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Neue Fotografie 16. April 2017

Ein neues Bild der Liebe

Interview: Sarah Obertreis  Fotos: Eva-Marlene Etzel

Die Art, wie Liebe in den sozialen Medien inszeniert wird, hält die Fotografin Eva-Marlene Etzel für verlogen. Für ein Foto-Essay suchte sie nach neuen Wegen, dieses Gefühl darzustellen – und ließ sich von einem grausigen Eifersuchtsdrama inspirieren.



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Name:
Eva-Marlene Etzel
Alter: geboren am 2. August 1989
Wohnort: München
Website: eva-marlene.com
Ausbildung: Master in »Photographic Studies« an der Fachhochschule Dortmund

SZ-Magazin: Sie haben Ihr Projekt »Menschen, die behaupten sich zu lieben« genannt. Heißt das, die Paare auf Ihren Bildern tun nur so und mögen sich eigentlich gar nicht?
Eva-Marlene Etzel:
Das Projekt heißt deshalb so, weil ich mit der Frage spiele, wann die Liebe real ist. Wenn ich jemanden liebe und es keinem erzähle, auch dem anderen nicht, dann ist es in der Gesellschaft nicht als Liebe anerkannt. Dieses »Ich liebe dich« ist ein sehr starker Satz, der kommen muss. Die Liebe wird erst wirklich real, wenn ich es ausspreche. Deshalb habe ich diesen Ausdruck »behaupten, sich zu lieben« gewählt.
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Sind die Paare auf Ihren Fotos denn auch im wahren Leben zusammen?
Genau das soll sich der Betrachter fragen: Ist das jetzt alles nur gespielt, ist es echt? Am Ende weiß man nicht, welche Paare wirklich zusammen sind und welche nicht.

Wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv mit dem Thema »Liebe« beschäftigt haben?
Es hat damit angefangen, dass mein Herz gebrochen wurde und ich beschlossen habe, dass ich mich dieses Mal nicht in meinem Liebeskummer suhlen möchte. Ich war schon immer ein Mensch, der viel geliebt hat. Deswegen habe ich angefangen, ganz intensiv über dieses Gefühl nachzudenken, viel darüber zu reden, viel zu lesen. Durch diese intensive Beschäftigung habe ich den Herzschmerz viel schneller verarbeitet als bei den vorherigen zerbrochenen Beziehungen.

Was haben Sie persönlich über die Liebe herausgefunden?
Wie jede andere Fähigkeit auch, kann man Lieben lernen. Man lernt mit jeder gescheiterten Beziehung, mit jeder kleinen Verliebtheit, mit jeder Affäre, aber auch mit jeder Freundschaft. Du wirst stärker mit der Zeit und du weißt eher, was du willst.

Ihre Fotos sind sehr aufwändig inszeniert. Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie Sie auf diese ungewöhnlichen Settings gekommen sind?
Ich nehme Literatur immer gerne als Inspiration. Für eine meiner Strecken habe ich mich von den Shakespeare-Figuren Othello und Desdemona inspirieren lassen. Desdemona verliebt sich nicht in Othello selbst, sondern in seine Abenteuerlust und seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Sie heiraten, aber Othello ersticht sie irgendwann aus Eifersucht. Erst nach Desdemonas Tod erfährt er, dass sie ihn gar nicht betrogen hatte. Die beiden lieben sich wirklich, aber sie schaffen es nicht, zu kommunizieren. Wie oft passiert es, dass man sich in jemanden verknallt, aber man hat sich eigentlich gar nicht in die Person verliebt, sondern in das Bild, das man von der Person hat?

Wieviel hat die grausame Geschichte von Othello und Desdemona denn mit dem Paar zu tun, dass die beiden für Sie dargestellt haben? Man sieht die beiden auf Ihren Fotos unter anderem traurig in einer leeren Badewanne sitzen. 
Die zwei sind zwar wirklich zusammen, aber sie sind Schauspieler. Deswegen habe ich sie auch für eine besonders anspruchsvolle Geschichte ausgewählt. Sie waren total betroffen, als sie dann die Fotos von sich in ihren Rollen gesehen haben. Es war für sie komisch, diese traurigen Bilder von sich zu betrachten, die vielleicht auch negative Momente in ihrer eigenen Beziehung widergespiegelt haben.

Sie kritisieren, dass in der Werbung und auf Social Media bloße Stereotypen der Liebe vermittelt werden. Was machen Ihre Fotografien anders? Wie spiegeln sie die Wirklichkeit wieder, wenn sie doch inszeniert sind?
In der Werbung siehst du ein verliebtes Pärchen. Natürlich weißt du, dass die nicht wirklich verliebt sind, aber diese Werbung will, dass du das denkst, so dass du dich dann auch gut fühlst und irgendein Produkt kaufst. Auf den Social-Media-Kanälen willst du immer ein schönes Bild von dir, deiner Arbeit und deiner Beziehung abgeben. Die meisten Menschen werden nie ein Foto von sich posten, wie sie gerade verheult auf dem Bett sitzen. Es wird immer der glückliche Moment am Strand sein. Meine Bilder sind anders. Sie stellen die Momente dazwischen dar.

Set-Design: Franz Töricht
Mode und Deko: Mario Keine/Vektor Berlin/hej store Dortmund
Styling: Anne Wencelides
Make-Up/Haare: Lucille Rohmer/Sarah Schwickart