Da hatte sich Georg Friedrich aber bereits ans Buffet zurückgezogen, um mit Wendelin Wiedeking, dem Chef von Porsche, und Ministerpräsident Platzeck zu plaudern. Einmal im Jahr, an jedem 27. Januar, versammeln sich die Anhänger des Kaisers, um dessen Geburtstag zu feiern, im kleinen Hof einer Bierbrauerei bei Leverkusen. Darunter die kaisertreuen Jugendlichen, der Vorsitzende des Bundes aufrechter Monarchisten, aber auch der russisch-orthodoxe Erzbischof von Düsseldorf.
Der örtliche Männergesangsverein und die Blasmusikkapelle intonieren die Kaiserhymne (die Melodie von God Save The Queen, mit dem Text »Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands, Heil, Kaiser Dir«). Die schwarz-weiß-rote Fahne weht im kühlen Januarwind, oben im Wohnzimmer des Bierbrauers erläutert der Vorsitzende die Anliegen der seiner Ansicht nach deutlich heraufdräuenden Monarchie. Ältere Herren tragen Uniformen mit Repliken von Orden längst ausgebluteter Einheiten. Unten im Hof verteilt ein sonderlicher Monarchist der Organisation »Tradition und Ehre« Flugblätter, sein Kleiderstil erinnert deutlich an den ermordeten Münchner Modevogel Moshammer. »Manchmal ist das schlagkräftigste Argument gegen die Monarchie der Monarchist«, entfährt es einem kaisertreuen Jugendlichen. Da wird aber schon zum zweiten Mal die Kaiserhymne angestimmt. »Wir alle stehen dann, mutig für einen Mann«, hallt es. »Kämpfen und bluten gern, für Thron und Reich.«
Die einzig wahren Erben des alten Preußen, die Nachfahren selbst, enthalten sich des öffentlichen Jubels. Keine fröhlichen Kaisergeburtstagsfeiern. Wenn, dann trifft man sich ohne großes Aufsehen in der Gruft des Berliner Doms – nur der innerste Kreis. Wie vor einigen Monaten zum Andenken an Prinz Louis Ferdinand I., der vor allem durch seine Kompositionen für Bratsche in Erinnerung geblieben ist. Eine nüchterne Szene: Unten in der Gruft steht der Großteil des festen Kerns der Hohenzollern-Dynastie, der Chef des Hauses Preußen, Georg Friedrich, hält eine kurze Ansprache. Der junge Prinz hat, wie es die Tradition will, ein Kreuz weißer Nelken mitgebracht. Es herrscht eine feierliche, unaufgeregte Stimmung.
Weiter weg als hier kann man nicht sein vom Kaisergeburtstag mit Blasmusik, von der kaisertreuen Jugend, vom Potsdamer Society-Gewusel, von der Wustrauer Preußen-Show, von den verkleideten Kindern im Sophie-Charlotte-Salon. Prinz Georg Friedrich schreitet mit dem Nelkenkreuz durch die Gruft, ein umständlicher Weg, die Särge stehen in wilder Anordnung hinter versperrten Eisengattern. Er versucht durch die Gattertür zum Grab des Vorfahren zu gelangen, dahin, wo das alte Preußen für immer ruht. Es dauert etwas, bis es endlich klappt. Die Tür klemmt.
Ergänzend zum Artikel finden Sie hier...Preußen ist wieder sexy (Bildstrecke und Infokasten)
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