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Vorgeknöpft: die Modekolumne 30. März 2017

Kleidung wie Raufasertapete

Von Silke Wichert  Foto: dpa

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie dieses Bild betrachten? Nichts? Stimmt. Für den Tag nach ihrem Wahlsieg hat Annegret Kramp-Karrenbauer ein Outfit gewählt, das sie fast unsichtbar machte.

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Das war natürlich unter der Gürtellinie. Da sitzen Theresa May und Nicola Sturgeon Anfang der Woche in Glasgow zusammen, um den Brexit und ein mögliches Unabhängigkeitsreferendum seitens Schottland zu diskutieren, und dann reden alle nur über: die Beine. »Legs-it« titelte die Daily Mail und analysierte haargenau Wadenhaltung und Schuhwahl der beiden Politikerinnen, was einen ordentlichen Sexismus-Aufschrei nach sich zog. Stimmt ja auch, kein Mensch achtet auf die Fußstellung und Beinkleider männlicher Politiker, obgleich Donald Trump vielleicht gerade dabei ist, das zu ändern.

Hierzulande jedenfalls wäre dieser Vorfall allein schon deshalb undenkbar, weil deutsche Politikerinnen selten in Rock und Pumps auftreten. Die meisten von ihnen, allen voran Angela Merkel und Ursula von der Leyen, tragen durchgehend Blazer und Hose. Sie wissen offensichtlich warum. Umso auffälliger war, was Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer aka AKK einen Tag nach ihrer deutlichen Wiederwahl bei der Pressekonferenz mit Angela Merkel trug. Eine...Trainingsjacke? Ein....Fleece-Shell? Einen...sportlichen Gehrock? Jedenfalls keinen der üblichen Blazer, sondern ein cremeweißes Etwas mit Reißverschluss, das offensichtlich deutlich mehr »casual« rüberkommen sollte. Und weil Politiker um die Kraft klarer Botschaften wissen, trug AKK nicht etwa eine Bluse darunter, sondern ein schlichtes Rundhals-T-Shirt in zartem ›Bleu‹.

Womöglich war der Subtext hier einfach: lockerer Wahlsieg. »Seht her, wie easy ich die 40,7 Prozent geholt habe.« Die entspannte Kleiderwahl offenbart nebenbei aber noch zwei Dinge: Dass sich AKK durchaus für Modetrends interessiert, also irgendwo aufgeschnappt hat, Blazer/Mantel/Jacke mit einfachem T-Shirt drunter sei im Zuge der fortschreitenden Casualisierung der Mode gerade ein Riesentrend. Damit zumindest liegt sie absolut richtig.


Der Auftritt zeigt allerdings auch, wie verkrampft die politische Kleiderordnung hierzulande immer noch ist. Äußerlich darf nicht zu viel los sein, sonst wirkt es gleich oberflächlich, inhaltsleer. Eine elegant gekleidete Bildungsministerin wie Frankreichs Najat Vallaud-Belkacem – undenkbar. Andererseits wünschen sich die Bürger ja gerade ein bisschen mehr »Emotionalität«, wie Kramp-Karrenbauer nach der Martin-Schulz-Euphorie selbst erkannte. Also ein bisschen weniger Formalität? Mehr Volksnähe? Was auf Mode übertragen dann wohl auf irgendwas mit »Casual Wear« oder eben cremefarbene Reißverschlussjacken hinausläuft? So richtig authentisch kommt das noch nicht rüber, vorteilhaft sieht es sowieso nicht aus. »Relax-it« ist auf politischer Ebene ein schmaler Grat.

Typischer Instagram-Kommentar: »Trainierst du noch oder regierst du schon?«
Das sagt Angela Merkel: »Darf ich mir das für Ischia mal ausleihen?«
Das sagt der Wahlkampf-Berater: »Die offene Jacke, die die Körpermitte in den Fokus rückt, verweist natürlich ganz klar auf den CDU-Wahl-Slogan, Die Mitte.«


 



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Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Manche Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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