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Vorgeknöpft: die Modekolumne 17. April 2017

Die Öhrchen steif gehalten

Von Maria Hunstig  Foto: Gettyimages / Alo Ceballos

In einem Anflug österlicher Frühlingsfreude streifte Paris Hilton kürzlich als kuschliges Schlabber-Kätzchen durch New York – und beweist damit stilistische Ausdauer.

Paris Hilton und Nicky Hilton Rothschild im New Yorker Stadtteil Soho
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Man mag Paris Hilton eine Menge Oberflächlichkeiten zuschreiben, aber dass sie sich ausschließlich Sorgen um ihr äußeres Erscheinungsbild macht, kann man ihr wirklich nicht unterstellen. Schauen Sie sich dieses Outfit an! Beim kürzlichen Bummel durch New York trug Hilton einen ausgebeulten schwarzen Trainingsanzug, Tanktop, Zotteltasche, Turnschuhe und ein Filzhütchen mit Katzenohren. Karneval in der Reha-Klinik.
 
Wer jetzt glaubt, Hilton sei von ihrer Schwester Nicky spontan zur Shoppingtour verpflichtet worden und habe aufgrund zeitlicher Not einfach ihren Schlafanzug angelassen, der irrt. Paris Hilton trägt den kuschligen Schluffi-Look aus Überzeugung – und das bereits seit über 15 Jahren.

Die 2000er Jahre waren durchaus ein fragwürdiges Modejahrzehnt. Jeans in Cowboystiefeln trafen auf breite Hüftgürtel, Boho-Röcke auf funkelnde Ed-Hardy-Shirts, auf ein Minimum heruntergezupfte Augenbrauen auf Toupierkamm und blonde Strähnchen – schwer zu sagen, welches die modische Hauptaussage war, ein Jahrzehnt des Understatements war es definitiv nicht.

Was sich den Jahren hingegen zusprechen lässt, ist die weitere Auflösung der Grenzen zwischen Freizeit-, Arbeits- und Abendkleidung. Immer mehr Freizügigkeiten (Hüftjeans mit sichtbaren  Stringtangas, nabeltiefe V-Ausschnitte bei Männer-T-Shirts) fanden Eingang in die Alltagskleidung, gleichzeitig wurde ein gewisser »Home Look« salonfähig – allen voran propagiert durch Paris Hilton.

Wenn sie nicht in glitzernden Mikrokleidchen und Pumps über Parties und rote Teppiche schwirrte, zeigte sich die damals überpräsente Hotel-Erbin bevorzugt in einem ihrer plüschigen Nicki-Ensembles in allen Regenbogenfarben – zumeist mit Glitzerapplikation der amerikanischen Marke Juicy Couture – übergroßer Sonnenbrille und Designer-Handtäschchen mit Chihuahua-Befüllung.

Dass dieser unbekümmerte Schlabber-Anzug, sozusagen der Vorreiter des heutigen Flughafen-Dressings, damals so medienwirksam dokumentiert wurde, lag einerseits an Hiltons Auftreten in den aufkommenden Reality-Fernsehshows wie The Simple Life oder My New BFF, andererseits an dem Aufstieg der Boulevardpresse und den ersten Klatsch-Webseiten wie PerezHilton.com, die sich ganz der Aufgabe verschrieben, Promis in ihrer ungeschminkten Normalität zu verfolgen.

Paris Hilton 2017 in ihrem geschmacklosen, aber ewigen Lieblingsoutfit zu sehen, löst ein wohliges Gefühl der Nostalgie und Beständigkeit aus. Während die Möglichkeiten der privaten Promiverfolgung durch Instagram, Snapchat und Co. ganz neue Ausmaße angenommen haben, die Stars auf diesen selbstgelenkten Kanälen aber alles andere als natürlich und »uninszeniert« rüberkommen; während sich ihre Schwester vom Partygirl zur sorgenden Mutter und konservativ gekleideten Milliardärsgattin entwickelt hat, ist bei Hilton eben immer noch 2004. Gut, ihr Schoßhündchen Tinkerbell ist mittlerweile verstorben, aber zum Ersatz hat sie sich ja immerhin selbst ein Paar Öhrchen aufgesetzt.

Mode vergeht, nur Stil bleibt bestehen. Auch wenn sich Zitatgeberin Coco Chanel bei dieser Feststellung im Grabe umdrehen würde: Nach ihrer Definition beweist Paris Hilton hier wohl wahren Stil.

Wird getragen von:
Paris Hilton. Für immer und ewig.
Wird getragen mit: Ed-Hardy-Shirt, Von-Dutch-Cap, Strassapplikationen, Schoßhündchen
Das Karl-Lagerfeld-Meme dazu: Ich kenne Strass, aber keinen Stress.
Typischer Instagram-Kommentar: #foreverjuicy
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Maria Hunstig

ist Redakteurin beim Modefachmagazin Sportswear International. Sie hat schon Leute in Würde eine Warnweste tragen sehen und ist deshalb überzeugt, dass Stil vor allem eine Frage der Haltung und des Kontexts ist. Diesem geht sie regelmäßig in dieser Kolumne auf den Grund.

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