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Liebe Lieblingsfrau: Die Singlekolumne 22. März 2017

Sekundenkleber für die Seele

Von Michalis Pantelouris  Foto: Stephanie Pfaender

Eine Frau hat unserem Kolumnisten eine Playlist geschickt. Zwei Lieder musste er sofort löschen – weil nicht nur Menschen, sondern auch Songs vergeben sein können.

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Liebe zukünftige Lieblingsfrau,

ich habe eine Playlist bekommen, was eine unfassbare Freude ist. Ich habe ewig keine Musik mehr gekriegt. Das ist mit dem Streaming irgendwie verloren gegangen. Aber jetzt habe ich erstens eine Frau getroffen – wiedergetroffen, genau genommen – und zweitens diese Playlist bekommen, voller Musik, die zeigt, was nur Musik sofort zeigen kann. Ich weiß nicht warum, aber selbst schlechte Popmusik kann in drei Minuten und 34 Sekunden Dinge erklären und einen fühlen lassen, für die man sonst Jahre braucht, oder wenigstens eine Autopanne zu zweit in einem alten VW Bulli an einem Strand in Griechenland an den einzigen zwei Regentagen im schönsten Sommer des Jahrzehnts. Ich glaube, dass Seelen sich berühren können. Und manchmal macht der richtige Song mit zwei Seelen, was Sekundenkleber mit Daumen und Zeigefinger macht, wenn man versucht, den Deckel der Zuckerdose zu reparieren: Es ist vielleicht eine künstliche Verbindung, und sie hält am Ende doch nicht so lange, wie es sich im ersten Moment anfühlt, aber verdammt, sie ist ganz schön fest.
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Ich habe also eine Frau getroffen. Ich habe dir schonmal von ihr geschrieben – sie hat eine Zahnlücke und lacht wie ein Bauarbeiter. Wir sind außerdem fast Nachbarn, was mir beim ersten Mal nicht klar war, und plötzlich stand sie in dieser Bar, wo sie so nerdig sind mit ihren Drinks, dass sie dich nicht nur aus 20 Sorten Gin aussuchen lassen, sondern auch aus sechs Sorten Tonic Water. Wusstest du, dass es trockenes Tonic gibt? Ich nicht. Jedenfalls haben wir über Musik geredet. Und nachts hat sie mir eine Playlist geschickt. Und ich habe diese Playlist sofort geliebt.

Wie sehr sie getroffen hat, konnte man schon daran sehen, dass ich zwei Lieder sofort streichen musste, weil sie zu anderen Frauen gehören. Es gibt 20 Millionen Lieder auf Spotify, angeblich vier Millionen davon werden tatsächlich auch mal von jemandem gestreamt, und ich hatte in meinem Leben wahrscheinlich sieben Lieder, die zu bestimmten Frauen in meinem Leben gehören, und ich würde sagen, drei davon sind absolut unverhandelbar. Die gehören nur denen und niemandem sonst. Auf der Playlist waren 14 Lieder, darunter zwei der drei Unverhandelbaren. Das, Madame, nenne ich mal eine Playlist, die einen umhaut. Wer rechnet denn mit sowas?

Ich habe angefangen, die Antwort zu basteln. Das ist auch so eine Art Brief, irgendwie, und ich werde dir jetzt nicht sagen, welche Lieder ich aussuche, weil du sie entweder irgendwann hören wirst, oder weil sie einer anderen Frau gehören, zumindest in dieser Kombination. Aber es ist merkwürdig, wie oft man beim Basteln einer Playlist für eine Frau an Lieder denkt, die schon vergeben sind. Wahrscheinlich, weil sie so viel über mich erzählen würden. Manchmal denke ich, was soll's, wenn du Leben mit mir teilen möchtest, dann gehört dazu auch alles das, was ich an Geschichte mitbringe, und wenn ich mich neu vergeben kann, warum dann nicht auch ein Lied? Aber es geht nicht. Also, das Lied geht nicht. Manche nicht.

Ich kann dir erzählen, wie ich unter meinen Kopfhörern in einem Überlandbus in England gesessen und in den kalten, weichen Morgen gestarrt habe, an dem die Sonne beschlossen hatte, nur den Nebel zu färben anstatt die Landschaft zu beleuchten. Ich habe in die verwaschene Welt geblickt, ohne sie wirklich wahrzunehmen, und an eine Frau gedacht, die ich nie wiedersehen würde. Ich habe daran gedacht, wie sie gelacht hat, als ich in Bristol beim Poolbillard gegen den Sohn eines Pubbesitzers verloren habe, der so klein war, dass er zum Spielen auf eine Bierkiste steigen musste. Und wie sie gesungen hat im Auto, die Füße mit den rotlackierten Nägeln auf der Ablage. An die tätowierte Rose auf ihrem Po. Das alles kann ich dir erzählen. Aber nicht, welches Lied unser Lied war, und das ich wieder und wieder gehört habe, während ich verloren im Nebel in eine Richtung fuhr, von der ich nur wusste, dass es die falsche war. Und schon gar nicht kann ich es dir auf eine Playlist schreiben. Es ist das eine, eine Vergangenheit zu haben. Sie hat mich hierher gebracht, und ich bin sehr froh über sie. Aber ich will sie nicht mehr leben.

Ich will dir alles erzählen. Ich weiß nicht, ob du das bist, die mit der Zahnlücke und der Laufmasche und dieser Art zu sagen »ein’ nehm’ wir noch«, an der man schon hört, dass es eher drei werden. Aber ich weiß, dass ich dich finden werde. Und dann mache ich dir eine neue Playlist. Oder, noch besser, wir machen eine gemeinsam.

Ich freu mich schon auf unser Lied.
Michalis Pantelouris

Der deutsch-griechische Journalist lebt in Hamburg, und die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit sehr jungen Frauen: Seine Töchter sind, seitdem seine Frau sich von ihm getrennt hat, nur noch jede zweite Woche bei ihm. In den anderen Wochen hat er begonnen, sich auch wieder mit etwas älteren Frauen zu beschäftigen – was zwölf Jahre nach dem letzten Date gar nicht so einfach ist, wie es sein sollte. »Es ist genau wie Fahrradfahren«, sagt er, »wahnsinnig wackelig, wenn jemand anderes mit dabei ist.«