Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 24°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 22/2017 Politik

Warum wir weniger über Donald Trump lachen sollten

Von Wolfgang Luef 

Ein Aufruf gegen falsche Häme im Umgang mit US-Präsident Donald Trump.

Hau den Donald: Nie wurde über einen US-Präsidenten so viel gelacht wie über Trump. Dabei ist an seiner Politik nichts komisch.


Anzeige
Ostern im Weißen Haus: Donald Trump schreitet durch seinen Garten. Der ist voll mit seinen Anhängern. Sie jubeln ihm zu, wollen ein Selfie oder ein Autogramm. Trump winkt, schäkert, stolziert durch die Menge wie ein Kaiser, der Hof hält. Jemand reicht ihm eine rote Baseballmütze zum Unterschreiben. Trump nimmt sie, kritzelt sein Autogramm darauf. Aber statt die Mütze zurückzugeben, grinst der US-Präsident wie ein Schulhofschläger und wirft sie in hohem Bogen in die Menge.

Das Video davon haben sich Millionen Menschen im Netz angesehen. Die Szene erzählt ja so viel: Trump ist narzisstisch. Trump ist ignorant. Seine Fans sind ihm egal. Das mag alles stimmen. Bloß: Die Geschichte mit der Mütze, die stimmt so nicht. Es gibt ein zweites Video, aus einem anderen Blickwinkel, in dem man sieht, dass Trump die Mütze ziemlich zielsicher dem jungen Mann zuwirft, der sie ihm gereicht hat. Eine lässige Geste, ein gelungener Auftritt.

Aber die Geschichte, die sich verbreitet, ist die vom gemeinen, dummen Präsidenten, der einem Kind die Mütze wegnimmt (ja, plötzlich war es auch noch ein Kind). Tausende teilen sie mit hämischen Kommentaren auf Twitter, Boulevardmedien formulieren Schlagzeilen wie »So dreist geht Trump mit kleinen Kindern um!« oder »Trump verarscht kleines Kind beim Osterfest«. Diese Deutung passt wunderbar in das Bild, das wir uns von Trump gemacht haben. Deswegen erzählen wir sie weiter, ohne nachzudenken (beide Videos kann man beim Blog uebermedien.de anschauen: bit.ly/trumpmütze).

Es ist mir extrem unangenehm, Donald Trump in Schutz zu nehmen. Ich finde ihn unerträglich, als Präsidenten und als Menschen. Deshalb will ich nicht, dass er auch nur ein einziges Mal recht behält, wenn er »Fake News!« brüllt. Sein Kerngeschäft ist die Erodierung der Wahrheit: Menschen, die diesem Mann glauben, haben das Gefühl, dass sie sonst niemandem mehr glauben können. So macht ihn jede kleine Unwahrheit über ihn noch stärker. Seine Gegner dürfen dieses Spiel niemals mitspielen. Aber sie tun es: Angeblich hat er vor Kurzem seine Hände auf einem Bild per Photoshop größer machen lassen – das ist falsch. Angeblich hat er Angela Merkel generell den Handschlag verweigert – das stimmt so auch nicht. Und von seinem Besuch im Vatikan bleibt uns ein Bild in Erinnerung, auf dem Papst Franziskus mit versteinertem, grimmigem Gesichtsausdruck neben Trump steht. Dabei gibt es Dutzende Fotos, auf denen er den US-Präsidenten anlacht. Doch die interessieren kaum jemanden. Sie stören die gute Geschichte nur. Gleichzeitig verbreitet sich rasant ein zusammengeschnittenes Video, in dem es so aussieht, als würde der Papst Trumps Hand wegschlagen, nachdem dieser ihm zärtlich über die Finger streichelt – viele halten dieses Witzfilmchen sofort für echt.

Dass wir all das so gerne glauben, liegt an einem Mechanismus, der aus der Psychologie wohlbekannt ist. Daniel Kahnemans Buch Schnelles Denken, langsames Denken handelt von nichts anderem. Kurz gesagt: Menschen lieben Erzählungen, die für sie Sinn ergeben, egal ob sie stimmen oder auch nur plausibel sind. Es gibt Menschen, die möchten die Geschichte »Flüchtlinge verprügeln Deutschen« glauben. Und es gibt Menschen, die möchten die Geschichte »Deutsche verprügeln Flüchtling« glauben. Beide Gruppen werden ihre Version der Geschichte weitererzählen, werden sie teilen, wenn sie sie im Internet sehen, und nicht prüfen, ob sie stimmt. Es gibt wenige Überschneidungen zwischen den beiden Gruppen. Jede Gruppe bestätigt sich – gerade in den sozialen Netzwerken – dauernd selbst, man nennt das Echokammern.

Nur eines ist in diesen Echokammern noch mächtiger als falsche, aber richtig klingende Geschichten: Häme. Trump ist lächerlich, da sind sich sehr viele einig, und die gegenseitige Vergewisserung dieser Tatsache ersetzt eine ernsthafte Beschäftigung mit ihm. Wir sehen ein Foto des Präsidenten mit einem Osterhasen, wir schreiben darunter »der Präsident (links)«, wir insinuieren damit, man könnte den US-Präsidenten mit dem Osterhasen verwechseln, zack, fertig ist die Pointe. Anscheinend halten immer mehr Menschen billige Witzchen bereits für so etwas wie eine politische Aussage. Trumps Pläne, seine Taten, sein Effekt auf die Welt? Alles nicht so wichtig, denn seine Frisur sieht ja aus wie ein totes Meerschweinchen. Da sitzen Demagogen, Kreationisten und Rassisten an den Schalthebeln des mächtigsten Landes und zerstören politische Systeme, während wir damit beschäftigt sind, Trump dafür zu veräppeln, dass er gesagt hat, er habe sich seinen Job leichter vorgestellt.

Dabei bietet Donald Trump eigentlich genug Angriffsfläche. In Syrien entscheidet er über Bombenabwürfe aus dem Bauch heraus, ohne einen Gedanken an Völkerrecht oder Diplomatie zu verschwenden. Seine Außenpolitik ist erratisch, seine Sozialpolitik wendet sich gegen die Schwächsten, seine Wirtschaftspolitik gegen die Umwelt. Es gibt mehr als genug Geschichten, die wahr sind und wert, erzählt zu werden. Auch wenn viele davon vielleicht nicht so lustig sind wie diejenigen, von denen wir gern hätten, dass sie stimmen.

Anzeige


Wolfgang Luef

empfiehlt – neben Kahnemans 624-Seiten-Epos – einen kürzlich erschienenen Essay im Magazin New Yorker über die Frage, warum sich Menschen durch Fakten nicht von ihrer vorgefassten Meinung abbringen lassen: bit.ly/ny-facts

  • Politik

    »Ich war natürlich für die Beatles«

    Bundestagspräsident Norbert Lammert im Gespräch über seinen baldigen Ruhestand, seine Jahre als Teenager in den Sechzigern und die Frage, warum er nie in Talkshows zu sehen ist.

    Von Evelyn Roll
  • Anzeige
    Politik

    Wie trauert man richtig?

    Nach manchen Terroranschlägen zeigt der deutsche Staat seine Betroffenheit, nach anderen nicht. Die Frage, wonach sich das richtet, ist nicht leicht zu beantworten.

    Von Evelyn Roll
  • Politik

    Willkommen, Mr. President

    Aus US-Sicherheitskreisen wurde jüngst bekannt, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Donald Trump eher kurz sein soll. Statt umfangreicher Dossiers wünsche er sich beim täglichen Briefing knappe Texte, viele Bilder und Grafiken, hieß es. Außerdem sei er eher gewillt, einen Bericht zu lesen, wenn darin sein eigener Name auftauche. Das SZ-Magazin hat sich diese Hinweise zu Herzen genommen - und zum G20-Gipfel in Hamburg an diesem Wochenende die wichtigsten Informationen für Donald Trump zusammengestellt.