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SZ-Diskothek 12. April 2017

Daddy Cash und Daddy Cool

Von Johannes Waechter 

Was hat der Schlagzeuger von Boney M. mit der Tochter von Johnny Cash zu tun? Und welche Rolle spielt das Beck's-Lied »Sail Away«? Dies ist die Geschichte von Rosanne Cashs erstem Album, das 1978 in München entstand.

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Die Überraschung verbirgt sich im Kleingedruckten. »Recorded at Jupiter Studio, Munich« steht hinten auf dem Cover des Albums Rosanne Cash. Im Lauf der Jahre dürften diese Worte den Fans, die die relativ seltene Platte in die Finger bekamen, einige Rätsel aufgegeben haben. Wieso hat Johnny Cashs älteste Tochter ihr Debütalbum 1978 ausgerechnet in München aufgenommen?

Mehrere Leute spielen eine Rolle in dieser Geschichte, doch die wichtigste spielt eine Frau namens Renate Damm, Anfang der Siebziger Promoterin und Tourneebegleiterin bei der Plattenfirma CBS. 1972 bringt Johnny Cash seine Show nach Deutschland, und Renate Damm betreut die Tour, lernt Cash und seine Frau June Carter kennen, genauso wie Rosanne Cash, Johnnys Tochter aus erster Ehe.

»Die haben mich einfach mitgerissen«, erzählt sie, so familiär und herzlich sei die Stimmung auf dieser und folgenden Tourneen gewesen. Renate Damm freundet sich mit der Familie an, und als sie im Urlaub nach Nashville fährt, lädt Johnny Cash sie ein, im Gästezimmer seiner Villa zu übernachten.

Die Freundschaft hält, auch als Renate Damm von der CBS zur Münchner Plattenfirma Ariola wechselt. Besonders engen Kontakt hat sie zu Rosanne Cash - und die befindet sich 1977 in einer Krise. »Ich habe damals die Lee-Strasberg-Schauspielschule in Los Angeles besucht«, erzählt sie, »und ich war dort nicht besonders glücklich.« Nach einer Einladung von Renate Damm fliegt die 22-jährige Rosanne Cash im Dezember 1977 nach München und quartiert sich in Damms Schwabinger Wohnung ein. »Ich weiß noch gut, wie sie mit ihrer Gitarre auf meinem Sofa saß und mir ihre Lieder vorgesungen hat«, erinnert sich Damm.

Renate Damm nimmt ihren Gast zu einer Party in der Firma mit und stellt sie den Ariola-Managern vor. »Renate hat richtig Werbung für mich gemacht, allen von meinen Songs vorgeschwärmt«, berichtet Cash. In der Firma merkt man schnell, dass das keine leeren Worte sind. »Ich weiß noch gut, dass ich sehr beeindruckt von ihr war«, erzählt der damalige Ariola-Boss Monti Lüftner. »Ich hatte das Gefühl, dass sie das Format des Vaters geerbt hat.« Lüftner zögert nicht lange und nimmt die Cash-Tochter unter Vertrag.

Die hat zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keine klaren Vorstellungen von ihrer Zukunft. »Ich wollte gerne Songwriterin werden«, sagt sie, »aber nicht unbedingt selbst auftreten und Platten machen.« Nun findet sie sich unversehens in einem Münchner Studio wieder. »Das war aufregend - und auch ein bisschen unheimlich.« Ihre Verunsicherung läßt sie sich jedoch nicht anmerken. Der Produzent Bernie Paul erinnert sich noch gut an die Sessions: »Rosanne war sehr professionell und vollkommen unbefangen. Man hat gemerkt, dass sie aus einer Familie kam, in der es üblich war, sich auf der Bühne zu präsentieren.«

Für Paul ist von Anfang an klar, dass Rosannes Debüt keine reine Country-Platte werden soll. »Ich habe versucht, ihre musikalischen Wurzeln einzubauen«, erzählt Paul, »aber insgesamt ein Album zu machen, das in Richtung internationaler Mainstream ging.« Zu diesem Zweck engagiert Paul einige der besten Studiomusiker, die es damals in Deutschland gibt, wie den Gitarristen Sigi Schwab und den Drummer Keith Forsey, Teil von Giorgio Moroders Munich Machine und auf Hits von Boney M. und Donna Summer zu hören. Diese Cracks finden sich auch im Countrypop zurecht, und es entsteht eine schöne Platte, auf der Rosanne Cashs Gesang und Songwriting gefühlvoll in Szene gesetzt werden werden.
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Bloß ein Hit ist nicht darauf. »Das wollte Rosanne nicht«, sagt Bernie Paul. »Sie hat sich dagegen gewehrt, kommerzielle Gassenhauer zu produzieren.« So blieb das Album ein einmaliges Projekt; ab 1979 setzte Rosanne Cash ihre Karriere in den USA fort. Ihr bis heute anhaltender Erfolg beweist jedoch, dass Monti Lüftner und Bernie Paul damals den richtigen Riecher hatten. Auch aus den anderen Beteiligten ist etwas geworden: Der Drummer Keith Forsey produzierte später die Erfolgsalben von Billy Idol und den Soundtrack zu Flashdance, und Bernie Paul wurde auf gewisse Weise unsterblich, als er die Beck's-Hymne »Sail Away« verfasste.

Renate Damm wohnt weiterhin in ihrer Schwabinger Wohnung und ist bis heute mit Rosanne Cash befreundet. Und natürlich besitzt sie auch noch ein Exemplar des Albums, das sie vor 30 Jahren angestoßen hat. Rosanne Cash hat ihrer Freundin eine Widmung aufs Cover geschrieben: »Renate, I couldn't have done it without you.«

Zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung, Ressort Münchner Kultur, 2. März 2009