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Liebe Lieblingsfrau: Die Singlekolumne 17. Mai 2017

»Papa, du kannst dir mal eine Freundin suchen«

Von Michalis Pantelouris  Foto: Stephanie Pfaender

Unser Kolumnist hat sein Single-Leben nicht nur satt, weil er gern wieder eine Frau in seinem Leben hätte. Es gibt noch einen zweiten Grund: seine beiden Töchter.



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Liebe zukünftige Lieblingsfrau,

ich wollte nie wieder da raus. Dieses ganze Single-Ding, das Dating, die Suche, die Ungewissheit. Ich wollte das nicht. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die das genießen. Für sie ist es Freiheit, alle Möglichkeiten offen zu halten. Für mich erfüllt sich Freiheit immer erst dann, wenn ich eine Entscheidung treffe, und das hier war nicht meine. Aber manchmal kriegt man nur das, was man braucht.

Der Hamburger Frühling war da, einen Nachmittag, und Tochter Nummer eins und ich sind mit der Vespa runtergefahren an einen Seitenarm der Elbe, haben uns auf einen Ponton gesetzt, ethisch korrekte Cola getrunken, den Booten zugesehen und über das Leben gesprochen. Das heißt, sie hat erzählt und ich habe geraucht, während um uns herum Pärchen gemeinsam gelacht und gestritten haben, oder einfach nur Arm in Arm die Sonne gespürt. Seelen müssen aus Wasser gemacht sein, jedenfalls kommen sie zur Ruhe, wenn man auf sanfte Wellen schaut, so als wären sie zuhause. Manchmal ist das Leben Pistazieneis.

Nummer eins weiß nicht, dass sie mir mehr über das Leben beigebracht hat als jeder andere Mensch. Durch sie habe ich gelernt, Vater zu sein. Es war die erste Entscheidung meines Lebens, die unumkehrbar und ewig ist, und es war die beste – aber ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Die wichtigsten Beziehungen in deinem Leben hast du nicht wegen dem, was du bekommst, sondern wegen dem, was du wirst, weil du geben musst.

Nummer eins ist gerade in der Pubertät angekommen, und die Hormone prügeln sich um die Herrschaft in der Bananenrepublik, die ein jugendliches Gehirn eben ist. Zugleich ist sie innerlich und äußerlich der schönste Mensch, den man sich vorstellen kann. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich sie anstarre und nicht fassen kann, dass es sie wirklich gibt. Auf der Rückfahrt drückte sie sich an meinen Rücken. Die langsam tief stehende Sonne tauchte den Hafen in das Fernwehlicht, in dem selbst Containerschiffe leuchten wie eine Einladung in ein besseres Leben, und ich hätte weiterfahren können, bis der Tank leer wäre.

Du weißt nie, wann du eine dieser Erinnerungen schaffst, an die dein Kind in 30 Jahren in bestimmten Momenten noch denken muss, aber wenn deine Tochter sich an deinen Rücken lehnt, während ihr knatternd die steile Stichstraße von den Landungsbrücken zur Davidstraße hinauffahrt, dann weißt du, dass deine Aufgabe eben auch ist, ihnen vorzuleben, dass man glücklich sein darf. Dass auch auf die dunkelste Nacht einmal ein Morgen folgt, und selbst in Hamburg irgendwann der Frühling kommt. Und dass Sorgen nicht dadurch vergehen, dass man sie sich macht, sondern dadurch, dass man rausgeht und Pistazieneis isst.

Irgendwann in dem ersten verbogenen Drecksjahr nach der Explosion hat Nummer eins mich über den Abendbrottisch hinweg angesehen und gesagt »Papa, du kannst dir mal eine Freundin suchen. Das ist okay für mich«. Und natürlich war das keine Erlaubnis. Es war eine Aufforderung, mit der Betonung auf Forderung. Endlich aufzustehen, die Bleischuhe auszuziehen und ihr zu geben, was sie verdient: einen lachenden Vater. Ich wollte nie wieder da raus. Aber manchmal kriegt man, was man braucht.

Ich höre manchmal von Paaren, die übereinander sagen, der andere wäre ihr bester Freund. Mir kommt das falsch vor: Ich bin gesegnet mit Freunden, und manche von ihnen spreche ich manchmal monatelang nicht, und es adelt für mich unsere Freundschaft, dass wir beim nächsten Treffen den Ball einfach da aufnehmen können, wo wir ihn beim letzten Mal fallen gelassen haben. Aber Liebe ist anders. Sie bedeutet, dass man spricht, mit jeder Faser. Dass man eben auch dann da ist, wenn es gerade keinen Anlass gibt, und das Glück annimmt, geben zu dürfen, gerade weil es manchmal schwer ist. Und um sein Bestes zu geben, muss man sein Bestes sein.

Ich weiß nicht, was es bei dir ist, was du brauchst. Aber ich weiß, was das schönste ist, das du für mich tun kannst: Es mir zu zeigen.
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Michalis Pantelouris

Der deutsch-griechische Journalist lebt in Hamburg, und die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit sehr jungen Frauen: Seine Töchter sind, seitdem seine Frau sich von ihm getrennt hat, nur noch jede zweite Woche bei ihm. In den anderen Wochen hat er begonnen, sich auch wieder mit etwas älteren Frauen zu beschäftigen – was zwölf Jahre nach dem letzten Date gar nicht so einfach ist, wie es sein sollte. »Es ist genau wie Fahrradfahren«, sagt er, »wahnsinnig wackelig, wenn jemand anderes mit dabei ist.«