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aus Heft 10/2008 Gesundheit Noch keine Kommentare

Machen sie sich bitte frei

Der Medizin glauben wir alles – dass es vorwärts geht, dass wir immer gesünder sind, dass wir länger leben. Leider lautet die Diagnose: alles nur Illusionen

Von Werner Bartens 



Nie ging es Kranken besser als heute: Es ist nicht lange her, da prägten Äther, Amputation und Aderlass den medizinischen Alltag. Die moderne Medizin wartet mit Kernspintomografie, künstlichen Hüftgelenken und minimalinvasiven Operationstechniken auf. Jährlich werden weltweit mehr als eine Million medizinischer Artikel in nahezu 20 000 Fachzeitschriften publiziert.

Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle fünf Jahre. Bei allem Streiten und Feilschen ums Gesundheitssystem – darin sind sich Ulla Schmidt, die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Ärztelobby einig: Der medizinische Fortschritt ist ein Segen.

Nur: für wen eigentlich?

In den Fachartikeln geht es vor allem um Detailkenntnisse, die für den gewöhnlichen Hausarzt keinerlei Konsequenzen haben. Politiker, Kassen- und Ärztefunktionäre bemühen den medizinischen Fortschritt vor allem dann, wenn es gilt, vor den Wählern und Beitragszahlern höhere Kosten und Zuzahlungen zu rechtfertigen. Doch wie steht es mit den Patienten? Hat sich ihre Situation tatsächlich verbessert?

Mythos I Mit neuen Diagnosemethoden lassen sich Krankheiten präziser bestimmen als je zuvor.

Mediziner wissen, dass für 90 Prozent aller Diagnosen eine ausführliche Krankenbefragung und die körperliche Untersuchung reicht. Augen, Ohren, Nase, Mund und Hände sind immer noch das beste Handwerkszeug eines Arztes. Dennoch schicken viele Ärzte ihre Patienten erst einmal zum Röntgen oder zur Kernspin- und Computertomografie, bevor sie selbst Hand anlegen.

Dieses Vertrauen in die Technik ist nicht begründet, wie man schon seit einigen Jahren weiß: 1996 wurden an einigen deutschen Universitätskliniken die Fehldiagnosen ausgewertet. Fehldiagnosen aus den Jahren 1959, 1969, 1979 und 1989. In diesem Zeitraum hatten Hilfsmittel wie Ultraschall, CT und Kernspin Einzug in den medizinischen Alltag gehalten. Trotz des technischen Fortschritts ging die Zahl der Fehldiagnosen keineswegs zurück. Obduktionen ergaben, dass zwischen 1959 und 1989 der Anteil nicht oder falsch erkannter Krankheiten konstant bei etwa zehn Prozent lag.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Volksleiden Rückenschmerzen - und der Mythos der Segen einer flächendeckenden Versorgung)
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