Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 19°
Anzeige
Anzeige

Literatur 02. Mai 2017

Was würde Chloe sagen?

Von Mario Kaiser  Foto: dpa

Dieser Frau hat Barack Obama vor fünf Jahren ins Ohr geflüstert, dass er sie liebe: Toni Morrison. Das SZ-Magazin hat die Literatur-Nobelpreisträgerin nun getroffen. Dabei stießen die beiden Interviewer auch auf zwei spannende Dokumente im Gäste-WC.

Anzeige
Das Gespräch mit Toni Morrison war für die beiden Interviewer Mario Kaiser und Sarah Ladipo Manyika eine Art Rückkehr. Die beiden hatten sich vier Jahre zuvor im Norden des Bundesstaates New York kennengelernt, in die sie sich für die Arbeit an ihren eigenen Büchern zurückgezogen hatten. Ladipo Manyika schenkte Kaiser damals Morrisons Roman Heimkehr, und es war der Beginn einer Freundschaft, in der die einzige noch lebende amerikanische Literaturnobelpreisträgerin eine prägende Figur wurde. Ladipo Manyika, eine in San Francisco lebende Anglo-Nigerianerin, und Kaiser, ein in New York lebender Deutscher, sprachen so oft und intensiv über Morrison und deren Arbeit, dass sie ihr den Geburtsnamen zurückgaben: Chloe. Und sie fragten sich oft: Was würde Chloe sagen?

Jetzt fuhren die beiden mit dem Zug entlang des Hudson River, um Morrison in ihrem Haus im stillen Norden jenseits von New York City zu besuchen – und die Fragen zu stellen, die sie über die Jahre beschäftigt hatten. Morrison hatte nur eine Bedingung gestellt: Sie wollte nicht fotografiert werden. Aber jede Frage war erlaubt, und sie hatte kein Interesse daran, das Interview nachträglich zu glätten. Sie hatte das nicht nötig, weil sie druckreif und mit der gleichen Musikalität sprach, mit der sie schreibt. Morrison erzählte vom tiefsitzenden Rassismus Amerikas, sang Geschichten aus ihrer Kindheit und weigerte sich, den Namen des US-Präsidenten in den Mund zu nehmen. Sie lachte viel, besonders als es um die Kunst ging, geschmackvoll über Sex zu schreiben. Eine Stunde war vereinbart. Es wurden über zwei Stunden.

Am Ende hatten Kaiser und Ladipo Manyika das Vergnügen, Morrisons Gäste-WC zu bestaunen. Dort hing statt eines Spiegels der gerahmte Gratulationsbrief des Nobelpreis-Komitees. Ein anderer Brief informierte Morrisons Verlag, dass ihr Roman Paradies in den Gefängnissen in Texas verboten wurde, weil das Buch zu Aufständen führen könnte. Das Schreiben hing gegenüber dem Brief des Nobelpreis-Komitees, gerahmt und hinter Passepartout, wie eine Auszeichnung.

Das Interview mit Toni Morrison lesen Sie hier mit SZ Plus:


Anzeige

  • Literatur

    Das Geld, das keiner wollte

    Der größte nicht abgeholte Lottogewinn aller Zeiten: In der Themenkonferenz des SZ-Magazins war klar, dass man daran nicht vorbei kommt – obwohl fast nichts über den Hintergrund bekannt ist. Dann hat einer eine ziemlich gute Idee. 

    Von Gabriela Herpell
  • Anzeige
    Literatur

    »Ich bin ziemlich gut darin, mich unscheinbar zu machen«

    Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy spricht im Interview über die Grausamkeit des Kastensystems und verrät, warum sie zehn Jahre an ihrem zweiten Roman geschrieben hat.

    Von Lars Reichardt
  • Literatur

    »Es ist nicht nur Trump, der mir Kopfschmerzen bereitet«

    Die Schriftstellerin Margaret Atwood wusste immer schon, dass es uns an den Kragen geht. Rund 30 Jahre nach ihrem düsteren Roman »Der Report der Magd« sagt sie im Interview mit dem SZ-Magazin Stil Leben: Sie hätte nie gedacht, dass es tatsächlich so schlimm kommen würde. Und trotzdem: Sie hat noch Hoffnung.

    Von Patrick Bauer