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aus Heft 25/2017 Die Gewissensfrage

Mehrstufiges Vergnügen

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollte man einen Kindergeburtstag lieber nicht auf dem Abenteuerspielplatz feiern, wenn einer der eingeladenen Freunde im Rollstuhl sitzt?

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»Meine Tochter (4) besucht eine Integrationskita. Zu ihrem Geburtstag möchte sie auch ein Kind einladen, das im Rollstuhl ist. Sie möchte jedoch auf einem Abenteuerspielplatz feiern, wo wenige Spielmöglichkeiten für den Jungen im Rollstuhl sind. Sollen wir die Planung ändern und die Aktivitäten dem Jungen anpassen – oder ihn nicht einladen?«
Johanna M., Berlin


Integration und Inklusion werden oft vor allem im Hinblick auf die dafür notwendigen Mittel und die Frage diskutiert, ob dies alles, speziell bei nicht ausreichenden Ressourcen, zu Lasten der anderen Kinder geht. Jenseits aller Probleme und Kritik sehe ich jedoch zwei große Vorteile für alle Beteiligten: Die Kinder können sehr früh lernen, ja mehr noch, erleben im buchstäblichen Sinne, dass Menschen unterschiedlich sind und unterschiedliche Fähigkeiten und Möglichkeiten haben. Und sie können lernen, in einer Gruppe – und darüber hinaus – Rücksicht auf alle Beteiligten zu nehmen. Beides strahlt weit über den Umgang mit den Menschen hinaus, die man primär integrieren oder inkludieren möchte.

Das würde ich hier anwenden, wobei ein mehrstufiges Vorgehen sinnvoll erscheint. Zunächst sollte man versuchen, im Gespräch mit dem Kind, den Eltern und den Erziehern zu klären, ob der Junge im Rollstuhl auch auf dem Abenteuerspielplatz – vielleicht über die Auswahl der Spiele und Aktivitäten – inkludiert werden kann oder sich schon darüber freut, nur dabei zu sein.

Falls das nicht möglich ist, glaube ich, dass Ihre Tochter von einer Reihe von Erkenntnissen sehr profitieren kann. Offensichtlich liegt ihr etwas an dem Jungen im Rollstuhl, sonst würde sie ihn nicht einladen wollen. Nun aber kann man ihr zeigen, dass man nicht immer alles haben kann. Dass es richtig ist, einen Konflikt zwischen dem, was man möchte, und dem, was für alle möglich ist, zunächst auszuhalten – und dann nicht egoistisch, sondern im Sinne eines Miteinanders zu lösen. Dass das Miteinander einen eigenen Wert darstellt. Und dass ein Geburtstag, ein Tag, an dem man im Mittelpunkt steht, ein guter Tag ist, um umgekehrt großzügig zu sein. Wann, wenn nicht an einem Tag, an dem man selbst viel bekommt?

Literatur:

Timm Albers: Mittendrin statt nur dabei. Inklusion in Krippe und Kindergarten, Ernst Reinhard Verlag, München 2012

Nifbe, Timm Albers, Stefan Bree, Edita Jung, Simone Seitz (Hrsg.): Vielfalt von Anfang an. Inklusion in Krippe und Kita, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2. Auflage 2014

Timm Albers, Eva Ritter: Zusammenarbeit mit Eltern und Familien in der Kita (Basiswissen Frühpädagogik), Ernst Reinhard Verlag, München 2015

Vera Moser, Detlef Horster (Hrsg.): Ethik der Behindertenpädagogik. Menschenrechte, Menschenwürde, Behinderung - Eine Grundlegung, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2011

Monika Wertfein, Jutta Lehmann: Von der Integration zur Inklusion ­ eine neue Aufgabe für die frühpädagogische Praxis? Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) (Herausgeber), Online-Familienhandbuch

Timm Albers: Von der Integration zur Inklusion Kinder mit Behinderungen in Krippe und KiTa, online abrufbar hier


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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