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aus Heft 14/2017 Design & Wohnen

Landreform

Von Till Raether  Illustration: Sammy Slabbinck

Den berühmtesten Gemüsegarten der Welt hat Michelle Obama am Weißen Haus in Washington angelegt. Was wird unter Donald Trump daraus? Wir hätten da ein paar Ideen.

Golf statt Gemüse? An Michelle Obamas Felderzeugnissen dürfte Donald Trump wenig Interesse haben.
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Nachmieter im Weißen Haus sind selten zimperlich mit den Umbauten und der Landschaftsgestaltung ihrer Vorgänger. Ronald Reagan ließ die Solarzellen vom Dach reißen, die Jimmy Carter installiert hatte. Bill Clinton ließ den Platz zum Hufeisenwerfen, den George Bush Senior gebaut hatte, einebnen. George Bush junior ließ Bill Clintons Joggingpfad zurückbauen und rekonstruierte dafür die Hufeisenzielwurfanlage seines Vaters.

Es geht also ständig hin und her, und deshalb war es kein Wunder, dass Michelle Obama im Herbst vorigen Jahres Vorkehrungen traf, um ihren Gemüsegarten auf dem »South Lawn«, dem Südrasen des Weißen Hauses, zu befestigen und zu sichern. Gemulchte Wege wurden durch Steinplatten ersetzt, die Beete bekamen Einfassungen aus Metall und der Bogengang ein Betonfundament. »Die First Lady Michelle Obama geht sicher, dass wer auch immer das Weiße Haus bewohnt ihren legendären Gemüsegarten nicht einfach herausrupfen kann«, schrieb die US-Zeitung Politico. »Oder zumindest nicht, ohne großes Aufsehen zu erregen.«

Michelle Obama hatte den Garten 2009 angelegt, um ihre Töchter nicht mehr von Sandwiches und Staatsbanketten zu ernähren und um zugleich eine große Kampagne für gesünderes Essen zu initiieren. Schnell wurde ihr Garten zu einem Symbol der Obama-Ära. Fotos von ihr, im Mutterboden kniend und mit Gartenhandschuhen Gemüse erntend, zahlten ein auf das Image der Obamas als bei allem Glamour doch handfeste und bodenständige Familie.

Nun hat die aktuelle First Lady Melania Trump verkündet, den Gemüsegarten des Weißen Hauses erhalten zu wollen, aber bekanntermaßen verbringt sie nur wenig Zeit in Washington. Und ihr Mann, der Präsident, arbeitet mit Hingabe daran, die Spuren seines Vorgängers aus der Gesetzgebung und Geschichtsschreibung zu tilgen. Zudem wird der Gemüsegarten vom National Park Service gepflegt, einer Behörde, die Trump seit dem ersten Tag seiner Amtszeit auf dem Kieker hat, als sie Fotos seiner Vereidigungszeremonie veröffentlichte, auf denen zu viel National Park und zu wenige Trump-Anhänger zu sehen waren. Die Chancen, dass Michelle Obamas Gemüsegarten stehen bleibt, scheinen also nicht allzu groß.

Doch was könnte Präsident Trump aus dem Garten machen?

Kartoffelacker

Donald Trump hat unmittelbar nach seinem Amtsantritt angeordnet, dass im Weißen Haus sein Lieblingssnack vorrätig zu sein hat: Kartoffelchips der Marke Lay’s. Als Mann der Tat und der Scholle könnte er sich positionieren, indem er aus dem Gemüsegarten einen Kartoffelacker macht. Bei hundert Quadratmetern Nutzfläche ist nach Angaben erfahrener Kleingärtner mit einem jährlichen Ertrag von 300 bis 400 Kilogramm Kartoffeln zu rechnen. Da pro Chipstüte etwa ein Kilo Kartoffeln verarbeitet wird, könnte der Präsident also seinen Kartoffelchipsbedarf fürs ganze Jahr aus dem Gemüsegarten decken und sich so als autarker Selbstversorger in Szene setzen.

Neuer Hot Tub für Stephen Bannon

Zu den Begleitumständen der Trump-Präsidentschaft gehören die beklagenswerten Details, die immer wieder aus seinem Leben und dem seiner Leute bekannt werden. Sein Chefstratege Stephen Bannon etwa, bekennender Leninist, Apokalyptiker und Zerstörer des »Verwaltungsstaates«, erregte Ende Februar Aufsehen, als durchsickerte, ein früherer Vermieter habe sich beklagt, dass ein »Hot Tub« in einem bis 2015 von Bannon gemieteten Haus in Florida durch Säure beschädigt worden sei. Bei einem »Hot Tub« handelt es sich um einen whirlpoolähnlichen Bottich für mehrere Personen, bestimmt für die außerhäusige Nutzung. Was auch immer in Bannons Bottich mit der Säure angestellt wurde, Tatsache ist: Es braucht einen neuen »Hot Tub«. Da Trump Bannon jeden Wunsch von den Augen abliest (»Muslim Ban«), wäre es naheliegend, dass er seinem Lieblingspopulisten hinterm Weißen Haus ein Planschbecken aufstellen lässt, in dem der Schurke sich von seinem Tagwerk erholen kann.

Krawatten-Testparcours

Trump hat Schwierigkeiten, negative Bilder von sich in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Immer wieder tauchten etwa verstörende Fotos auf, die zeigten, dass der Präsident seine überlangen Krawatten auf der Rückseite mit Tesafilm zu fixieren pflegt. Verschiedenen Kommentatoren diente dieses Bild der notdürftig und unfachmännisch zusammengehaltenen Krawatte als Symbol für die ganze Präsidentschaft. Da der mächtigste Mann der Welt offensichtlich Probleme hat, seine Krawatten zu kontrollieren, böte es sich an, das Gemüsegartengelände auf dem South Lawn als Parcours zu nutzen, auf dem er oder geeignete Testpersonen mit Hilfe von ausgebildetem Personal unter verschiedenen Wind- und Witterungsbedingungen das Flatterverhalten seiner Binder prüfen und optimieren kann.

Aufmarschplatz für Mini-Militärparaden

Politische Beobachter können sich nicht einigen, ob es sich bei Trumps Präsidentschaft um den Beginn eines neuen Faschismus oder um ein inkompetentes Herumwurschteln handelt oder um beides. Falls Trump sich für Variante eins entscheiden sollte, Variante zwei aber nicht ganz ausschließen will, würde sich der hundert Quadratmeter Gemüsegarten als Exerzierplatz für kleinere Aufmärsche speziell uniformierter Trump-Truppen eignen: groß genug, um ein bisschen Stechschritt zu üben, aber nicht so groß, dass es noch unangenehmer auffallen würde als alles andere ohnehin schon.

Zen-Garten

Unbestätigten Gerüchten zufolge hat der Präsident Interesse daran geäußert, an der Stelle des Gemüsegartens den größten Bonsai der Welt zu pflanzen, riesig, enorm, wirklich riesig.Müllhalde für schadhafte Trump-DevotionalienDas nachhaltigste Symbol, das Trump seinem Land geschenkt hat, ist die rote Baseball-Mütze mit der Aufschrift »Make America Great Again«, zum irischen Nationalfeiertag Saint Patrick’s Day im März auch in Grün erhältlich. Leider gab es immer wieder Probleme mit diesen Devotiona- lien: Ein großer Teil der roten Mützen wurde in China hergestellt, was Trumps »America First!«-Philosophie widerspricht, und die grünen Mützen trugen statt des irischen Fadenklees (»Shamrock«) ein vierblättriges Kleeblatt, was die Iren erheiterte. Es läge nahe, dass der Präsident den Gemüsegarten zur Mülldeponie aushebt, all die Mützen dort versenkt und flach mit einem anspruchslosen Bodendecker bepflanzen lässt (etwa Kriechspindel oder Kleinblättrige Teppichmispel).

Minigolf-Anlage

In Washington wurde bereits gewitzelt, Trump würde den Gemüsegarten zugunsten eines Putting Greens rasieren, da er weltweit Golfplätze gebaut hat und sich ausgesprochen gern auf ihnen aufhält. Sympathischer und volksnäher als ein Golfhügel zum Einlochen wäre aber womöglich eine Minigolfanlage, auf der der Präsident menschliche Nähe zu ausländischen Staatsgästen und einheimischen Schulkindern herstellen könnte. Deutsche Bauunternehmen frohlocken bereits und planen, die klassischen Betonbahnen, wie man sie von deutschen Minigolfplätzen kennt, um von Trump inspirierte Schikanen zu ergänzen: Mauern, Stacheldraht, Atombunker und gläserne Decken.

Naturschutzgebiet

Da Trump dabei ist, die Umweltschutzbehörde EPA praktisch aufzulösen und sich vom Klimaschutz zu verabschieden, könnte auf dem hundert Quadratmeter großen Gelände des Gemüsegartens künftig das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet der gesamten USA entstehen. FeuchtgebietDer Präsident trat sein Amt mit dem Vorhaben an, »den Sumpf in Washington trocken zu legen«. Dies ist ihm bisher nicht gelungen, hauptsächlich deshalb, weil er es nicht versucht oder bislang keinen geeigneten Sumpf vorgefunden hat. Nun hätte er die Gelegenheit, an entsprechender Stelle einen Sumpf anzulegen, an dessen Ufer er für den Rest seiner Amtszeit Kartoffelchips essen und über sinnlose Metaphern und leere Versprechungen sinnieren könnte.

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Till Raether

hat immer wieder diesen Moment vor Augen, als Donald Trump nach seiner ersten Pressekonferenz im Weißen Haus mit gebeugtem Rücken und trauriger Miene die Bühne verließ. Seitdem wird Raether den Verdacht nicht los, dass Trump genauso sehr unter sich selbst leidet wie andere unter ihm.

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