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aus Heft 19/2017 Die Gewissensfrage

Einladung zur Extrawurst

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Wie geht man als Gastgeber mit den vielen Unverträglichkeiten und Sonderwünschen beim Essen um? Eine Leserin stellt eine radikale Lösung zur Diskussion.

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»Wir haben gern Gäste, und ich koche dann auch sehr gern. Das ist aber immer schwieriger geworden wegen der diversen - echten? - Unverträglichkeiten und Wünsche unserer Gäste: keine Laktose, kein Gluten, vegetarisch oder vegan und mehr. Jetzt steht wieder ein Geburtstag an. Können wir jeden bitten, etwas mitzubringen, und wir kümmern uns nur um Getränke und ›Basics‹?«
Ute T., München
 
Tatsächlich ist ein fixes Menü für eine größere Zahl von Gästen schwierig geworden und das Bewirten mühsamer als früher. Dabei halte ich es gar nicht für so entscheidend, ob die Unverträglichkeiten wirklich vorliegen oder nur dem Zeitgeist geschuldet sind, oder aus welchen Gründen man bestimmte Nahrungsmittel wie Fleisch oder tierische Produkte ablehnt. Dies alles ist die andere Seite, ich will absichtlich nicht sagen Kehrseite unserer freien Gesellschaft, die dem Einzelnen überlässt, wie sie oder er leben will, und das Individuum achtet. Insofern sehe ich das als Gewinn, mag es auch für einen Gastgeber schwieriger sein.

Natürlich können Sie das von Ihnen vorgeschlagene Verfahren praktizieren, nur muss ich gestehen, dass ich es nicht sehr schön finde. Die Einladung bekommt damit etwas von einer Feier im Vereinsheim, wo ein paar Kästen Bier bereitstehen, und ansonsten kann man seine Tupperdosen mit Nudelsalat – oder was man eben sonst mag und verträgt – auf den mit einem Papiertuch bespannten Bierzelttisch stellen.

Ich würde das Problem daher eher kommunikativ angehen. Wenn Sie so viele Leute einladen wollen, dass es nicht mehr möglich ist, einzeln mit ihnen zu sprechen, kann man auch Gerichte zur Wahl bereitstellen. Ansonsten lässt sich das meiste im Gespräch klären. Wer bestimmte Lebensmittel, warum auch immer, nicht isst, hat meistens eine Idee für eine Lösung. Und wird hoffentlich im Bewusstsein, dass das Problem bei ihm oder ihr liegt, von sich aus Hilfe anbieten und Ihnen nicht einfach die Adresse der nächsten Tofumanufaktur mailen. Das Schöne an einem Fest ist das Miteinander, und das zeigt sich auch im guten Willen und gegenseitigen Respekt – für die Individualität ebenso wie umgekehrt für die daraus resultierenden Schwierigkeiten.

Literatur:


Über die soziale Bedeutung des gemeinsamen Essens und des Teilens von Nahrung eine Gewissensfrage mit weiteren Literaturhinweisen hier.
 
Insbesondere: Sigmund Freud, Totem und Tabu, IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus. 4., Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 10. Auflage, 2007, S. 186ff. insbesondere 188ff.


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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