Das war ungefähr zu der Zeit, als im Frankfurter Westend ein gewisser Joschka Fischer Häuser besetzte und sich Straßenschlachten lieferte mit der Polizei, weswegen Sie ihn 2001 bei der 68er-Debatte im Deutschen Bundestag aufgefordert haben, Buße zu tun.
Ich möchte eigentlich nicht noch einmal über Herrn Fischer sprechen und die Debatte von vor sieben Jahren wiederholen. Fischers Steinwürfe spielten sich ausgerechnet in einer Zeit ab, die von Willy Brandt geprägt war, und für mich als Jugendliche war diese Zeit zum Beispiel mit dem Kniefall und der Öffnung nach Polen verbunden. Bei uns zu Hause wurden Brandt und Helmut Schmidt bewundert, aber ich habe mit Erstaunen später gelernt, dass für große Teile der westdeutschen Linken Helmut Schmidt offensichtlich eine Art Feindbild gewesen ist. Das passte nicht mit meinem Erleben der Zeit zusammen.
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Hat Fischer inzwischen hinreichend Buße getan? Er kokettiert ja in gewisser Weise nach wie vor mit dieser Zeit. Es gibt eine ganze Gruppe von Menschen, die glauben, dass sie allein der Maßstab der gesellschaftlichen Diskussion für die Bundesrepublik waren und sind. Das ist aber nicht angemessen, denn in einer pluralen demokratischen Gesellschaft geben nicht einige allein den Takt an. Unsere Gesellschaft ist vielfältig und erfordert ein Mindestmaß an Toleranz. Ich glaube jedoch, dass manche Seiten der 68er-Bewegung auch einen autoritären, intoleranten Charakter hatten.
Wird vielleicht gerade deswegen in Deutschland die Auseinandersetzung um 1968 immer wieder und in immer schärferen Schwarzweißstrukturen geführt? Inzwischen sind die 68er ja angeblich an allem schuld: Kindermangel, Bildungsnotstand, Rentenlüge, Sozialhilfebetrug, Vaterlandshass, Ausstieg aus Schlüsseltechnologien.
Ich halte generell nichts von Absolutheitssätzen.
Stimmt also alles nicht?
Bei der Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich auch einen Aufsatz über die 68er von Herrn Trittin aus dem Jahr 2003 gelesen. Das liest sich sehr selbstgenügsam, sodass ich schon verstehe, dass Menschen, die eine andere Meinung haben, sich herausgefordert fühlen, etwas dagegenzusetzen. So schaukelt sich das hoch. Ich zum Beispiel widerspreche entschieden der These, dass die Vollendung der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland nur durch die 68er passieren konnte. Und wenn jetzt andere wiederum dieser These von mir etwas entgegensetzen, dann ist das einfach nur Teil des geschichtlichen Diskurses und in Ordnung so. Es darf keine Sprechverbote über die Vergangenheit geben.
1998 gab Jürgen Habermas auf die Frage, was 1968 uns eigentlich gebracht hat, eine kurze Antwort: Rita Süßmuth. Kann man 20 Jahre später sagen: Angela Merkel? Hat 1968 die Bundeskanzlerin Angela Merkel erst möglich gemacht?
Die Tatsache, dass es vor mir Frauen in hohen Staatsämtern gab, vor allem natürlich aber auch das Jahr 1989 in der DDR hat unter anderem mich als Bundeskanzlerin möglich gemacht. Aber jetzt muss ich noch ein weiteres Mal darauf hinweisen: Die Deutschen sollen sich bitte nicht so wichtig nehmen und sich einbilden, dass sie 1968 erfunden hätten. Und noch etwas: Während ein Teil der Republik heute unermüdlich über 68 diskutiert, verschwinden zu viele Leistungsträger nach England, Norwegen und Island, wenn sie Mediziner sind, oder nach Amerika als Wissenschaftler. Irgendwann sitzen wir da und haben eine sehr schöne Diskussionskultur über die Vergangenheit, haben aber leider vollkommen versäumt, die Zukunft zu gestalten. Sie werden verstehen, dass ich genau das nicht möchte.
Angela Merkel war 14, als in Prag der politische Frühling und in Westdeutschland die 68er-Revolution ausbrach. Dass Merkel, geboren 1954, diese Zeit in der DDR erlebte, lag am Beruf des Vaters: Kurz nach der Geburt seiner Tochter 1954 in Hamburg übernahm er eine Pfarrei in Brandenburg. Nach der Schule in Templin studierte Angela Merkel in Leipzig Physik, ihr Engagement im Demokratischen Aufbruch 1989 begründete ihre erstaunliche Karriere in der rein westdeutsch geprägten CDU bis zur Kanzlerin.
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