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Wild Wild West: Amerikakolumne 30. Juni 2017

Der Ausverkauf Amerikas

Von Michaela Haas  Foto: GettyImages

Feuerwehr, Rettungsdienste, Gefängnisse: In den USA wird vieles privatisiert. Wozu das führen kann, zeigt das Beispiel eines Mannes aus Tennessee, dessen Haus abbrannte – und der trotzdem für den Feuerwehr-Einsatz zahlen muss.

Feuerwehr im Einsatz. Viele Rettungsdienste sind in den USA bereits privatisiert worden.
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Trump ist mit dem Versprechen angetreten, Amerika wie ein Business zu führen. Immer wieder betont der Mann, er könne als Landesvater gar nicht scheitern, weil er doch schon als Geschäftsmann so erfolgreich war. In seinem Bestseller The Art of the Deal hat Trump seinen Ghostwriter beschreiben lassen, wie man Gewinne maximiert, und diese Strategien wendet er nun auf einen ganzen Staat an. Das ist auch richtig so. Wir blicken auf fast 10 Millionen Quadratkilometer Land, von denen einige Kilometer noch unerschlossen sind, und 326 Millionen Personal, die gewinnbringend eingesetzt werden können. Da lässt sich eine klare Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen.

Hier einige der überzeugendsten Beispiele, bei denen der Turbokapitalismus schon prima funktioniert:

1. Nationalparks
Für Immobilien-Entwickler sind zunächst einmal die brachliegenden Flächen interessant, die sogenannten Nationalparks. Das ist alles ungenutztes Bauland, das im Augenblick nur von Bären, Rehen und Wölfen bewohnt wird - die, und das ist das Entscheidende, keine Miete und keine Eintrittsgelder bezahlen.

Die Lösung: Im März hat Trump sein 19. Präsidialdekret unterzeichnet, das Bohrgenehmigungen in Amerikas Nationalparks erleichtert. Außerdem hat er seine Unterlinge angewiesen herauszufinden, wie man die kommerzielle Nutzung öffentlicher Flächen erleichtern kann. Was man da alles an schönen Apartment-Komplexen, Golfparadiesen und Casinos in den Yosemite-Park stellen könnte! Dabei empfiehlt sich die Trump-Maxime, die wir aus seinem Bestseller The Art of the Deal kennen: »Think Big!« Auf gut deutsch: Nicht kleckern, sondern klotzen.

Bonus für seine jagdwütigen Söhne: Er hat die Grizzly-Bären im Yellowstone Nationalpark von der Liste der geschützten Tiere nehmen lassen. Müssen die eben bezahlen, wenn sie wieder auf die Liste wollen.

2. Krankenversicherung
Am allerbesten funktioniert die Privatisierung im Erste-Hilfe-Bereich, denn in Situationen auf Leben und Tod verhandeln Menschen nicht. Das ist nicht Trumps Erfindung, aber er hat angekündigt, weitere Privatisierungen zu fördern. Immer öfter werden in Amerika Sanitäter, Feuerwehren und Notdienste nicht von Steuergeldern bezahlt, sondern von an der Börse notierten Investmentfirmen geführt. Das wissen die Menschen zwar nicht, die den Notruf wählen, sie merken es aber spätestens, wenn die Rechnung kommt. Nach einem Herzinfarkt oder bei einem Hausbrand wollen die Menschen einfach nur, dass ihnen schnell geholfen wird, und sie achten in ihrer Panik nicht auf das Kleingedruckte. Besonders eindrucksvoll ist das Beispiel von Lester Day in Knoxville, Tennessee. Als sein Kamin Feuer fing, wählte er den Notruf. Die Feuerwehr kam erst eine Stunde später, da war das ganze Haus leider schon niedergebrannt. Das hielt die Firma Rural/Metro aber nicht davon ab, ihm für ihre Bemühungen 15000 Dollar in Rechnung zu stellen. Die stottert der Mann, der seine gesamtes Hab und Gut verlor, nun gerade ab.

Dass privat geführte Unternehmen sich auch um Notsituationen kümmern ist an sich ja nichts Verwerfliches, aber wenn Investmentfirmen auf eine größere Rendite drängen, hat das eben in Situationen auf Leben und Tod gravierendere Konsequenzen: Die New York Times deckte im letzten Jahr unter anderem auf, dass sich die Wartezeiten für private Krankenwägen verdoppelten und verdreifachten, schließlich müssen die Kosteneinsparungen ja irgendwo her kommen. Die gleiche Firma, die in Tennessee das Haus abbrennen ließ, erfand, auch das ist leider keine Satire, den schönen Slogan »Care to Cash«: Möge die Sorge um das eigene Leben möglichst viel Bargeld abwerfen. Das ist das alte Prinzip von Angebot und Nachfrage. Denn auch das steht in Art of the Deal: »Use your leverage«. Also: Druck einsetzen, mit Hebelwirkung.

Das Paradebeispiel dieses Modells ist der neue Entwurf der Republikaner zur »Trumpcare«, die »Obamacare« ersetzen soll. Die Krankenversicherung für einkommensschwache Amerikaner wird massiv gekürzt. Kranke müssen sich eben vorher überlegen, ob sie sich ihre Krankheit auch leisten können.

3. Familienbetrieb
Am besten bleiben die Profite in der Familie. Die Tochter als Chefberaterin, der Schwiegersohn als Unterhändler, die Söhne als Zulieferer. Die Hochzeitsplanerin von Sohn Eric kann dann auch gleich eine Abteilung im Städtebau-Ministerium übernehmen. Kein Scherz. Wer eine Luxus-Hochzeit für den Sohn vom Staatschef perfekt inszeniert, kann auch eine mehrere Milliarden schwere Staatsbehörde führen, oder?
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4. Spenden
Kürzlich hat mich mein Physiotherapeut gefragt, was ich machen würde, wenn ich die 447 Millionen Dollar aus dem jüngsten Lotto-Jackpot gewänne. Ich habe spontan gesagt: Damit kaufe ich mir ein Ministerium! Das würde ich mit einem derartigen Geldregen tatsächlich machen. Ein Ministerium kostet etwa 200 Millionen Dollar. Das ist ungefähr die Summe, die Bildungsministerin Betsy De Vos über die Jahre an Spenden für Senatoren lockermachte, damit sie trotz fehlender Qualifikationen vom Senat bestätigt wurde. Hatte Trump im Wahlkampf noch Hillary Clinton für ihre Nähe zur Wall Street kritisiert, heuerte er unmittelbar nach seiner Wahl eine ganze Reihe Wall-Street-Milliardäre an. Sein Kabinett verfügt über ein Privatvermögen von 13 Milliarden Dollar – es ist das mit Abstand reichste in der Geschichte Amerikas. »Ich will einfach für diese Posten keine armen Menschen«, rechtfertigte Trump diese Kehrtwendung.

5. Gefängnisse
Besonders genial ist diese Strategie, zu der Trump in Art of the Deal rät: »Versuche, auch aus negativen Dingen einen Vorteil zu ziehen.« Für die meisten Staaten sind Gefängnisse ein finanzieller Verlust. Amerika dagegen hat ein Rezept gefunden, Gefängnisse zu Profitschleudern zu machen. Das Zauberwort: Privatisierung. Fast ein Fünftel der Häftlinge sitzt in von privater Hand geführten Haftanstalten. Die privaten Investoren finden natürlich Wege, Kosten zu sparen: weniger Personal, mehr Fußfesseln, horrende Gebühren für jeden Telefonanruf. Dass die Gefängnisse nie leer stehen ist das Wichtigste. »Das verkauft man genau so wie Autos, Immobilien oder Hamburger«, erklärte einer der Gründer des Gefängnisbetreibers Corrections Corporation. Je mehr Menschen einsitzen, desto mehr verdient der Betreiber. Das funktioniert super. Der Erfolg: In Amerika sitzen mehr Menschen im Knast als in jedem anderen Land. Die Vereinigten Staaten stellen zwar weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber fast ein Viertel der weltweit einsitzenden Gefangenen.

Die American Civil Liberties Union (ACLU) beklagt, in den privaten Gefängnissen gebe es mehr Übergriffe, mehr Gewalt und hygienisch katastrophale Zustände. Eine Weile war das Geschäftsmodell deshalb in Gefahr: Obama machte die Privatisierung rückgängig, aber Trump hat diesen Irrtum umgehend behoben. Sein Justizminister Jeff Sessions sagte erst kürzlich wieder: »Ich mache mir Sorgen, dass wir nicht genügend Leute einsperren.«

6. Die eigene Marke aufwerten
Trumps Söhne haben gerade die Eröffnung einer neuen Drei-Sterne-Hotelkette angekündigt: »American Idea« soll sie heißen, eine amerikanische Idee. Und das ist ja auch eine grundamerikanische Idee: aus dem Markennamen Profit schlagen. Damit die Anhänger auch in Trump-eigenen Hotels absteigen können und ihr Geld nicht in Hotels tragen müssen, die anderen Milliardären gehören. Ähnlich praktisch ist, dass sich der Secret Service im Trump Tower eingemietet hat, wo die Jahresmiete für eine Etage in die Millionen gehen kann. Den Einstiegsbetrag für Trumps Golfclub in Mar-a-Lago (früher 100.000 Dollar) konnte er seit seinem Wahlsieg bereits auf 200.000 Dollar verdoppeln, so dass ihm Mar-a-Lago in Florida seit Januar letzten Jahres 37 Millionen Dollar Gewinn einbrachte. Da geht noch mehr. Dass 186 Kongressabgeordnete gegen die Gewinnmaximierung klagen wollen, weil es verdächtig erscheint, dass plötzlich so viele Staatsoberhäupter in Trump-Hotels absteigen und China gerade das Trump-Trademark gewährt hat, das er schon so lange wollte, nun ja, Neider gibt es eben überall. Auch dafür hat Art of the Deal eine Strategie: Fight back! Zurück schlagen!


7. Zukunftsmodelle
Trumps größter Geldgeber im Wahlkampf, der megareiche Hedgefonds-Manager Robert L. Mercer, sagte vor seinen Mitarbeitern, der Wert eines Menschen bemesse sich »allein an dem Geld, das einer verdient«. Das ist eine schlechte Nachricht für alle Krankenschwestern, Hebammen und Grundschullehrer, aber eine gute für alle Hedgefonds-Manager. Wenn man diesen Gedanken, dass die Reichsten nicht die Korruptesten, sondern die Besten sind, konsequent weiter denkt, ergeben sich immer neue Geschäftsmodelle.

Zum Beispiel will Trump auch seine Infrastruktur-Initiative auslagern: Brücken und Autobahnen sollen von Investmentfirmen gebaut werden statt vom Staat. Nun gut, die Brücken und Autobahnen in ländlicheren Gegenden verrotten natürlich, denn da ist keine börsenfähige Rendite herauszuschlagen. Müssen die Leute eben woanders hinziehen, wo sich mehr an ihnen verdienen lässt. Oder nehmen wir Trumps Memo, das er gerade unterzeichnete, um die Flugverkehrskontrolle zu privatisieren. Konsequenterweise müssten bald nicht nur die Meilen über ein Upgrade entscheiden, sondern auch direkt die Ticketpreise: Teure Fluglinien werden von den besten Controllern sicher zu Boden gebracht, die Billigflieger von den Praktikanten. Das ist nur angemessen: Gerechtigkeit muss sein. Wer zahlt, hat Recht.

Das lässt sich alles noch steigern: Hin zu einem gewinnorientierten, straff geführten Amerika, bei dem die Profite in der Familie bleiben. Schluß mit diesem Sozialscheiß, bei dem auch Arme durchgefüttert werden. Idealerweise werden Fitbits künftig neben der Kilometerleistung auch den aktuellen Kontostand anzeigen, damit jeder Arzt gleich weiß, ob es lohnt, einen Katheter zu legen. (Siehe die finale Strategie-Stufe in Art of the Deal: »You`re fired!«) Patienten, die noch mit der American Express Platinum Card winken können, werden direkt zum Chefarzt gekarrt.

Wenn dann die Armen meutern und alles den Bach runter geht, melden wir Bankrott an. Und machen dann einfach auf den Malediven wieder einen neuen Laden auf.

Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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