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aus Heft 10/2008 Deutschland Noch keine Kommentare

Reeeechts-um!

Seite 5

Von David Baum (text); Edgar Herbst (fotos) 


Wenn man ihm von Clarks Erkenntnissen erzählt, fragt sein stolzer Blick: »Und wer hat das immer schon gesagt?« Der ehemalige Richter und Privatbankier hat eine Galerie von Repliken der Gemälde der Kurfürsten, Könige und Kaiser malen lassen, seine Frau arrangierte Szenen des Alltagslebens im alten Königreich mit historischen Puppen in Vitrinen. An die 100000 Besucher waren schon da, darunter der ehemalige Ministerpräsident Manfred Stolpe. Unentwegt rattert Bödecker missionarische Thesen vor sich her. »Deutschland ginge es heute enorm besser, würde es sich an Preußen ein Vorbild nehmen«, sagt er, »das Land hatte die geringste Arbeitslosenquote, nur ein oder zwei Prozent, mit 54 Goldmark die geringste Steuerbelastung, das höchste Bildungsniveau und mehr Nobelpreisträger als Frankreich, England und die USA zusammen.«

«Außerdem sei das damals ein humaner und sehr toleranter Staat gewesen: In einem heutigen Preußen, behauptet Bödecker, gäbe es »selbstverständlich kein Problem mit Moscheebauten.« Nein? – »Natürlich nicht, sonst hätte der protestantische Staat seinerzeit wohl kaum am wichtigsten Platz des Königreiches zwischen Dom und Universität und Stadtschloss eine katholische Kirche gebaut.« Ebenso sei die Synagoge an der Oranienburger Straße ein Ergebnis preußischer Toleranz: »Die Straße musste nach preußischer Bauordnung in einheitlichem Stil entstehen, aber König Wilhelm hat diesen Bau gegen die Vorschriften ermöglicht und sogar die Inneneinrichtung spendiert!« Er wendet sich ab und tätschelt liebevoll das Reiterstandbild des Alten Fritz, das dekorativ neben ihm steht. So einen bekommt man eben nicht mehr.

Das sehen die Jugendlichen anders, die sich im Charlottenburger Studentenlokal »Zillemarkt« an einem Samstagnachmittag unter einem vergilbten Porträt Kaiser Wilhelms II. versammelt haben. Eine Sitzung der »Kaisertreuen Jugend Deutschlands«: Schüler und Studenten, die sich mit bloßer Sympathie für »Old Prussia« nicht begnügen wollen. Sie bedauern den Verfall der Eliten in der Bundesrepublik und wünschen sich eine konstitutionelle Monarchie zurück. Klingt naiv. »Wir wissen natürlich, dass unser Anliegen wenig Chancen hat, in nächster Zeit realisiert zu werden«, sagt Jens Schwarze, der Bundesvorsitzende. Dass der theoretische Thronfolger, Georg Friedrich Prinz von Preußen, stets betont, »keine politische Aufgabe« zu verfolgen und auf gar keinen Thron will, ist den kaisertreuen Jugendlichen egal. »Es ist sogar die Pflicht seiner Kaiserlichen Hoheit, sich aus politischen Ränkespielen herauszuhalten«, sagt der Aktivist Michael Sonntag in breitem rheinischen Akzent. »Nur so könnte er den Thron unbeschadet und als Kaiser aller Deutschen besteigen.« Na ja. Als Kaisertreuer hat man noch Träume.

Georg Friedrich, der 31-jährige Chef des Hauses Preußen, und seine ganze Familie halten sich bei all dem vornehm zurück. Aber sie genießen es, dass auf ihre Anwesenheit bei gesellschaftlichen Highlights wie etwa dem glamourösen deutsch-russischen Wirtschaftsball in der russischen Botschaft Unter den Linden größter Wert gelegt wird. Man ist wieder wer. Zumindest auf den Einladungslisten – bei einem der ersten größeren Auftritte standen mehrere Society-Fotografen ratlos vor dem ankommenden Prinzen, sie erkannten ihn nicht. Dabei sieht Georg Friedrich, Vorstandsvorsitzender der Prinzessin-Kira-von-Preußen-Stiftung, Schirmherr der Casino-Gesellschaft zu Berlin und Vorsitzender des Berliner Kuratoriums der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, seinem Ururgroßvater Kaiser Wilhelm II. ziemlich ähnlich, vom fehlenden Schnurrbart mal abgesehen. Einer der erfahrenen Knipser klärte die Kollegen unwirsch auf: »Das ist doch der, der heute Kaiser wär.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Wir alle stehen dann, mutig für einen Mann«, hallt es. »Kämpfen und bluten gern, für Thron und Reich.«)
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