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Nackte Zahlen: Sexkolumne 17. April 2017

Zweisam am Gipfel

Von Alena Schröder  Illustration: Sammy Slabbinck

Männer kommen erwiesenermaßen öfter zum Orgasmus als Frauen: Eine Organisation kämpft mit Gratisvibratoren gegen diese Ungleichheit. Um die sogenannte Orgasmus-Lücke zu schließen, kann sie Erkenntnisse aus der Arbeitswelt übernehmen.

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Neben der in letzter Zeit häufig diskutierten Gehaltslücke gibt es noch einen weiteren Graben, der Männer und Frauen von einander trennt: Den so genannten Orgasm-Gap, die Orgasmuslücke. Umfragen in Deutschland und in den USA zufolge erleben gut 90 Prozent aller Männer beim Sex einen Orgasmus, während nur knapp über 60 Prozent der Frauen das Gleiche behaupten können.

Für diese Orgasmusdiskrepanz gibt es mehrere Gründe: Zum einen definieren immer noch sehr viele Männer Sex als die Zeitspanne zwischen rein und raus. Männerorgasmus vollzogen, Sex zu Ende. Und leider geben sich immer noch sehr viele Frauen damit zufrieden und denken sich: Ach, was soll ich den jetzt noch mal wecken, um ihm zu erklären, was mir Spaß macht, was soll`s, lass ich ihn halt schlafen. Dazu kommt die sowohl bei Männern als auch bei Frauen verbreitete Unwissenheit darüber, wie man einen weiblichen Orgasmus herstellt sowie eine kulturell bedingte Fixierung auf männliche Lust bei gleichzeitiger Unterdrückung der weiblichen.

Die Organisation »Sexy Liberation« hat dem Orgasm-Gap nun den Kampf angesagt. Sie verteilt und verschickt auf Anfrage gratis Sex-Spielzeug, mit dem Frauen herausfinden können, was ihnen Lust bereitet. Befriedigt und bestärkt sollen sie so in die Lage versetzt werden, dieses Wissen an ihre Männer weiterzugeben und praktische Umsetzung einzufordern. Erste Presseberichte haben nun zu einem regelrechten Ansturm auf das Angebot von »Sexy Liberation« geführt, was nur bestätigt, dass der Bedarf riesig ist und der Kampf gegen den Orgasm-Gap noch stärker politisiert und in die Öffentlichkeit getragen werden muss.

Die Kampagnen rund um den Pay-Gap – also die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen – können hier als Vorbild dienen. Denkbar wäre Beispielweise eine Gesetzesinitiative, die es Frauen erlaubt, die Orgasmusquote ihrer männlichen Kollegen, Freunde und Partner zu erfragen, um ein Bewusstsein für die herrschende Orgasmusungerechtigkeit zu schaffen. Sinnvoll wären auch verpflichtende Warnhinweise vor Internetpornofilmen, die gerade jüngere und unerfahrene Konsumenten vor Illusionen schützen sollen (»Bei der Produktion dieses Videomaterials ist keine Frau gekommen. Bei Fragen zum Umgang mit der Klitoris fragen Sie bitte eine Frau oder ihren Apotheker.«).

Um Frauen besser in die Lage zu versetzen, verbal die Befriedigung ihrer Bedürfnisse einzufordern, müssten an Volkshochschulen und anderen Bildungseinrichtungen Workshops zu Orgasmusverhand-lungsführung angeboten werden, während Kurse zu Anatomie und Handhabung weiblicher Geschlechtsorgane für männliche und weibliche Jugendliche so etwas wie der Schreibmaschinenkurs unserer Zeit werden sollten: etwas, was wohlmeinende Eltern ihren heranwachsenden Kinder aufdrängen, weil sie wissen, dass die davon profitieren werden.

Maskulinisten werden einwenden, dass die Orgasmuslücke vollkommen gerechtfertigt sei, schließlich hätten Frauen beim Sex ja auch viel weniger zu tun als Männer; ein bisschen auf dem Rücken liegen, mehr sei doch nicht dabei. In solchen Fällen helfen nur Guerilla-Aktionen, wie sie etwa aus Island bekannt sind. Dort verdienen Frauen im Schnitt 14 Prozent weniger als Männer und haben deshalb zu Tausenden beschlossen, einfach 14 Prozent früher Feierabend zu machen. Ein Protest, der mitunter zu einem Gesetz beigetragen haben dürfte, das die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen ab sofort unter Strafe stellt. Ähnliches ließe sich auch auf die Orgasmuslücke anwenden. Wenn unzufriedene Frauen nach Zweidritteln der durchschnittlichen männlichen Sexdauer einfach aussteigen, sich zur Seite drehen und einschlafen würden, würde sich die männliche Orgasmusquote von gut 90 Prozent auf 60 Prozent absenken.

Der Orgasm-Gap wäre damit geschlossen und es herrschte endlich Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern.
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Alena Schröder

ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie gelobt, keine »arm, aber sexy«-Kalauer in dieser Kolumne unterzubringen, die sie im Wechsel mit Till Raether schreibt.