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aus Heft 10/2008 Deutschland Noch keine Kommentare

Reeeechts-um!

Seite 3

Von David Baum (text); Edgar Herbst (fotos) 


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Überall preußelt es in der Hauptstadt. Wohin man blickt: lustvolle Revision und Restauration. In den Auslagen stapeln sich die Büsten des »Alten Fritz« – mal aus Gips, mal aus edlem KPM-Porzellan. Die Berlin-Brandenburgische Akademie lädt in unregelmäßigen Abständen zum »Salon Sophie Charlotte«, der nach der Mutter des ersten Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. benannt ist, einer Förderin der Wissenschaften. Gerade erst widmete man sich dem Thema »Kennen Sie Preußen wirklich?«, Prominente wie Anna Thalbach rezitierten aus Kleists Werken, es gab Vorträge und Workshops, Kinder spielten in den Kleidern der alten Könige. 1800 Menschen zählte der Kontrolleur am Eingang zu den vielen Sälen der klassizistischen Bauten rund um das Forum Fridericianum, wo das Festival stattfand. Unter den Gästen der Künstler Marc Brandenburg, Sohn eines schwarzen US-GIs, der sich selbst vor Kurzem mit Pickelhaube malte und so plötzlich zum Thema in den Hauptstadt-Feuilletons wurde.

Was ist da los? Wie kommt das alles? Und warum jetzt? Es wirkt fast so, als hätte es die Hauptstadtbevölkerung nicht mehr so ganz mit sich ausgehalten. Die 18 Jahre kurze Geschichte der Berliner Republik scheint so glanzlos. Außer einem schon wieder zerfallenden Holocaust-Mahnmal, mutlosen, dafür überdimensionierten Bauprojekten wie Kanzleramt oder Hauptbahnhof und einer selbstgefälligen Partyszene ist nicht viel Großes entstanden. Worauf soll man sich beziehen in dieser Stadt? Blickt der Berliner hinter sich, sieht er hauptsächlich Tod und Gewalt.

Weltkriege, Teilung, Mauermorde. Was bleibt, sind die Zwanzigerjahre, die kurze Zeit, in der die Stadt Weltstadt war. Aber man kann ja nicht ewig Gesangsrevues veranstalten und jede Cabaretbühne »Palast« nennen. Irgendwann musste jemand kommen und nach etwas anderem suchen – um schließlich das Bild Preußens als zielstrebig ins Dritte Reich voranmarschierenden Kriegsstaat in Frage zu stellen.
Am Hausvogteiplatz in Berlins Mitte hat der Unternehmer Wilhelm von Boddien eine Art Generalsekretariat der preußischen Renaissance eröffnet. Er ist der Hauptinitiator des Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses. »Mir geht es in erster Linie um die Wiederherstellung der baulichen Einheit von Berlins Mitte«, sagt Boddien – allerdings vertrete er privat »sehr wohl die Meinung, dass Modernität, Wirtschaftlichkeit und Bescheidenheit der preußischen Staatsführung für das heutige Deutschland Vorbild sein könnten.«

Im noblen Dahlem tummeln sich in einer Schülerverbindung namens »PV Borussia« Gymnasiasten und eifern laut Flugzetteln »großen Preußen« wie Bismarck oder Humboldt nach. Wenn es darum geht, die Charlottenburger Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-kirche zu retten, eilen der Preußenprinz Friedrich Wilhelm und seine Gattin herbei, werden von Landesbischof Huber herzlich hofiert und lauschen zusammen den Grußworten der Kanzlerin und den Kompositionen des Kaiserenkels Prinz Louis-Ferdinand.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Historiker Christopher Clark, der mit seinem Bestseller Preußen 896 Seiten Grundlage für das neue Preußen-Gefühl geliefert hat, steht der frischen Luft, die der Flügelschlag des schwarzen Adlers neuerdings erzeugt, etwas ratlos gegenüber.)

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