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Vorgeknöpft: die Modekolumne 17. Juni 2017

Ein runder Trip

von Silke Wichert  Foto: Gettyimages/ Kevin Mazur

Janis Joplin hat sie geliebt, Kurt Cobain hat sie abgrundtief gehasst: Batik-Shirts. Eigentlich ist die Zeit der Flower-Power-Muster vorbei. Warum trägt sie dann ausgerechnet Coldplay-Sänger Chris Martin seit Jahren bei Konzerten? 

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»Ich hasse Batik-T-Shirts. Ich würde nie eines anziehen - außer es wäre mit dem Urin von Phil Collins und dem Blut von Jerry Garcia gefärbt.« Anschaulicher als Kurt Cobain Anfang der Neunziger kann man wahrscheinlich nicht ausdrücken, was in Rockkreisen von Batik, auf englisch »tie-dye«, traditionell zu halten ist. Die Selbstmach-Färbetechnik, bei der man Stoff erst abbindet und dann in Farbe tunkt, wurde in Amerika in den Sechzigern populär, galt fortan also als Hippie-Scheiß. Dabei sind die kreisförmigen, blumenhaften Muster ja das textile Pendant zu einem illustren LSD-Trip, eigentlich genau Cobains Terrain. Womöglich kommt man aber auch mal schlecht drauf, wenn nicht nur die Halluzinationen im Kopf, sondern auch das Stück Stoff am Leib so psychedelisch bunt ist, dass es einem vorm Spiegel die Plomben rauszieht.

Mit welchen Komponenten Chris Martins Batik-Shirt gefärbt wurde, ist nicht bekannt, offensichtlich trifft die Mischung aber genau den Geschmack des Coldplay-Sängers. Vor ungefähr eineinhalb Jahren trat er das erste Mal in einem blauen T-Shirt mit seitlichem Batik-Muster auf. Dann trug er eine Jacke mit tie-dye-Kreisen. Schließlich die passende Hose dazu. Der Look ging also zumindest bei ihm »viral«, was man zunächst noch darauf zurückführte, dass jüngst auch Kanye West in einem Batik-Shirt gesehen worden war und der Effekt selbst bei Valentino und Saint Laurent wieder auftauchte.

Während tie-dye bei den anderen jedoch schnell wieder verschwand, weil so ein vermeintlicher Tabubruch (cooler Typ trägt eigentlich uncooles Muster, was es wiederum extracool macht) sich ja schnell abnutzt, blieb Chris Martin dabei: Er trug ein weißes Shirt mit Kreisen an Schulter und rechter Seite beim Superbowl im Februar vergangenen Jahres und obwohl er zwischen Beyoncé mit stilisierten Munitionsgurten am Leib und Bruno Mars in schwarzer Lederkluft als harmloses Blumenkind rüberkam, macht er seitdem einfach fröhlich weiter damit. Beim »Tribute to Manchester« oder beim Konzert in München trug er die blaue Batik-Variante, auch privat ist er ständig darin zu sehen, immer mit engem Longsleeve darunter. So viel Konsequenz schaffen nicht mal die Kastelruther Spatzen.

Natürlich gibt es Gründe: Coldplays letztes Album »A head full of dreams« ist gewissermaßen ein Hippie-Album, wie Chris Martin in Interviews erklärte, vorangegangene Selbsterfahrung und Selbstreinigung inklusive. Das Plattencover ziert ein acid-bunter »flower of life«-Print, das geometrische Schöpfungsmuster. Weil aber eine nette Band wie Coldplay eher drogenfrei unterwegs ist, bleibt nur der textile Trip – und auf dem ist Martin offensichtlich hängengeblieben.

So wie Mark Zuckerberg nur graue T-Shirts und Jean Paul Gaultier meist Matrosenlook trägt, ist der Sänger jetzt also der Batik-Mann. Sonderlich cool ist das nicht, erfüllt aber den gleichen Zweck wie jede Uniform: Die Wiedererkennung in Zeiten der Bilderflut steigt ungemein, der Zeitaufwand für Kleiderwahl und Shopping geht gegen null. Letztlich ist Chris Martin da angelangt, wonach so viele insgeheim streben: im von der Mode abgekoppelten, zutiefst entspannten Style-Nirvana.

Wurde auch getragen von:
Janis Joplin, Arrested Development, Justin Bieber

Das fragt die GQ:
»Where are this man’s other clothes?«

Das sagt die Brigitte:
Fürs Batiken gilt: »Probieren, probieren, probieren!«

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Silke Wichert

hat mehrere Jahre das Moderessort des SZ-Magazins geleitet. Manche Leute sagen deshalb gern vorweg, dass sie sich wirklich! überhaupt! nicht! für Mode interessieren. Um dann, nur mal so interessehalber, hinterher zu schieben: Was trägt man denn gerade so? Auch dafür schreibt sie jetzt diese Kolumne.

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