Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 21°
Anzeige
Anzeige

Wild Wild West: Amerikakolumne 21. Juni 2017

Warum Philando Castile sterben musste

Von Michaela Haas   Fotos: AP; Reuters

Philando Castile wurde vor den Augen seiner Freundin und deren kleiner Tochter bei einer Verkehrskontrolle erschossen. Vier Tage nach dem Freispruch für den Polizisten haben US-Behörden jetzt das Video veröffentlicht. Es zeigt, wie eine gefährliche Mischung aus schlechter Ausbildung, Angst und Rassismus unschuldige Leben zerstört.

Anzeige
Dieses Video
ist schwer zu ertragen: Ein Mann wird darauf erschossen. Ein unschuldiger, unbewaffneter Mann. Die Polizei hat nun die Aufnahme aus dem Polizeiauto veröffentlicht, das zeigt, was am 6. Juli 2016 in Saint Paul, Minnesota, in der Minute vor den tödlichen Schüssen passiert: Der Polizist Jeronimo Yanez, 29, hält den Schulkantinenmitarbeiter Philando Castile, 32, abends wegen eines kaputten Rücklichts an. In seinem Oldsmobile sitzen Castiles Lebensgefährtin Diamond Reynolds und ihre vierjährige Tochter Dae'Anna auf dem Rücksitz. Castile reicht dem Polizisten ruhig und besonnen seinen Versicherungsschein, dann informiert er ihn höflich, er habe eine Waffenerlaubnis für die Pistole in seiner Tasche.

»Sir, ich muss Sie darüber informieren, dass ich eine Waffe besitze« – so wird es Waffenbesitzern im Training beigebracht. Ab da dauert es genau sieben Sekunden, bis Yanez zu seiner Dienstwaffe greift und schnell hintereinander aus nächster Nähe sieben Schüsse auf Castile abfeuert, vor den Augen seiner Freundin und ihres Kindes. »Zieh nicht!«, schreit Yanez. »Ich ziehe nicht!«, ruft Castile. Castile hat keine Chance.

Aber vielleicht wird sein Tod eine Wende bringen, denn Castile ist unter den Augen der Öffentlichkeit gestorben. Millionen Menschen haben ihm auf Facebook beim Sterben zugesehen. Seine Freundin Diamond Reynolds schaltete unmittelbar nach den Schüssen ihr Handy ein und streamte live auf Facebook, wie sich das Shirt ihres Lebensgefährten mit Blut vollsog. Die schnell herbeieilenden zusätzlichen Polizisten beruhigten erst einmal den hysterischen Yanez. Zehn Minuten dauerte es, bis bei Castile erste Hilfe geleistet wurde; er starb wenig später in der Notaufnahme. Reynolds wurde an diesem Abend nicht wie eine trauernde Angehörige behandelt, sondern verhaftet, von ihrem unter Schock stehenden Kind getrennt, und sie musste die Nacht im Gefängnis verbringen. »Ich wurde behandelt, als sei ich die Verbrecherin!« sagt sie.

Was das neue Video besonders unerträglich macht, ist die Tatsache, dass die Polizei von Minnesota es nur vier Tage nach dem Freispruch von Yanez veröffentlichte. Bis dahin hatte sie es nur im Gerichtssaal gezeigt. »Ich hatte Angst um mein Leben«, sagte Yanez bei der Gerichtsverhandlung. Er habe geglaubt, Castile greife nach seiner Waffe statt nach seinem Ausweis. Obwohl es keine Anzeichen dafür gibt, dass Castile seine Pistole ziehen wollte, wurde Yanez am 16. Juni freigesprochen.

Mit diesem juristischen Argument, ein Polizist könne ja nicht wissen, ob ein Mann nach seiner Waffe oder seinem Ausweis suche, ist es fast unmöglich, einen Polizisten zu verurteilen. Aber Fakt ist: Mehr als doppelt so viele Schwarze als Weiße, die von Polizisten erschossen werden, sind unbewaffnet. Furcht und Vorurteile verleiten Polizeibeamte in den USA zum schnellen Schuss. Die Frage bleibt: Hätte der Polizist wohl auch sofort geschossen, wenn Castile hellhäutig wäre? Wer kann den Freispruch anders interpretieren als einen Freifahrtschein für schießwütige Polizisten?
 
Philando Castile, 32, war an diesem Nachmittag zum Friseur gegangen, hatte Lebensmittel gekauft, sich mit seiner Schwester zum Essen getroffen, dann seine Freundin Diamond Reynolds und ihre Tochter abgeholt. Sein Verbrechen war ein kaputtes Rücklicht. »Mein Sohn liebte diese Stadt, und diese Stadt hat meinen Sohn getötet«, sagte Castiles Mutter Valerie nach dem Freispruch des Schützen: »Ein Mörder kommt davon.« Castile hinterlässt eine Familie, trauernde Kollegen in der Kantine seiner Montessori-Schule, wütende Nachbarn und die Sorge: Lernen amerikanische Polizisten denn nicht, anders zu reagieren als mit maximaler Gewalt?

Castile ist einer von 963 Menschen, die im letzten Jahr in Amerika von Polizisten erschossen wurden. 963. Fast drei Tote pro Tag. Erst am Sonntag war die 30 Jahre alte, im dritten Monat schwangere Charleena Lyles in Seattle erschossen worden, nachdem die fünffache Mutter selbst die Polizei wegen eines Einbruchs gerufen hatte. Die Polizei war vorher gewarnt worden, die Afroamerikanerin habe psychische Schwierigkeiten, aber als sie ein Messer in der Hand hatte, reagierten auch diese Polizisten innerhalb von Sekunden mit tödlichen Schüssen.

Wer verstehen will, warum Konfrontationen mit amerikanischen Polizisten so oft tödlich enden, muss wissen, dass viele Polizisten im Schnelldurchgang minimal ausgebildet werden und nicht das fundierte Training haben, um in angespannten Situationen besonnen zu reagieren. »In den meisten Polizei-Shootings schießen die Polizisten nicht aus Wut, Frust oder Hass. Sie schießen, weil sie Angst haben«, sagt Seth Stoughton, ein ehemaliger Polizist, der nun als Juraprofessor bei der University of California Los Angeles Polizeibrutalität untersucht. »Polizisten müssen darin geschult werden, an andere Methoden zu denken als das Gewehr.« Es gibt ganz hervorragende Trainingsprogramme für Polizisten, mit denen die Tötungsraten massiv sinken, Portland in Oregon hat das zum Beispiel bewiesen.

Aber natürlich spielt auch Rassismus eine gravierende Rolle: Wer sich dafür interessiert, muss nur die Kommentare in den rechtslastigen Medien lesen, etwa bei Fox News. »Hätte die Mutter eben ihren Bengel besser erziehen müssen!« ist noch der harmloseste Kommentar zu Philando Castile. Wieso besser erziehen, wo er sich doch richtig und ruhig verhielt? »ALL Lives Matter« lautet der Gegen-Slogan zum »Black Lives Matter«-Slogan der Aktivisten. Der Schütze von Minnesota trug nach seinem Freispruch ein »Blue Lives Matter«-Abzeichen, in Anspielung auf die blaue Polizeiuniform. Aber es stimmt eben gerade nicht, dass blaue, schwarze und überhaupt alle Leben in Amerika gleich viel zählen.

Das beginnt ganz oben bei Präsident Trump, der zwar auf Twitter nach einem islamistischen Attentat gegen den muslimischen Bürgermeister von London wütet, aber keine Worte findet, wenn mit beunruhigender Regelmäßigkeit weiße Schützen im eigenen Land Schwarze oder Muslime töten. Was ist ein Menschenleben in Amerika wert? Die ehrliche Antwort: Es hängt von der Hautfarbe ab.

»Was muss ein Schwarzer tun, um in Amerika nicht erschossen zu werden?«, fragt der (dunkelhäutige) Fernsehmoderator Trevor Noah in seiner Daily Show. »Jedes Mal gibt es eine andere Erklärung, warum ein Mensch erschossen wurde: Er hat ein Hoodie getragen, er lief von der Polizei weg, er bewegte sich auf den Polizisten zu, er lief nachts rum, ... irgendwann merkt man, dass es keine richtige Antwort gibt. Dieser Mann hat absolut nichts falsch gemacht, er saß nur mit seiner Familie im Auto. Und es gibt eine Gruppe, die sich darüber aufregen sollte: die National Rifle Association

Die NRA und ihr Chef Wayne LaPierre sagen gerne, es gebe »keine größere Freiheit als die Freiheit, unser Leben und unsere Familien mit Gewehren, Pistolen und Knarren zu verteidigen wie wir wollen.« Sie sollten hinzu fügen: »Es sei denn, du bist schwarz«, meint Trevor Noah. Denn Castile war genau das: ein Paradebeispiel für einen rechtmäßigen Waffenbesitzer, der einen Sheriff wie vorgeschrieben über seine legale Waffe informierte. »Warum hört man nun nichts von der NRA?«, fragt Trevor Noah. »Es ist interessant, wie sich diese Gruppe über ein fundamentales amerikanisches Recht definiert, das Recht, Waffen zu tragen, aber sobald es einen Schwarzen betrifft, glauben sie nur noch an ein einziges Recht: ihr Recht, zu schweigen.«
 
In dieser Woche trauert ganz Amerika um Otto Warmbier, den amerikanischen Studenten, der aus seiner Haft in Nordkorea so schwer krank zurückkehrte, dass er starb. Sein Tod ist ohne Zweifel tragisch und mit ziemlicher Sicherheit ein Verbrechen. Aber warum trauert nicht auch ganz Amerika um die Leben von Philando Castile und Charleena Lyles? Und um die Leben all der Unschuldigen, die in Amerika jeden Tag erschossen werden?
  
Anzeige
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.