Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 21°
Anzeige
Anzeige

Abschiedskolumne 23. Juni 2017

Die Utopie des Glühwürmchens

von Michael Moorstedt  Foto: AP/Tony Avelar

Das knubbelige Google-Car war ein Versprechen: In Zukunft würden Autos keine Statussymbole sein, sondern Gebrauchsgegenstände. Das ist vorbei: Die Technik von morgen kommt stattdessen in Fahrzeuge von gestern                



Anzeige
Ich kann mich noch gut an meine erste Fahrt in einem quasi-autonomen Auto erinnern. Es war im Frühling auf der Küstenstraße zwischen Imperia und Nizza. Die gefühlte Mondänität war also ohnehin kaum noch zu überbieten, aber da war noch mehr. Dieses Auto hatte nicht nur Ledersitze mit integrierter Hotstone-Massagefunktion, sondern auch ein Arsenal an Sensorik, das an einen Kampfjet erinnerte: Radar, Laser-Scanner und Rundum-Kamera.

Das Auto nahm die Umgebung also mindestens so intensiv wahr wie ich selbst. Nur eben nicht euphorisch, sondern nüchtern, berechnend, abwartend, immer bereit, einzugreifen. Mehr und mehr zog ich meine Hände vom Lenkrad zurück - die Füße hatten die Pedale schon für ein mehrere Kilometer nicht mehr berührt - und dann war es geschehen: Das Auto steuerte von selbst. Es war fast, als streifte mich damals nicht nur der Küstenwind, sondern auch ein Versprechen. Dass Autofahren entspannend und sicher sein kann, und zugleich Spaß machen. Das gut abgehangene Zitat, das besagt, dass Technik ab einem gewissen Reifegrad von Magie nicht mehr zu unterscheiden sei, erschien auf einmal nicht mehr anmaßend, sondern beinahe wahr geworden.

Es gab nur ein Manko an der Sache: Dass nämlich all die Technik von morgen in einem Fahrgestell von gestern verbaut war. Das Auto war fünf Meter lang, fast zwei Tonnen schwer und hatte ein Verbrauch, den man gar nicht laut aussprechen kann, ohne dass es einem die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Wie anders kam dagegen das Google-Auto daher, das ungefähr zur selben Zeit vorgestellt wurde und das nun - nur zwei Jahre nachdem es das erste Mal auf die Straßen von Kalifornien losgelassen wurde - schon wieder eingestampft wird.

Seine Erfinder gaben dem Google-Auto den Spitznamen Firefly, Glühwürmchen. Es sieht ungefähr aus wie die Kreuzung aus einem Ur-Käfer von 1935 und einem jener Autos, die auf der Kirmes im Kinderkarussell ihre Runden drehen. Klein und rund. Und vor allem harmlos. »Seht her«, scheint das Glühwürmchen zu rufen, »Veränderung muss nicht immer furchteinflößend sein.« Es ist das wohl sympathischste Stück Technik, das der Google-Mutterkonzern Alphabet jemals geschaffen hat. Auf dem Dach der Fireflys befand sich ein kleiner Nubbel, der mit all der Signaltechnik vollgestopft war, die ein wahrhaft selbstfahrendes Auto ebenso braucht. Aus der Ferne und mit ein bisschen gutem Willen sah das dann aus wie früher die Blaulichter bei Polizei und Feuerwehr. Tatü-Tata, die Zukunft ist da!

Die Idee des selbstfahrenden Auto ist alt - sie findet sich schon in den Katalogen der Weltausstellungen des frühen 20. Jahrhunderts. Damals hatten die Menschen noch große Visionen von der Mobilität von Morgen. Atombetriebene Autos, Monoräder, die direkt aus der Star-Wars-Requisitenkammer stammen könnten, Helikopter für jedermann, Raketen sowieso. Ach, wie haben wir unsere Vorfahren enttäuscht.

Die Google-Autos wirkten dagegen wie Artefakte aus dem Übermorgen. Kein Lenkrad und keine wuchtigen Armaturen, stattdessen nur zwei Sitze und ein paar Knöpfe auf der Mittelkonsole. Abgeriegelt wurden sie bei 45 km/h und fuhren in der letzten Version vollelektrisch mit einer Reichweite von 160 Kilometern. Mehr als eine Million Meilen haben die Google-Autos im autonomen Modus runtergespult und waren dabei in 14 kleinere Unfällen verwickelt, 13 davon seien von den menschlichen Piloten verschuldet worden, heißt es. Personen kamen nicht zu Schaden.

Die kugeligen Fahrzeuge hätten Wegbereiter einer Zukunft sein können, in der Autos nicht mehr als Ausdruck individueller Freiheit, nicht mehr als Statussymbol und Virilitätsmerkmal verstanden werden, sondern als simpler Gebrauchsgegenstand. Einer Zukunft, in der Autos nicht geparkt würden, wenn ihre Fahrer am Ziel ankommen, sondern einfach weiter kurven würden, um andere Passagiere aufzunehmen. Permanente Bewegung, weniger Stillstand, mehr Effizienz. Eine kurze Utopie.

Gleich nachdem Google das Ende seiner Glühwürmchen bekannt gegeben hat, sagte auch Apple-Chef Tim Cook in einem Interview, dass sein Unternehmen kein eigenes Auto plane. Es wird auf absehbare Zeit also weder Google Car noch iCar geben. Die Silicon-Valley-Giganten ordnen sich der alten Industrie und ihren Regeln unter. Die IT-Konzerne werden in den selbstfahrenden Autos der Zukunft allenfalls die Elektronik einbauen. Früher haben sich Apple und Google vielleicht noch als Zerstörer und Erneuerer des Establishments verstanden, jetzt degradieren sie sich selbst zum Zulieferer. Keine Disruption, kein Reset des Systems ist in Sicht. Stattdessen mehr vom Gewohnten: Es ist, als hätte Apple nie das iPhone gebaut, sondern einfach auf einen Nokia-Knochen iTunes installiert. Armer Handy-Markt. So wird die Selbstfahr-Technik wohl erst einmal ein Luxus-Spielzeug werden, verbaut in S-Klassen und 7er BMWs und in all diese perversen SUVs, die im Stadtverkehr aussehen wie eine fahrende Festung.

Die Google-Glühwürmchen fahren derweil von der Teststrecke direkt in allerlei Designmuseen, die längst ihre Ansprüche angemeldet haben. Google experimentiert nun mit ein paar hundert Autos der Marke Chrysler Pacifica weiter. Ein Minivan - das automobil gewordene Symbol suburbanen Stillstands. Die Utopie steht dann schon hinter dunkelroten Samtkordeln. »Bitte nicht berühren!«, wird wohl in der Nähe ein Schild warnen.

Anzeige
  • Abschiedskolumne

    Aufstieg in die Sofa-Liga

    Für Hunderttausende Fußballfans erfüllte sich diese Woche ein lange gehegter Wunsch: die Dritte Liga gibt es endlich als Videospiel und zudem werden erstmals alle Partien im Internet übertragen. Ist die Kommerzialisierung der kleinen Vereine eher Grund zur Freude – oder zur Besorgnis?

    Von Marcel Laskus
  • Anzeige
    Abschiedskolumne

    »Urlaub war uns wichtiger als eure Zukunft, sorry«

    Mit unserem Lebensstil schädigen wir den Planeten unwiderruflich. Jeder weiß es, keiner tut wirklich etwas dagegen. Ein vorweggenommener Entschuldigungsbrief an unsere Kinder.

    Von Marc Baumann
  • Abschiedskolumne

    Das Ende des digitalen Botox

    Ein großer Online-Mode-Versand verkündet, seine Models fortan nicht mehr zu retuschieren: Dellen, Cellulite, Dehnungsstreifen – all das wird der Kunde sehen. Der Eingriff per Photoshop ist zum Symbol für ein überholtes Frauenbild geworden. Zu optimistisch sollte man trotzdem nicht sein.

    Von Annabel Dillig