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Neue Fotografie 22. Juni 2017

»Die Prozeduren haben fast etwas Entwürdigendes«

Interview: Camilla Lindner  Fotos: Franz Becker

Hobeln, bleachen, zupfen: Selbst harmlose Schönheitseingriffe sehen oft brutal aus. Der Fotograf Franz Becker hat die Arbeit in Beautysalons dokumentiert und ist dabei auch der Frage nachgegangen, wo für die Kunden die Grenze ist.

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Name:
Franz Becker
Alter:
18.09.1989
Wohnort:
Berlin
Website:
franzbecker.net
Ausbildung:
Bachelor Kommunikationsdesign, Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin

SZ-Magazin: Wie kamen Sie darauf, Schönheitsoptimierungen in Nagelstudios, Wimpernsalons, Solarien und Afro-Shops fotografisch festzuhalten?

Franz Becker:
Die Serie ist innerhalb eines Seminars an der Universität zum Thema »Fakes, Lügen, Täuschen« entstanden. Beim Nachdenken über das Thema bin ich schnell in der Beauty-Richtung gelandet. Aber das Thema Schönheitsoperationen war mir irgendwie zu banal. Ich wollte lieber Dinge beleuchten, die uns in Großstädten tagtäglich umgeben. Die Schönheitsoptimierungen, wie man sie in Nagelstudios und Wimpernsalons findet, sind längst eine gängige Praxis in unserer Gesellschaft– dabei sind sie für mich brachial und auch ein wenig absurd. Der Anreiz war, einfach mal zu schauen, was passiert eigentlich in solchen Studios und warum.

War es schwierig, dort zu fotografieren?

Insgesamt haben alle recht positiv auf mein Projekt reagiert, wollten aber nicht erkennbar auf den Fotos sein. Das ist natürlich ein sehr intimer Moment, in dem man angreifbar ist. Die Geräte und Prozeduren haben fast etwas entwürdigendes. Beim Zahnbleaching hat man ein UV-Lichtgerät im Mund, beim Wimpernaufkleben werden einem die Augenlieder aufgeklappt und mit einem Gerät aus Metall ans Auge gegangen. Ich konnte den Leuten aber die Angst nehmen, weil für mich der Fokus auf der Prozedur lag und der Mensch nur abstrakt dargestellt werden sollte.

Ihr Fotoprojekt ist der Thematik »Fakes, Lügen, Täuschungen« zugeordnet. Wie haben die Menschen in den Salons darauf reagiert?

Beim Erklären des Grundthemas haben sich manche schon etwas angegriffen gefühlt, weil ja auch das Wort fake, also Fälschung, fiel. Aber natürlich handelt es sich bei diesen Optimierungen um Fakes. Denn etwas Künstliches wird eingesetzt, etwa UV-Licht im Solarium oder künstliche Wimpern, um etwas scheinbar Schöneres zu generieren.

Sind diese Art von Behandlungen die Türöffner für Schönheitseingriffe, die wirklich unter die Haut gehen, wie OPs oder Botox?
Die Grenze zwischen Optimierung und OP ist schwer zu definieren. Wenn jemand mit Botox anfängt oder Vampire Lifting, dann ist das Ziel, eine straffe Haut zu bekommen. Und dann folgt schnell der nächste Eingriff wie Implantate – ich glaube schon, dass solch niedrigschwellige Beauty-Verbesserungen den Anreiz für mehr geben. Wenn einem die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen und das Ideal anders gesteckt ist, kann das schon eine Vorstufe zur Operation sein. Es stellt sich schnell die Frage: Wo ist die Grenze? Ab wann ist die Optimierung eine Verblendung, wann eine falsche Aufnahme von Idealen und wann ist es ein Schritt, der dir selber gut tut.

Welcher Eingriff hat Sie bei Ihrer Serie besonders fasziniert?
Das »Vampire Lifting« ist sehr interessant - also der Vorgang an sich, dass einem Blut abgenommen wird und dass das Blut in einer Maschine getrennt wird, in rote und weiße Blutkörperchen. Das rote Blut, also das Blutplasma, wird mit Thrombin oder Calciumchlorid angereichert. Das ganze wird dann so wieder in die Haut gespritzt. Das war irgendwie faszinierend und zugleich absurd. Auch interessant fand ich, wie filigran man so einzelne Wimpern an ein Augenlied wieder kleben kann.

Beim Betrachten entsteht ein gewisser Entfremdungseffekt durch die nahen Bildaufnahmen und den Einsatz von Blitz – ist das gewollt?
Durch den Blitz hat man auch die Möglichkeit, die Dinge einfach schärfer zu sehen, da bestimmte Bereiche erhellt wurden. Außerdem ist er ein sehr kaltes Licht. Das Natürliche und Menschliche wird dadurch noch stärker herausgenommen, die Unnatürlichkeit der Prozedur verstärkt. Genau diesen Entfremdungseffekt wollte ich erzielen.
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