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Wild Wild West: Amerikakolumne 30. März 2017

Mein Nachbar, der Berglöwe

Von Michaela Haas  Fotos: National Park Service

Los Angeles ist die einzige westliche Großstadt, in der Pumas leben. Einer von ihnen gilt als »einsamster Junggeselle« der Metropole – und war sogar Anlass für eine Gesetzesänderung.

Der legendäre Berglöwe P-22 lebt im Griffith Park, nahe des berühmten »Hollywood«-Schriftzugs. Das Foto stammt vom März 2014, damals wurde P-22 gefangen und medizinisch behandelt – nachdem er Rattengift gefressen hatte, war er an Räude erkrankt.
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Bitte merken Sie sich: Wenn Sie einem Berglöwen, auch Puma genannt, begegnen, dann schauen Sie ihm direkt in die Augen. Rennen Sie nicht weg. Machen Sie sich groß, machen Sie Lärm und bauen Sie sich so drohend auf, als seien Sie selbst ein großes, wichtiges Tier. Gleichzeitig treten Sie langsam den Rückzug an, aber ohne ihm den Rücken zu kehren. So jedenfalls hat es mir der Berglöwen-Experte vom National Parks Service eingebläut. Ich hoffe, dass ich mich im entscheidenden Moment daran erinnere, denn wir haben einen neuen Nachbarn.

Mein neuer Nachbar wiegt gut 65 Kilo und hinterlässt regelmäßig Reh-Skelette, wenn er mit seinem Abendessen fertig ist. Mein neuer Nachbar ist öfters im Fernsehen zu sehen, manchmal kreisen Hubschrauber, um ihn zu filmen. Mein nachtaktiver Nachbar wird nun regelmäßig auf dem örtlichen Universitäts-Campus gesichtet, meist früh morgens zwischen 4 und 5 Uhr, manchmal auch gegen Mitternacht. Und damit hat er die ganze Nachbarschaft stärker in zwei verfeindete Lager gespalten als Trump: Es gibt nur begeisterte Bewunderer und erbitterte Gegner, nichts dazwischen. 

Los Angeles ist die einzige Metropole in der westlichen Welt, in der sich Pumas wohlfühlen. (Die einzige andere Großstadt mit großen Wildkatzen ist Mumbai.) Das ist ja das Schöne an Amerika: Dass die Natur immer in Reichweite liegt. Selbst bei einem 18-Millionen-Moloch wie Los Angeles muss man nur einige Meilen fahren und steht mitten in unberührten Weiten, in denen Berglöwen und Habichte jagen. Diese Gegensätze sind viel krasser und unmittelbarer als in Europa, und deshalb sind vielleicht auch die Kämpfe erbitterter.
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Die Santa-Monica-Berge erstrecken sich von den Hollywood Hills, wo die Stars leben, bis runter an die Pazifikküste. Sie beherbergen Koyoten, Rehe, Füchse, Luchse, Waschbären, sogar den einen oder anderen Schwarzbären und eben ein gutes Dutzend Berglöwen. Etwa 15 Pumas jagen in den Bergen von Santa Monica, 11 von ihnen tragen GPS-Bänder, durch die sich die Forscher Antworten erhoffen auf die Frage: Wie überleben diese großen wilden Katzen in einem öffentlichen Raum, der ihre Lebensweise immer mehr beschränkt? Nun ist das Problem ja folgendes: Die Menschen ziehen von Downtown in die Berge, weil sie nah an der Natur sein wollen. Gleichzeitig soll aber bitte die Natur nicht zu natürlich sein. Dass das Unkraut im Garten wuchert, ist ja schon schlimm genug. Hin und wieder verirrt sich ein Berglöwe in einen Vorgarten oder den Campus der Pepperdine Universität in Malibu. Sogar Schauspieler Will Smith prahlte schon einmal bei Ellen deGeneres im Fernsehen, er habe einen Löwen in seinem Vorgarten fotografiert. Ein Ranger empfahl ihm, Löwenurin zu verschütten, um dem Tier vorzugaukeln, hier wohne schon ein mächtigerer Konkurrent, aber Smith scherzte, er wolle die Katze lieber in den Garten von Denzel Washington umsiedeln.

Gerade erst ist es wieder passiert: Eine Hundebesitzerin in Glendale bei Los Angeles wollte kurz vor Mitternacht noch schnell ihren Pudel zum Gassi gehen in den Vorgarten lassen. Wie aus dem Nichts sprang ein Berglöwe über den Zaun, schnappte sich den Pudel, aber schaffte es dann mit der Beute nicht wieder zurück über den hohen Zaun. Die schockierte Hundebesitzerin musste ihren toten Schoßhund von den Zaunspitzen ziehen. »Das Ganze hat weniger als eine Minute gedauert«, erzählt Andrew Hughan vom kalifornischen Ministerium für Fisch und Wild. Für ihn ist das Alltag: »Dass ein Haustier getötet wird, ist für uns kein Grund, eine Abschusserlaubnis zu erteilen. Das Risiko müssen Menschen akzeptieren, die hier leben.«

Ein weiblicher Berglöwe in den Verdugos-Bergen, aufgenommen mit einer Fotofalle. Im Hintergrund die Lichter von Los Angeles.
Dass die Löwen bleiben, liegt auch daran, dass Los Angeles da wesentlich toleranter ist als andere Städte. Selbst als ein Löwe in den örtlichen Zoo einbrach und einen Koala köpfte, entschied sich die Stadt, den Löwen am Leben zu lassen. Da sei man eben selber schuld, wenn man die Zoo-Zäune nicht hoch genug gebaut habe. Aber je mehr sich die Häuser in die umliegenden Canyons und Berge ausbreiten, desto öfter gibt es Konflikte. Als ich einmal gerade nach Santa Monica fuhr, kreisten plötzlich drei Polizeihubschrauber über uns: Ein junger Berglöwe hatte sich durch einen Abwasserkanal direkt in die Innenstadt nahe der Fußgängerzone verirrt und die Polizei erschoss ihn innerhalb von Minuten, bevor die Park Ranger mit ihren Sedierungspfeilen anrücken konnten.

Und in Malibu eskalierte der Streit jüngst, als ein Berglöwe eine Herde Alpacas riss und der Ranchbesitzer, ein ehemaliger SWAT-Offizier, drohte, da werde wohl einer einfach den Löwen abschießen und irgendwo begraben. Als er eine Abschusserlaubnis beantragte, wurde der Ranchbesitzer so vom Zorn seiner Mitbürger überrollt, dass er doch nicht schoss. Freiwillige von der National Wildlife Federation bauten den Alpacas stattdessen kostenlos eine löwensichere Behausung. Gleichzeitig hat Trump, dessen Söhne leidenschaftliche Großwildjäger sind, bereits angekündigt, die Liste bedrohter Tierarten zu »modernisieren« und mehr Wildtiere zum Abschuss freizugeben. 

Sowohl die Liebe als auch der Hass laufen zu Hochform auf, wenn es um Hollywoods berühmtesten und einsamsten Junggesellen geht. Das ist natürlich nicht Brad Pitt – er heisst P-22. Der muskulöse sieben Jahre alte Berglöwe lebt abgeschnitten von seinen Kameraden in Sichtweite des berühmten Hollywood Schriftzugs, des Griffith Observatoriums - und rund zehn Millionen Wanderern jedes Jahr, die keine Ahnung haben, dass sie vermutlich gerade neben einer Katze durch den Griffith Park klettern. Normalerweise durchstreifen Berglöwen ein Territorium von 200 Quadratkilometern, aber P-22 ist seit fünf Jahren von den zehnspurigen Freeways auf den 20 Quadratkilometern des Griffith Park in Los Angeles eingeschlossen. »Er ist der einzige, der es geschafft hat, die Freeways zu überqueren. Isoliert, gefährdet, eingeschlossen vom Verkehr, damit können sich die Angelinos identifizieren«, sagt Naturschützerin Beth Pratt von der National Wildlife Federation.

Mehrmals im Jahr findet sie tote Berglöwen am Rande der Autobahn. Pratt hat sich sogar ein Tattoo von P-22 auf den linken Arm stechen lassen und will 50 Millionen Dollar einsammeln, um den Löwen eine Brücke über Amerikas meistbefahrene Autobahn zu bauen; es wäre, na klar, die größte Wildbrücke der Welt. »Er ist die Katze, die Amerika verändern wird, weil die Menschen begreifen, dass wir mit unseren Nachbarn friedlich zusammen leben müssen.« Die Katze, die Amerika veränderte ist auch der Titel eines neuen Dokumentarfilms von Tony Lee über P-22, der gerade in Santa Barbara Weltpremiere feierte. Schon jetzt hat P-22 die Gesetze verändert: Als er vor drei Jahren schwer an mit Rattengift verseuchter Beute erkrankte, verbot Los Angeles Hausbesitzern, Rattengift zu streuen.

Ohne menschliche Hilfe haben die Löwen von Los Angeles kaum Überlebenschancen: Sie werden durch Inzucht geschwächt, weil die Autobahnen sowohl den Zuzug neuer Löwen als auch die Abwanderung der Jungtiere fast unmöglich machen. Ihre größte Bedrohung sind Rattengift, Verkehr und die stetig fortschreitende Betonierung ihres Lebensraums. Jüngere männliche Berglöwen werden von den älteren Rivalen getötet, weil in den Bergen einfach nicht genügend Platz für alle ist.

»Wir müssen die Wildtier-Brücke bauen, sonst sterben die Löwen in den nächsten Jahrzehnten aus«, sagt Beth Pratt und vergleicht den majestätischen P-22 sogar mit »James Dean, ein Rebell in einem unbekannten Gelände. Er wird nie eine Freundin haben, weil keiner die Autobahnen überqueren kann.« P-22 hat sogar ein eigenes Facebook-Profil. Darauf posten seine Fans Fotos von weiblichen Pumas, mit der Frage: »Na, ist sie dein Typ?«

Aber solange sich die Löwen nicht so weit an Hollywood anpassen, dass sie auf Facebook oder Tinder selbst nach attraktiven Löwinnen Ausschau halten können, müssen die Menschen nachhelfen. Wenn es sein muss, mit einer 50 Millionen Dollar teuren Liebes-Brücke.
Michaela Haas

ist deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles und wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Aber dass sich Milliardär Donald Trump mit seinem Gorilla-Gehabe in das Weiße Haus gerüpelt hat, ist ja nur möglich, weil Amerika tief gespalten ist und viele Verrücktheiten zum Alltag gehören, die in Deutschland undenkbar wären. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen.