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SZ-Diskothek 23. Juni 2017

»Ich muss keine Gymnastikhosen tragen«

Interview: Johannes Waechter  Fotos: Ronnie Booze; David Katz

Der Bluesgitarrist Robert Cray im Interview übers Altern in Würde, Gemeinheiten gegenüber Keith Richards und den größten Soulsänger aller Zeiten.

Robert Cray (Mitte) mit der legendären Band des Soullabels »Hi Records« und dem Drummer und Produzenten Steve Jordan (links). Das Album Robert Cray & Hi Rhythm ist kürzlich bei Jay Vee Records erschienen.
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Auf Ihrem neuen Album
Robert Cray & Hi Rhythm covern Sie einen Song des legendären Soulsängers OV Wright – genau wie schon auf Ihrem allerersten Album, das 1980 erschienen ist. Wie sind Sie damals zu OV Wright gekommen?

Robert Cray: Seine Begabung ist einfach unverkennbar. Für mich ist er der ultimative Sänger. Seine Art, die Emotionen auszudrücken, die in einem Song stecken, berührt mich als Hörer zutiefst. Besonders bei den Balladen. Damals, als das erste Album entstand, waren wir alle große Fans von OV und haben den Song »I'm Gonna Forget About You« regelmäßig bei unseren Konzerten gespielt. So kam er auf die Platte.

Haben Sie ihn jemals live gesehen?
Leider nicht. Wir haben an der Westküste gelebt, dort hat er keine Konzerte gegeben. Er ist nur über uns drübergeflogen, auf dem Weg nach Japan, wo sein tolles Live-Album entstanden ist. Und dann ist er ja leider schon 1980 gestorben.

Haben Sie einen Lieblingssong von OV Wright?
Ja, »I Want Everyone To Know« vom Album Nucleus Of Soul.

Auch wenn Sie OV Wright nie getroffen haben, haben Sie doch mit vielen anderen alten Blues- und Soulmusikern zusammengespielt. Wer hat sie am meisten beeinflusst?
Albert Collins. Zuerst einmal deshalb, weil er 1971 auf meiner High-School-Abschlussparty gespielt hat – ist das nicht cool? Wir hatten damals eine Abstimmung, ob er spielen sollte oder eine bekannte Rockband, und die Schüler haben für ihn gestimmt, ich natürlich sowieso. Wir haben ihn umlagert, als er während der Show mit seinem langen Gitarrenkabel durch die Menge spazierte. »You play guitar?« hat er nach dem Konzert zu mir gesagt. »Yes, sir«, habe ich geantwortet. »Well, keep it up«, meinte er.

Das muss ein toller Moment gewesen sein.
Unbedingt! Ein paar Jahre später wurden wir mit der Robert Cray Band seine Backup-Band, wenn er irgendwo an der Westküste aufgetreten ist. Wir sind viel mit ihm gereist und und haben viel vom ihm gelernt. Er war eine Vaterfigur für uns.

Die meisten der alten Bluessänger waren ganz ungewöhnliche Charaktere. Was hat Albert Collins einzigartig gemacht?
Er war ein großer Showman, wie viele Musiker aus Texas. Er hatte seinen Gitarrengurt immer nur über die rechte Schulter gehängt, so dass er auch hinterm Rücken spielen konnte, wie T-Bone Walker und Stevie Ray Vaughan, die auch aus Texas kamen. Er hat seine Gitarre auf besondere Weise gestimmt und nur mit den Fingern gespielt, ohne Plektrum. Aber er hatte eine Wahnsinnspower und hat immer sehr laut gespielt, wie alle Texaner.

Heute gibt es kaum noch ältere Musiker dieser Statur, von denen junge Leute lernen können.
Es hat sich alles total verändert. Früher gab es diese Geschichten, dass Kids heimlich in Clubs geschlichen sind, um bestimmte Performer zu hören. Oder Du hast ihnen was vorgespielt und gehofft, dass sie dir Tipps geben. Heute schaust du dir Videos auf Youtube an.

Gibt es junge Gitarristen, die zu Ihnen aufschauen wie Sie einst zu Albert Collins?
Das ist witzig, ich treffe tatsächlich viele junge Musiker, die sagen: Mein Vater hat mir deine Platten vorgespielt. Es hilft nichts, ich muss wohl akzeptieren, dass ich inzwischen selbst einer der alten Typen bin. Naja, könnte schlimmer sein. Ich muss wenigstens keine Gymnastikhosen tragen.

Was ist für Sie die wichtigste positive Veränderung im Musikgeschäft im Vergleich zu früher?
Dass heute jeder auf seinem Handy Zugang zu allem hat, finde ich gut. Wir haben über OV Wright geredet – früher musste man die Plattenläden durchkämmen und darauf hoffen, eine Platte von ihm zu finden. Heute hört man sich seine Musik auf dem Handy an.

Und die wichtigste negative Veränderung?
Naja, dass man nicht mehr bezahlt wird, wenn jemand dein Album auf irgendeiner Seite zum Download anbietet. Das einzige, was noch geblieben ist, sind Konzerte. Für uns ist das aber okay, denn wir sind sowieso immer auf Tour gewesen. Unsere Musik muss man einfach live spielen.

Ihr neues Album ist in den Royal Studios in Memphis entstanden, wo der Produzent Willie Mitchell einst alle großen Hits von Al Green aufgenommen hat. Auch drei Musiker aus dieser Ära spielen auf der Platte mit. Was lag Ihnen an dieser Konstellation?
Es ging mir um den Sound. Dort ist alles noch genauso wie immer. Seit vierzig Jahren hat niemand die Orgel von Charles Hodges, bewegt und das Mikrofon vor dem Orgelverstärker steht immer an derselben Stelle. Die Drums, alles dort, hat einen ganz eigenen Sound. Willie Mitchells Sohn Boo hat mir erklärt, wie sein Vater dort den Raumklang eingestellt hat. Wenn man Aufnahmen aus der Frühzeit des Studios mit den bekannten Al-Green-Platten vergleicht, ist der Unterschied total auffällig. Darum geht's, wenn man im Royal Studio aufnimmt. Und um Musiker wie Charles Hodges, Leroy Hodges und Hubby Archer – die sind einfach fantastisch.

Obwohl die ja nicht mehr regelmäßig auftreten, oder?
Soweit ich weiß nur in Memphis und Umgebung. Hubby war mit Cindy Lauper auf Tour, aber das ist auch schon eine Weile her. Und Charles ist inzwischen eigentlich Pfarrer. Er predigt in einer Kirche.

Haben Sie ein Lieblings-Hi-Album?
Es sind einfach zu viele. Syl Johnson, Ann Peebles – auch deren Alben finde ich toll, die von OV Wright und Al Green sowieso.

Lassen Sie uns noch kurz über Chuck Berry reden.
Mein Eindruck war, dass er bei seinem Tod nicht die Anerkennung bekommen hat, die er verdient hätte. Er hat mit seiner Musik die Welt verändert, so neu und einzigartig war sie. Aber in den Medien wurde nur über die ganzen weniger schönen Sachen geredet, die ihm passiert sind. Er hatte es schwer, denn er hat das weiße Amerika verändert. Deshalb war man hinter ihm her.

Sie sind im legendären Film Hail Hail Rock'n'Roll dabei, der 1986 zu seinem sechzigsten Geburtstag entstand. Angeblich soll er allen Beteiligten damals ziemliche Schwierigkeiten gemacht haben.
Vor allem Keith Richards. Den hat er behandelt, als wäre er ein missratener Sohn. Zu mir war er aber sehr nett. Wir waren eine Woche in St. Louis, haben geprobt und bei ihm zu Hause rumgehangen. Es war alles sehr familiär. Ich war der Neue auf der Szene und fand es großartig.



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Johannes Waechter

Seit Anfang 2009 untersucht Johannes Waechter in seinem Musikblog den großen Zusammenhang zwischen vergangener und aktueller Musik, inspiriert von Bob Dylans Worten: »It's always good to know what went down before you, because if you know the past, you can control the future.«

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