Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 13°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 24/2017 Auto/Mobilität

Im Wagen vor mir

Von Max Fellmann  Fotos: Peter Biller

Autofahrer verbringen viel Zeit damit, im Stau auf die Rückseiten von Lastwagen zu starren. Der deutsche Künstler Peter Piller hat aus diesem Anblick eine Fotoserie gemacht - und festgestellt: Lkws haben ihr ganz eigenes Weltbild.     



Anzeige
Aller Laster Anfang ist die Langeweile. Fand der Philosoph Sören Kierkegaard. Da hat er recht. Auch der Künstler Peter Piller fand durch Langeweile zum Laster. Allerdings nicht ganz im Kierkegaard’schen Sinne. Piller lebt in Hamburg, er unterrichtet an der Kunsthochschule in Leipzig und fährt regelmäßig die Vier-Stunden-Strecke allein im Auto (Handy aus, dazu die Matthäus-Passion in voller Länge). »Ich mag diesen Zustand am Steuer, man ist völlig abgestellt, fast in Trance. Hängt stundenlang hinter irgendeinem riesigen Lkw und starrt den so an. Und später, oft erst lang nach der Fahrt, merkt man, welche Bilder sich dabei im Kopf festgesetzt haben.«



Vor vier, fünf Jahren begann Piller, all die Lkw-Rückseiten, denen er Woche für Woche hinterherfuhr, zu fotografieren. »Schließlich bin ich an jedem Rastplatz raus und habe alle geparkten Lkws einzeln fotografiert.« Und mit alle meint Piller: wirklich alle. Er sammelte Tausende und Abertausende von Lastwagenfotos. Sorgfältig sortiert und archiviert.



Der Mann hört nicht einfach auf, wenn er ein bisschen was beisammen hat. Piller ist ein manischer Sammler. Darin besteht seine Kunst: Er sortiert das Alltägliche so lange und vor allem in so großer Menge, dass der Betrachter irgendwann durch die schiere Fülle merkt: Hey, das sehe ich ja wirklich ständig, warum ist mir das noch nie aufgefallen? Piller stellt zum Beispiel so viele Luftaufnahmen von tristen Vorstädten zusammen, bis jeder fühlt, wie tot und hoffnungslos verkastelt es da draußen tatsächlich aussieht. Oder er kombiniert Dutzende Fotos aus der Lokalzeitung, auf denen Menschen neben Autos stehen, ernst blicken und eine Hand auf die Motorhaube legen. Piller entdeckt Klischees da, wo sie noch nicht als solche gelten.







Eines ist auf Pillers Lastwagen unübersehbar: alles voller Frauen. Die Gestalter von Lkw-Planen haben erschütternd beschränkte Präferenzen. Tatsächlich sagt Piller: »Motive mit Männern machen weniger als fünf Prozent aus.« Dann winkt er aber auch schon wieder ab. »Ach, wir wissen doch alle, wie sexistisch Werbung ist. Wenigstens ein bisschen besser als in den Fünfzigerjahren, aber immer noch schlimm, es muss sich auf jeden Fall noch viel ändern.« Immerhin, allmählich werden die problematischen Bilder seltener: »Die unangenehmsten Bilder finden sich meistens auf den am stärksten verwitterten Planen.«



Was Piller an den Lkw-Bildern fasziniert, ist aber weniger deren Aussage als ihre Gestaltung: Wie sind die Bilder auf die Farbflächen montiert? Wie viel Raum nimmt das Foto ein? Wie viel Platz bleibt für andere Elemente? Deshalb hat er die Aufnahmen auch retuschiert und jede Schrift entfernt – Firmen, Namen oder Produkte sollen nicht vom Motiv ablenken. Und auch die Herkunft der Lastwagen spielt dadurch keine Rolle mehr. Deutschland? Frankreich? Kroatien? Egal – dass Firmen ihre Fahrzeuge eigenwillig gestalten, ist ein grenzenloses Phänomen.

Das Einzige, was Piller unverändert ließ, ist der Schmutz. Er zeigt die Lkw-Rückseiten so dreckig, wie er sie gefunden hat: »Die Schrammen gehören auf jeden Fall dazu«, sagt er. »So ist jeder Lkw ein eigenes Wesen.« 

Anzeige
Peter Piller

führt ein Archiv von mehr als 6000 Zeitungsfotos, aus denen er immer wieder neue und überraschende Bilderserien zusammenstellt. Hinzu kommen Fundstü-cke aus dem Internet, alte Postkarten - und viele eigene Fotografien. Piller, 49, wird für seine Arbeit weltweit gefeiert. Die Lkw-Fotos sind unter dem Titel Erscheinungen demnächst als Buch erhältlich (Hatje Cantz Verlag).

  • Auto/Mobilität

    ››Manche Sounds müssen sofort nerven‹‹

    Nur wenige Menschen wissen, wie sich der Straßenverkehr der Zukunft anhört, darunter Renzo Vitale, der für BMW den Klang von Elektroautos gestaltet. Im Interview verrät er, worauf es dabei ankommt.

    Interview: Florian Zinnecker
  • Anzeige
    Auto/Mobilität

    Die stille Gefahr

    Carsharing war einmal, inzwischen teilt man sich Elektroroller. Berlin ist der Testmarkt – wobei Tausende neue, unerfahrene Rollerfahrer, die leise durch die Straßen surren, vielen nicht ganz geheuer sind.

    Von Nataly Bleuel
  • Auto/Mobilität

    Die unvermeidliche Leihauto-Odyssee

    Eigentlich ist Carsharing in der Stadt eine wunderbare Sache. Wenn man ein Auto findet. Und es zum Fahren bringt. Ein Leidensbericht. 

    von Nataly Bleuel