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Vorgeknöpft: die Modekolumne 08. Juni 2017

Zu kurz gedacht

Von Silke Wichert  Foto: Rtr, Thierry Chesnot / Gettyimages

Brigitte Macron trägt Miniröcke – und muss sich im Internet Vergleiche mit Kühlregal-Produkten und pseudo-empörte Fragen wie »Gehört sich das?« gefallen lassen. Silke Wichert über die perfide Mischung aus Bodyshaming und Altersmobbing.

 

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Unglückliche Formulierung oder bewusste Provokation? »Brigitte Macron verlängert das Verfallsdatum von Frauen - endlich!«, betitelte der Tagesspiegel am Freitag die Kolumne einer französischen Journalistin. Was folgte war zwar ein Loblied auf Frankreichs neue First Lady, die Überschrift allein reichte jedoch, um im Netz für Aufregung zu sorgen. »Ich suche schon den ganzen Tag mein Verfallsdatum – kann es aber nicht finden«, witzelten die einen. Schlimm sexistisch, meinten die anderen. Schließlich werden Frauen damit gedanklich zu Joghurtbechern mit »mindestens haltbar bis...«-Aufdruck degradiert, die mit Macron jetzt »endlich!« ultrahocherhitzt wurden, während Männer quasi den Rang einer guten Dauerwurst genießen.

»Die neue Länger-Frische« von Macron hat nicht allein, aber viel hat damit zu tun, dass sich diese 64-Jährige so gar nicht anziehen und zurechtmachen mag, wie es sich angeblich für eine 64-Jährige gehört. Grob zusammengefasst: Sie ist zu schlank, zu braun, zu blond, zu modisch, vor allem trägt sie: viel zu kurze Röcke. »Das macht man einfach nicht«, war noch so ein Kommentar auf Facebook, was uns zu der ebenso frischen Frage bringt: Was gehört sich denn eigentlich für eine 64-Jährige?

Hat der Minirock beispielswese eine Altersbeschränkung, die zwar nicht wie die Größe im Etikett vermerkt ist, die aber zu den allgemein gültigen (und allseits bekannten) Dresscodes gehört? Dummerweise konnte eine Stichprobe im Bekanntenkreis keine eindeutige Klärung bringen. Popkulturell liefert das frühe Supermodel Twiggy Orientierung, die mit 16 vor allem deshalb so erfolgreich wurde, weil die anderen Models – Anfang bis Mitte zwanzig – wie sie in einem Interview erklärte »zu alt« und zu kurvig für die radikal kurzen Röcke der Designerin Mary Quant waren. Das allerdings spielte sich bekanntlich in den Sechzigern ab, in denen im bundesrepublikanischen Deutschland auch noch gefühlte 90 Prozent der Senioren sich mit Eintritt ins Rentenalter (bei Frauen damals: 60) in Head-to-toe-Beige auf einen Schlag unsichtbar machten. Darüber sind wir zum Glück hinaus. Außerdem trägt Tina Turner selbst mit über 75 noch Highheels und Minirock, vorzugsweise aus – oh la la – schwarzem Leder, was ihr bisher kein Bodyshaming, sondern vor allem Bewunderung für Standhaftigkeit und unglaubliche Beine einbrachte.

Oder gehört sich das nur für eine First Lady nicht, die sich vom Protokoll her eher bedeckt halten soll? Auch Michelle Obama wurde zu Anfang noch für ihre nackten, viel zu muskulösen Oberarme abgestraft. Neuerdings hängt Steve Bannon allerdings in Khaki-Hosen im Oval Office ab, und Jeremy Corbyn trägt so schlampige Anzüge und Stoppelbart, da sind vier Zentimeter Haut über dem Knie bei einem ansonsten sehr angemessenen Kostüm womöglich nicht der eigentliche Skandal. Zumal sie es sich mit diesen Beinen ja »leisten kann«, wie gern bemerkt wird, weshalb besagte Überschrift folgerichtig eigentlich heißen müsste: »Brigitte Macron verlängert das Verfallsdatum von schlanken Frauen - endlich!« Wobei ja genau die Figur auch nicht »ok« zu sein scheint für eine Mittsechzigerin, die normalerweise längst zur Birnenform gewechselt haben müsste.
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Letztlich zeigt Brigitte Macron mit ihrem Auftritt exemplarisch, wo unsere angeblich so emanzipierte und individualisierte Gesellschaft modisch angekommen sein sollte. Lena Dunham kann jenseits einer 36 Unterwäschemodel sein, Lauren Hutton jenseits der 70 jetzt auch. All die Senioren da draußen dürfen quietschbunte Sneaker mit Einlagen tragen, Jungs rosa Hemden mit Spitze und Empfangsdamen flache Schuhe. Und natürlich kann eine französische First Lady, wenn ihr danach ist, einen nicht ganz knielangen Rock tragen, der weder ihre Unterwäsche freilegt noch zu leger fürs Protokoll wäre. Ob man dann findet, dass das gut aussieht oder nicht, bleibt weiterhin jedem selbst überlassen. Nur dieses hysterische »das gehört sich nicht!«, das gehört abgeschafft.

Typischer Instagram-Kommentar:
Brigitte Bijou!
Das sagt der BWL-Student: »It’s the economy, stupid! Zieht die Konjunktur an, werden die Röcke eben kürzer.«
Passender Film: Die Reifeprüfung
Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Manche Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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