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Vorgeknöpft: die Modekolumne 11. Mai 2017

Sturmgeschützt

Von Silke Wichert  Foto: Gettyimages / Yuri Kochetkov

Gehört in so manchen Politiker-Kleiderschrank: der wasserabweisende Kurzmantel. Wenn Wladimir Putin ihn trägt, lohnt aber genaueres Hinsehen. Er will damit kaschieren – und offenbart doch mehr, als er denkt.

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Dieses Jahr vielleicht besser keine Oben-ohne-Fotos als Lonesome Cowboy in der Tundra: Als Wladimir Putin sich diese Woche bei den Feierlichkeiten zum Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland am Roten Platz in Moskau zeigte, wirkte der russische Präsident etwas beleibter als sonst. Bei genauerem Hinsehen zeichnete sich sogar ein leichtes Doppelkinn bei Putin ab, während Russlands Premier Dimitrij Medwedew daneben deutlich schlanker daherschritt.

Das ist natürlich himmelschreiend oberflächlich, geht es doch bei Staatsmännern um ihr politisches Gewicht; so wie bei Politikerinnen auch immer nur zählt, was sie im Kopf und nicht, was sie auf dem Kopf, haben. Bei Putin ist das jedoch insofern interessant, als dass der 64-Jährige bisher stets einen offensiven Körperkult betrieben hat. Unvergessen die Bilder mit nacktem Oberkörper, bis auf die Kreuzkette darauf, beim Fischen oder Reiten. Und natürlich dieses Fitness-Shooting vor zwei Jahren zusammen mit Medwedew, als die beiden in Putins Sommerresidenz in Sotschi Gewichte stemmten – und Putin dabei eine Kaschmirjogginghose der italienischen Luxus-Marke Loro Piana für über 1400 Dollar trug. Später zog er noch die passende Kapuzenjacke an, was das komplette Sweat-Outfit auf etwa 3200 Dollar brachte. Zu gern wüsste man, ob beim russischen Reinigungsstab so etwas später in der Kochwäsche landet.

Putin liebt also die Inszenierung und legt dabei offensichtlich Wert auf eine entsprechende Garderobe. Was uns wiederum zu seiner Kleiderwahl auf dem Roten Platz bringt. Putin trägt einen schwarzen Kurzmantel, durchgeknöpft, eher regular-fit als slim-fit. Im Vergleich zu Medwedews blauer Variante ist sein Modell deutlich reduzierter. Keine Abnäher, keine Aufschläge, kein Fellkragen. Die Bezeichnung dieser Mäntel schwankt zwischen klassisch »Raincoat«, »wasserabweisender Material-Mix« oder auch mal »stretch-shell jacket«. In jedem Fall: undurchlässig und abweisend, was in gewisser Weise eine hübsche Parabel auf Putins generelle politische Attitüde ist: Hier perlt und prallt alles ab, komme, was wolle. Angela Merkel durfte diese Erfahrung unlängst wieder bei ihrem Besuch in Sotschi machen.
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Längst hat sich der »Harte-Schale-Mantel« auch bei anderen Politikern und Managern durchgesetzt, Sigmar Gabriel etwa trägt gelegentlich ein ähnliches Stück. Schließlich ist man damit deutlich näher an der Basis als mit einem Kaschmirmantel von, sagen wir, Brioni, er ist nicht so wuchtig und casual wie die Schrankjacke von Fußballtrainern und doch ein ziemliches Bollwerk, mit dem man selbstbewusst nach draußen geht.

Einziger Trugschluss: Kaschieren lässt sich damit doch eher schlecht. Weil der Schnitt kastig ist, streckt er nicht, schon gar nicht, wenn die Jacke zugeknöpft wird und das beschichtete Material anfängt, über der Brust zu spannen. Noch einmal weniger, wenn der schlanke Medwedew nebenher spaziert. Ein Leichtgewicht, in jeder Hinsicht.

Wird getragen bei:
frostigen Temperaturen, frostiger Stimmung
Das sagt der Verkäufer: »Dieser Mantel geht mit Ihnen durch dick und dünn!«
Passender Film: »Der Spion, der aus der Kälte kam«
Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Manche Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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