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Sex 29. Juni 2017

»Der Unterschied zwischen Oper und Porno ist nicht groß«

Interview: Tobias Haberl  Fotos: Peter Rigaud

Adrineh Simonian hat 15 Jahre lang Opern gesungen - und dann schlagartig aufgehört, um Erotikfilme zu drehen. Um Darsteller zu überzeugen, redet sie monatelang mit ihnen und nach dem Orgasmus lässt sie die Kamera einfach weiterlaufen. Ein Gespräch mit einer Frau, die dem Porno die Würde zurückgibt. 

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Adrineh Simonian serviert leckeres Gebäck und einen Topfenstrudel, dazu gibt es Kaffee in Porzellantassen – kaum zu glauben, dass sie in einer Stunde einen Porno drehen wird. Wien, 3. Bezirk, eine Altbauwohnung. »Eigentlich lebt mein Bruder hier«, sagt sie, »aber heute ist er unterwegs.« Sie hat eine Blackbox aufgebaut, ein Raum, alles schwarz, drei Kameras, zwei vor dem Bett, eine kommt von oben. Sie erwartet ein junges Pärchen aus Berlin; zwei Menschen, die sie noch nie vorher gesehen hat, werden in der Wohnung ihres Bruders Sex haben, und sie wird filmen, was passiert. 

Was das sein wird? »Keine Ahnung, ich gebe keine Regieanweisungen,« sagt Adrineh Simonian, die mal Opernsängerin war und heute Pornoproduzentin und –regisseurin ist. Eine schillernde Frau, geboren in Teheran als Tochter eines Großindustriellen, als Kind nach Wien gekommen, wo sie Geige, Klavier und Gesang studiert und mit Mitte 20 im Ensemble der Wiener Volksoper gelandet ist: keine Weltkarriere, aber eine hübsche Laufbahn, sie war Bizets Carmen und Rossinis Aschenputtel. Und dann? 

Hörte sie von einem auf den anderen Tag auf, um wie besessen Pornos zu drehen, schon mit einem künstlerischen, experimentellen, auch politischen Ansatz, aber trotzdem: Sexfilme mit steifen Geschlechtsteilen, Samenergüssen und Fingern, die in Körperöffnungen verschwinden. Aber warum? Und wieso singt sie nicht mehr? Sie lacht und erklärt, dass sie da durchaus einen Zusammenhang sehe. Sie erzählt von 15 Jahren im Klassikgeschäft und dass sie immer darunter gelitten habe, wie patriarchalisch, unehrlich, ja scheinheilig es zugegangen sei. 

»Ich musste immer kämpfen«, sagt sie, »ich bin zu absoluter Ehrlichkeit verdammt, das hat die Sache nicht leichter gemacht.« Dazu kam, dass sich ihre Stimme nicht gut entwickelte, ständig war sie heiser und musste bangen, ob sie den Abend durchstehen würde. Und dann lauschte sie einem Gespräch in der Kantine – es ging um Pornos, die Frauen kicherten, die Männer prahlten – und dachte: Nee, das ist nicht die Wahrheit; die ist komplexer, differenzierter, auch spannender. 

Adrineh Simonian hat es geschafft, dass ihr heute Männer schreiben, die ihr danken, dass sie Erotikfilme dreht, die nichts mit stumpfen Gerammel, unfreiwillig komischen Dialogen und bedenklichen Frauenbildern zu tun. »Man findet massenhaft Leute, die nicht genug davon kriegen, sich beim Sex filmen zu lassen«, das Problem sei, »genau die interessieren mich nicht. Mich interessieren die, die sich nie vorstellen hätten können, so was eines Tages zu machen.« 

Wie Simonian es schafft, die Menschen zu überzeugen, warum ihre Filme manchmal erst nach dem Orgasmus richtig losgehen und was Naturtalente vor der Kamera auszeichnet, lesen Sie hier mit SZ Plus
 


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