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aus Heft 15/2017 Die Gewissensfrage

Bitte nicht

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger   Illustration: Serge Bloch

Soll man einem Kind klar machen, dass es bei der Spracheingabe eines Smartphones auf Höflichkeitsformen verzichten kann?

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»Wenn meine sechsjährige Enkelin die Suchfunktion meines Smartphones mit Spracheingabe benutzen darf, sagt sie immer deutlich und betont ›Bitte‹ dazu, etwa ›Malvorlage BITTE Pferd‹. Das funktioniert gut, aber ich stehe auf dem Standpunkt, dass man bei der Kommunikation mit einer Maschine nicht höflich sein muss. Was meinen Sie dazu?« Hubert L., Mönchengladbach


Im Grunde stehen sich hier zwei Überlegungen gegenüber, die beide heute sehr relevant sind. Die eine ist, Maschinen nicht zu viele menschliche Eigenschaften zuzuschreiben, auch wenn sie teilweise menschlich wirken. Künstliche Intelligenz, die vielen Funktionen zugrundeliegt und sie teilweise menschlich erscheinen lässt, mag intelligent sein, dennoch bleibt sie künstlich.

Die andere Überlegung ist, dass, je ähnlicher eine Maschine dem Menschen wird, die Art, wie man sie behandelt, umso stärker auf den Umgang mit echten Menschen abfärbt. Immanuel Kant hat ein solches Abfärben in Bezug auf Tiere festgestellt und daraus eine indirekte Pflicht abgeleitet, nicht grausam zu Tieren zu sein. Mittlerweile haben Untersuchungen gezeigt, dass Videos von Grausamkeiten gegenüber Spielzeugrobotern, die sich wie Tiere benehmen, im Gehirn der Betrachter ähnliche Reaktionen auslösen wie solche von Grausamkeiten gegenüber Menschen.

Hier kommt als Besonderheit hinzu, dass Ihre Enkelin erst sechs Jahre alt ist. So haben in den USA Eltern festgestellt, dass ein elektronisches Gerät, das auf Zuruf auch ohne »Bitte« Fragen im Internet nachschlägt oder Befehle ausführt, sich negativ auf die Umgangsformen ihrer Kinder auswirkt, weshalb Forderungen nach einem Kinder-Modus laut wurden, in dem das Gerät nur reagiert, wenn das Kind »Bitte« sagt. Dies deckt sich mit der Idee, dass Kinder zu Höflichkeit anzuhalten auch dazu dient, richtiges Verhalten gegenüber Mitmenschen zu üben, schon bevor ein echtes Verständnis für moralische Verpflichtungen besteht.

Insgesamt folgt für mich daraus, dass man auch einer Maschine gegenüber gewisse Grenzen nicht überschreiten sollte, aber nicht höflich sein muss; bei Kindern jedoch könnte das im Rahmen der Erziehung durchaus sinnvoll sein.
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Literatur:

Zu Gefühlen und sonstigen Reaktionen beim Umgang mit Robotern und Maschinen:

Alice Truong »You’re a real sweetheart«: The surprisingly human ways people respond to an AI assistant Quartz, 29. Februar 2016 Online abrufbar hier.

Richard Fischer Is it OK to torture or murder a robot? BBC Future, 27. November 2013 Online abrufbar hier.

Ethan Zuckerman Kate Darling on Robot Ethics, 19. November 2013 Online abrufbar hier.

Charles Q. Choi Brain Scans Show Humans Feel for Robots IEEE Spectrum, 24. April 2013 Online abrufbar hier.

Darling, Kate, Extending Legal Protection to Social Robots: The Effects of Anthropomorphism, Empathy, and Violent Behavior Towards Robotic Objects (April 23, 2012). Robot Law, Calo, Froomkin, Kerr eds., Edward Elgar 2016; We Robot Conference 2012, University of Miami Online abrufbar hier.

Simon Parkin How Evil Should a Video Game Allow You to Be? The New Yorker, 17. September 2013 Online abrufbar hier.

Zum Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, insbesondere Roboter:

Kurt Gray, Daniel M. Wegner Feeling robots and human zombies: Mind perception and the uncanny valley Cognition 125 (2012) 125–130

Jan-Philipp Stein, Peter Ohler Venturing into the uncanny valley of mind—The influence of mind attribution on the acceptance of human-like characters in a virtual reality setting Cognition 160 (2017) 43–50

Adrienne LaFrance What is a Robot? The Atlantic, 22. März 2016 Online abrufbar hier

Die Überlegung, Maschinen, insbesondere Roboter, nicht zu sehr wie einen Menschen zu behandeln, ist auch insofern von Bedeutung als G.W.F. Hegels Überlegungen zu Herr und Knecht in seiner Phänomenologie des Geistes zufolge der Herr von der Anerkennung durch den Knecht abhängig ist. Demzufolge ließe sich argumentieren, dass der Mensch – zumindest im Geiste – umso stärker von den Maschinen abhängig wird, je stärker er sie als menschenähnlichen Knecht ansieht.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke Band 3 Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1979, S. 145-155

Karen Gloy, Bemerkungen zum Kapitel »Herrschaft und Knechtschaft« in Hegels Phänomenologie des Geistes, Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd. 39, 1985, S. 187-213

Eine gute Einführung und Erläuterung bietet: Ralf Ludwig, Hegel für Anfänger. Phänomenologie des Geistes, dtv München 1997, S. 82-101

Zur Auswirkung vom Umgang mit Maschinen bei Kindern:

Hunter Walk Amazon Echo Is Magical. It’s Also Turning My Kid Into an Asshole Online abrufbar hier.

Alice Truong Parents are worried the Amazon Echo is conditioning their kids to be rude Quartz, 9. Juni 2016 Online abrufbar hier.

Zum Umgang mit Tieren bei Kant: »In Ansehung des Schönen, obgleich Leblosen in der Natur ist ein Hang zum bloßen Zerstören ( spiritus destructionis ) der Pflicht des Menschen gegen sich selbst zuwider: weil es dasjenige Gefühl im Menschen schwächt oder vertilgt, was zwar nicht für sich allein schon moralisch ist, aber doch diejenige Stimmung der Sinnlichkeit, welche die Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben (z. B. die schöne Krystallisationen, das unbeschreiblich Schöne des Gewächsreichs). In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Theils der Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Thiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt, weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird; obgleich ihre behende (ohne Qual verrichtete) Tödtung, oder auch ihre, nur nicht bis über Vermögen angestrengte Arbeit (dergleichen auch wohl Menschen sich gefallen lassen müssen) unter die Befugnisse des Menschen gehören; da hingegen die martervolle physische Versuche zum bloßen Behuf der Speculation, wenn auch ohne sie der Zweck nicht erreicht werden könnte, zu verabscheuen sind. Selbst die Dankbarkeit für lang geleistete Dienste eines alten Pferdes oder Hundes (gleich als ob sie Hausgenossen wären) gehört indirect zur Pflicht des Menschen, nämlich in Ansehung dieser Thiere, direct aber betrachtet ist sie immer nur Pflicht des Menschen gegen sich selbst.« Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, Akademie Ausgabe Band, S. 443 Online abrufbar hier

Zum Wert der Höflichkeit bei Kant: Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, AA Band VII S. 151f., Online abrufbar hier. Günstige Ausgaben sind beispielsweise im Meiner Verlag und im Reclam Verlag erschienen.

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, AA Band VI, S. 473f. Online abrufbar hier.

Zum Wert der Höflichkeit in der Erziehung:

André Comte-Sponville, Anleitung zum unzeitgemäßen Leben, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2001, Kapitel 1 Die Höflichkeit, S. 19–27, insbesondere S. 21ff. mit weiteren Nachweisen

In Großbritannien erlangte 2016 die Geschichte einer 86-jährigen Großmutter große Aufmerksamkeit in den sozialen aber auch klassischen Medien, als ihr Enkel ein Foto von ihrem Computerbildschirm postete, auf dem sie eine Suchmaschinenanfrage mit »please« und »thank you« einrahmte. Ausführlichere Informationen gibt es hier auf The Guardian und auf BBC. 

Dr. Dr. Rainer Erlinger

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