Mann mit dem Schlüssel gefragt, ob er noch an das Projekt glaubt.

Anzeige
Sie kommt. Sie kommt nicht. Kommt sie doch? Monatelang hat Berlin auf 60 Leihwerke aus der spektakulären Kellersammlung des Teheraner Museums für Zeitgenössische Kunst (TMoCa) gewartet, darunter ein auf 400 Millionen Euro geschätzter Pollock, bekannte Gemälde von Rothko und Picasso. Eintrittskarten waren bereits verkauft, Wände freigeräumt. Frank-Walter Steinmeier, noch Außenminister zu dem Zeitpunkt, sollte am 4. Dezember 2016 die Eröffnungsrede in der Berliner Gemäldegalerie halten.

Als das SZ-Magazin Anfang Oktober das Teheraner Museum besuchte, waren die Holzkisten für den Transport gerade eingetroffen. Firouz Shahbazi, 65, der Kellerwart aus unserer Geschichte, der fast vier Jahrzehnte die Schlüssel zum Kunstdepot hütete, bereitete damals den Katalog vor. Shahbazi nennt die berühmten Werke »meine Kinder«. Er freute sich darauf, dass sie bald ins Ausland reisen würden. Dann erteilte der iranische Präsident Hassan Rohani aus innenpolitischen Gründen keine Ausfuhrgenehmigung, die Werke blieben in Teheran. Die Gemäldegalerie musste die bereits verkauften Karten zurückgeben, Berlin kündigte vorerst den Kooperationsvertrag.
Anzeige

Genau jene 60 Kellerwerke, die nach Berlin reisen sollten, stellt das TMoCa nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion nun seit diesem Dienstag bis Mitte Juni in den eigenen Wänden aus. Auf Ausstellungsplakaten werden die Bilder überraschenderweise als »Berlin Rome Travellers« bezeichnet. Ein Signal, dass sie doch noch nach Deutschland kommen?

Die Zusammenarbeit mit dem TMoCa ist ein Lieblingsprojekt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, das er noch als Außenminister einfädelte. Mit der Idee dahinter, über Kulturaustausch mit einem schwierigen Land wie dem Iran ins Gespräch zu kommen. »Es hat 15 Jahre gedauert, ein Atomabkommen mit dem Iran zu verhandeln«, sagt ein Diplomat im Auswärtigen Amt. Dass westlichen Werke, die jahrzehntelang weggesperrt wurden, jetzt in Teheran gezeigt werden können, sei ein »ermutigendes Zeichen«, dass es mit der Berliner Ausstellung doch noch klappt. Vielleicht im Sommer.

Was denkt Kellerwart Firouz Shahbazi? Wir haben ihn diese Woche noch mal in Teheran interviewt.

SZ-Magazin: Sie waren schon 1977 bei der glamourösen Eröffnung des TMoCa dabei. Wie haben Sie diese Woche die Vernissage der Bilder erlebt, die nun vielleicht doch nach Berlin kommen?
Firouz Shahbazi:
Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Bilder jetzt bei uns gezeigt werden können, bevor sie ins Ausland gehen. Es ging alles sehr schnell: Die Gäste haben die Einladung erst in der Nacht auf Dienstag bekommen, noch am Vormittag haben wir die letzten Bilder aufgehängt. Die Reden waren kurz, es gab Tee und Kekse. Berühmte Künstler und Schriftsteller unseres Landes waren da. Und viele Kunststudenten, die sich auffallend zurecht gemacht hatten und sich aufgeregt über die Werke unterhielten. Die meisten von ihnen hatten den Rothko, den Warhol, den Picasso und die anderen Bilder ja noch nie in echt gesehen. Unser Museumsshop hat diese Woche viele Poster verkauft. Die Ausstellung ist ein besonderes Ereignis im Iran.

Waren Sie enttäuscht, als Sie Ende Dezember hörten, dass die Ausstellung in Berlin vorerst abgesagt wurde?
Viele meiner Kollegen waren sehr traurig, ich auch. Wir haben hart gearbeitet, der Transport war geklärt, die Katalogfotos für Berlin waren fertig. Wir warteten darauf, dass wir die Bilder endlich losschicken können.

Es gibt viele Künstler im Iran, die gegen den Verleih sind. Manche äußern sogar die Sorge, dass die Bilder nicht zurückkommen. Was sagen Sie den Kritikern?
Ich verstehe nicht, wie sie überhaupt auf diese Sorge kommen. Die Bilder gehören dem iranischen Staat und stehen unter besonderem Schutz. Niemand kann sie einfach so verkaufen. Wir haben auch schon früher einzelne Bilder an ausländische Museen verliehen, zum Beispiel den Jackson Pollock und den Francis Bacon. Vielleicht sind die Leute diesmal kritischer, weil es um so viele geht. Und vielleicht, weil lange nicht klar war, wie der Verleih genau abläuft. Wenn beide Regierungen das von Anfang an transparenter gemacht hätten, wäre es besser gewesen.

Warum sind Sie für das Projekt?
Ich passe seit fast 40 Jahren auf die Bilder auf, ich sorge mich sehr um sie. Wenn wir früher Werke ans Ausland verliehen haben, sind sie jedes Mal in einem besseren Zustand wiedergekommen. Gelegentlich haben uns internationale Experten in Teheran besucht, um zum Beispiel den Max Ernst, den Franz Kline und den großen Picasso zu restaurieren. Allein deswegen bin ich sehr dafür, die Bilder nach Europa zu schicken. Unsere Lagerbedingungen im Keller sind schlecht. An vielen Werken müsste dringend etwas getan werden. Das können Fachleute im Ausland besser als wir.

Glauben Sie, dass Ihr Museum die Bilder noch nach Berlin schicken wird?
Ich hoffe es sehr. Wir wissen, dass die Europäer sich sehr auf die Bilder freuen. Dass sie jetzt erst bei uns ausgestellt werden, kann dazu beitragen, sie doch noch im Ausland zu zeigen. Es werden jedenfalls viele Menschen in den nächsten Monaten unsere Ausstellung besuchen, Künstler und Journalisten, Einheimische und Ausländer. Das ist gut für unser Museum und gut für die Werke.

Lesen Sie die im Herbst veröffentlichte Reportage über Firouz Shahbazi und die von ihm gehütete Kunstsammlung mit SZ Plus:


Mitarbeit: Hamid Ebrahimzadeh
  • Kunst

    »Es gibt keine richtige oder falsche Ästhetik«

    Jeff Koons will mit seiner Kunst so viele Menschen wie möglich ansprechen - und verlangt zugleich astronomische Preise dafür. Ein Gespräch über seine pornografische Kunst und die bewusstseinserweiternde Wirkung von Weißbier.

  • Anzeige
    Kunst

    »Kunst zu sammeln ist die schönste Krankheit, die es gibt«

    Kurator, Sammler und Auktionator – wer wissen will, wie der Kunstmarkt funktioniert, sollte Simon de Pury fragen.

    Interview: Sven Michaelsen
  • Kunst

    Tod und Verklärung

    Juliane Noack begann sich einen Namen als Schmuckkünstlerin zu machen, als sie beim Absturz der Germanwings-Maschine vor zwei Jahren in Frankreich starb. Ihrem Erfolg tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

    Von Florian Zinnecker