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Familie 12. Mai 2017

Warum plötzlich alle Kinder spinnen

Von Nataly Bleuel  Fotos: AFP

Der Fidget Spinner ist der neueste weltweite Spielzeug-Hype. Einen zu besorgen wurde für unsere Autorin zur Qual.

Der Fidget Spinner sieht erst ganz harmlos aus ...
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Es gibt Dinge, die liegen Jahre lang in Schubladen herum oder verstauben in Regalen und kein Mensch erkennt ihr Potenzial. Taschenrechner, Faxgerät, Hybrid-Auto, MP3-Player, asiatischer Trank mit Kaugummigeschmack  irre lang verkannt (und, zumindest bei Red Bull, meiner Meinung nach auch zu Recht). Auch meinem Großen lag was auf der Hand. Seit einigen Tagen lief er mit einem Ding in der Rechten herum, ein flacher Kreisel, handtellergroß, mit drei Flügeln und einem Kugellager in der Mitte. Das Ding ließ er en passant durch die Hand surren, ich schenkte ihm null Beachtung.

Doch plötzlich macht es Bähm! Und das Ding erhält wie durch Zauberhand eine Aura. Einige werden megareich damit, jeder muss es haben. So kam es die Tage zu einem außergewöhnlich heftigen Konflikt zwischen meinem Großen und meinem Kleinen. Der ging ganz tief, bis fast unter die Gürtellinie. Was Konflikte, die sich an kleinen Dingen entzünden und auf das große Ganze zielen, mitunter so an sich haben. »Nie«, rief der Kleine beim Frühstück mit tränenerstickter Stimme, »nie bist du mal nett zu mir! Ich geb dir meine Gummibärchen, ich geb dir mein Geld für ein Franzbrötchen, ich tu alles für dich! Aber du, du gibst mir nie deinen Fidget Spinner!«
... und dreht sich dann rasend schnell.

What? Fidget Spinner! Das Ding!

Es kam zu einem derart herzzerreißenden Beziehungsdialog zwischen diesen beiden kleinen Menschen, dass ich, was ich selten tue, den Kleinen, schluchzend, in die Arme nahm und versprach: »Ich geh in die Stadt und kauf dir das Ding, sofort, heute noch!« Natürlich nehme ich ihn oft in die Arme, eigentlich täglich mehrmals. Aber ich gehe wahnsinnig ungern in die Stadt, um da etwas zu kaufen. Nicht weil ich ungern shoppe, nee, ich shoppe zu gern. Aber eben, und ich gestehe das nur mit Bauchschmerzen: online. Bauchschmerzen weil: der arme kleine Einzelhandel, die Verödung der Städte, der Verlust von Sinnlichkeit und des Bezugs zu Waren und Wert.

Aber heute! Den Fidget Spinner hol ich ihm!
Ich fahre zum Alex. Ah, wunderschönes Einkaufsparadies. Ich krieg schon beim Betreten des Alexa, einer Mall, die kürzlich zu Recht zu einem der zehn hässlichsten Gebäude Berlins gekürzt wurde, schlechte Laune und denke: Hoffentlich bin ich in acht Minuten wieder raus. Ich weiß jedoch, dass ich nicht zielgerichtet in einen Laden gehen kann. Sondern dass ich jetzt die Sonderverkaufsstände in den gefühlt 44 Gängen abklappern muss. Da, sagte der Große, habe er den Spinner Fidget her. Noch bevor ich den ersten erreiche, denke ich: Einmal Mutti und Hausfrau sein wie sie im Bilderbuch steht! Beim vierten Stand, nach gefühlt 37 Minuten und dem eindeutigen Bauchgefühl, dass die restlichen 19 Stände auch nur Schrott und nicht mehr den Fidget Spinner verscherbeln, denke ich: Für die Kids wäre das die perfekte Aufgabe gewesen, sie lieben Malls, sie lieben shoppen, jetzt hängen sie wieder zuhause vor den Daddelmaschinen, wo ich doch eigentlich sein und arbeiten müsste. Warum tue ich mir das an?
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Weil ich toll sein will für meinen Kleinen, aus Liebe. Ich habe das Ding nicht bekommen. Obwohl ich bis ganz nach oben gegangen bin, in zwei Mediamärkte, zu den für die Verkaufsstände der neuesten Hypes - israelische Schaumfestiger, telefonkabelartige Haargummis, neonfarbenmarmorierte Beinkleider - Verantwortlichen. Die erklärten mir, dass der Fidget Spinner der letzte Schrei sei. Dass sie aber keine Lizenz dafür besäßen. Dass sie gehört hätten, dass die Frau aus Florida, die ihn Anfang der Neunzigerjahre erfunden hat, das auslaufende Patent nicht zahlen konnte und deswegen jetzt der Depp ist. Weil das Ding weltweit durch Kinderhände surrt. Kinder, die es beruhigend finden, wie mein Kleiner, auch wenn er kein Autist ist und nicht ADHS hat. Wofür das Ding - es braucht ja einen pädadogisch wertvollen Unique Selling Point - hilfreich wäre.

Nicht nach acht Minuten, sondern nach anderthalb Stunden komme ich nach Hause. Mit drei Franzbrötchen, Ersatzbefriedigung. Und dann setzen wir uns in Ruhe an den Computer, mein Kleiner und ich, und shoppen online. Zack, ein Klick. Und der Fidget Spinner kommt sogar in Gold. Ich wette: In zwei Wochen wird er seine Aura wie durch Zauberhand wieder verloren haben.

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