Deutschland | Heft 10/2008

Reeeechts-um!

Preußen kommt wieder: In Berlin ist es auf einmal schick, sich auf stramme Ordnung und historische Werte zu beziehen. Was soll der Quatsch?

Von David Baum (text); Edgar Herbst (fotos) 


Für den Alten Dessauer läuft es heute ausgezeichnet. Seit zwei Stunden stolziert der preußische General über den Hof des Kronguts Bornstedt, nicht weit vom Potsdamer Schloss Sanssouci, und übt mit der Leibgarde des Königs das Exerzieren. Bajonett, Pulverstutzen, alles dran. »Präääsentiert das Gewehr, habt acht, rechts um« – die Soldaten des 6. Infanterieregiments, die im Volk wegen ihres Gardemaßes von über 1,90 Meter als »Lange Kerls« bekannt sind, folgen zackig aufs Wort. Außenrum Zuschauer. Der Dessauer spricht einen von ihnen an, einen jungen Mann, der über die perfekte Körpergröße verfügt und auch sonst ganz anständig aussieht. »Was macht er denn von Beruf?«, fragt der Alte Dessauer den Zuschauer. »Friedhofsgärtner«, antwortet der Angesprochene und wird rot.

»Friiiiedhofsgärrrtner?«, schnurrt es unter der Puderperücke des Kommandanten, »ja, dann soll er doch mal ein Langer Kerl werden, dann sieht er mal was vom Leben.« Der Alte Dessauer hat wie immer die Lacher der Umherstehenden auf seiner Seite. Und der junge Mann gibt dem General seine Daten, um beim nächsten Mal selbst als Langer Kerl dabei zu sein.

Es ist Januar 2008, der echte General Leopold von Anhalt-Dessau weilt seit 261 Jahren unter den Toten, die Langen Kerls des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. sind seit über zwei Jahrhunderten aufgelöst. Preußen, das Land, dem sie dienten, ist 1866 im Deutschen Kaiserreich aufgegangen und wurde 1947 von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges endgültig für aufgelöst, vorbei und abgehakt erklärt.
Aber was ist schon endgültig? Gerade hat sich tatsächlich ein 21-jähriger Friedhofsgärtner aus Berlin-Prenzlauer Berg entschieden, fortan preußischen Drill zu exerzieren. Der Alte Dessauer heißt eigentlich Klaus Brucker, war lange Zeit Unteroffizier bei der deutschen Bundeswehr und machte sich beim Balkankrieg in Sarajevo verdient. Seit 2002 zieht er sich regelmäßig die blau-weiße Uniform an, um den Langen Kerls den spitzen Ton anzugeben. Die traditionsbewusste Laienspielschar gibt es schon seit Jahren. Lange Zeit war das nur ein Nischenvergnügen, aber die Zahl der Teilnehmer wächst. Warum? Wenn man ihnen beim Exerzieren zusieht, dann scheint es, als hätten die jungen Männer in ihren Gardistenuniformen so etwas wie eine geschichtlich verankerte Identität gesucht – und gefunden.

Noch vor wenigen Jahren haben linke Gruppen ihnen das öffentliche Strammstehen mit Gegendemos verleidet, inzwischen aber wird ihr Programm von der brandenburgischen Landesregierung und bei Staatsbesuchen vom Bundesinnenministerium geschätzt. »Sogar für die Queen durften wir schon strammstehen«, sagt einer der Hobby-Soldaten. Und der findige Unternehmer, der das Krongut Bornstedt betreibt, hat ihnen dort eine stilgerechte Heimat gegeben. Die Truppe passt perfekt zum monarchieseligen Ambiente des Brauhauses und zieht Touristen und Schaulustige an.

Es ist noch nicht lang her, da schien das alte Preußen wohlverdient im finstersten Moderloch der Geschichte versunken, für immer. Verschrien als Militärmonarchie und Wegebereiter beider Weltkriege, war es bestenfalls im Scherz für irgendwas gut – als Karikatur in den knalligen Uniformen der rheinischen Karnevals-Funkenmariechen oder als Schimpfwort der Bayern für alle irgendwie Norddeutschen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Endlich mal eine deutsche Vergangenheit, auf die man sich berufen mochte – man konnte die Stoßseufzer förmlich hören in der jungen Berliner Republik.)

Ergänzend zum Artikel finden Sie hier...Preußen ist wieder sexy (Bildstrecke und Infokasten)

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