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Abschiedskolumne 02. Juli 2017

»Wir heiraten in einem Leuchtturm«

Protokoll: Sina Pousset  Foto: privat

Linda und Franci erwarten ihr erstes Kind. Ihre Geschichte zeigt, wie schwer es Homosexuellen gemacht wurde, eine Familie zu gründen. Mit der »Ehe für alle« sollen diese Zeiten vorbei sein – doch das lesbische Paar befürchtet, dass vieles beim Alten bleibt.

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Das Timing ist schon verrückt: Wir haben am Donnerstag unsere Hochzeitseinladungen verschickt und am Freitag hat der Bundestag die Gleichstellung der Ehe beschlossen. Am 27. Oktober heiraten meine Verlobte Linda und ich in einem Leuchtturm auf einer Nordseeinsel, Freunde und Verwandte haben ihre Ferienwohnungen gebucht, der Termin beim Standesamt ist gemacht. Wir wissen nicht, wie lange es dauert, bis die »Ehe für alle« eingeführt wird, eventuell wird es November oder später. Dann müssten wir vielleicht noch mal heiraten, aber wir werden die bisherige Planung nicht umschmeißen.

So oder so werde ich nicht sagen, dass ich verpartnert bin, sondern verheiratet. Begriffe wie »eingetragene Lebenspartnerschaft« sind viel zu sperrig. Vielleicht haben wir ja auch Glück und die Umsetzung der Ehe für alle ist schon früher möglich. Am Freitagmorgen bekam ich die ersten SMS: »Wir müssen heute anstoßen!« Ich war noch nicht mal richtig wach. Angestoßen haben wir bisher noch nicht. Wenn, ginge das nur mit Kindersekt. Ich bin hochschwanger – der Geburtstermin für unseren Sohn ist in zwei Wochen.

Für uns hat die Entscheidung wohl große Auswirkungen: Unser Kind entstand in Holland mit Hilfe eines privaten Samenspenders – dort sind die Gesetze lockerer und viele lesbischen Paare aus Deutschland fahren zur Insemination dorthin. Linda muss nach der Geburt die Stiefkindadoption beantragen, ein langwieriger Prozess, der mehrere Jahre dauern kann. Wenn mir währenddessen etwas zustößt, ist unser Kind vor dem Gesetz Waise. Außerdem werden Stiefeltern streng vom Amt überwacht. Ein befreundetes lesbisches Paar hat auf diese Weise schon drei Kinder zusammen – jedes Mal stellt das Jugendamt der nicht-leibliche Mutter Fragen wie: »Werden sie auch mal aggressiv, wenn das Kind wütend wird?« Das finde ich anmaßend.

Falls für uns als lesbisches Ehepaar wirklich die gleichen Rechte gelten sollten, wäre auch unser Kind unser gemeinsames, da der Samenspender von der Vaterschaft zurückgetreten ist. Das würde uns den Weg natürlich deutlich erleichtern.

Linda und ich sind seit gut sechs Jahren zusammen. Wir sind beide Familienmenschen und wünschen uns Kinder. Die letzten Jahre haben wir so ziemlich alle Szenarien durchgespielt: Leihmutterschaft wäre nicht infrage gekommen und ist für uns verboten, gemeinsame Adoption auch. Insemination für lesbische Paare praktizieren in Deutschland nur wenige Ärzte, obwohl es rechtlich erlaubt ist. Die Praxen nehmen außerdem viel Geld, die Spender bleiben anonym.

Mir ist aber wichtig, dass unser Kind seinen Vater auch kennen lernen kann. Die Kinder unserer Freunde fragen: »Wer ist eigentlich mein Papa?« Sie müssen dann antworten: »Wissen wir nicht.« Man sollte seine Wurzeln kennen und wissen: Die großen Füße habe ich vom Papa, die krumme Nase von Mama.

Mir war auch klar, dass ich gerne eine Schwangerschaft erleben will. Also war die private Spende im Ausland die beste Option. Wir fanden unseren holländischen Spender im vergangenen Jahr auf einem privaten Spenderportal im Internet. Da schwirren alle möglichen unseriösen Angebote rum, zum Beispiel Achtzehnjährige, die einen anschreiben: »Kein Problem, ich mach dir ein Kind.«

Aber bei unserem Spender hatten wir ein gutes Gefühl. Er wollte uns erst mal in Ruhe kennen lernen. Manche Männer verlangen viel Geld, aber er wollte nur 175 €, um die Kosten seiner medizinischen Tests zu decken. Im Juli sagte er uns zu, da waren wir im Urlaub in Holland, und Linda hatte mir gerade den Antrag gemacht. Sie lockte mich unter einem Vorwand an den Strand. Ich habe überhaupt nicht verstanden, warum wir so lange dablieben. Mir war kalt und ich musste total dringend aufs Klo. Als wir frisch verlobt zurückkamen, warteten im Ferienhaus all unsere Freunde, die das ganze Haus dekoriert hatten.

Kurz davor kam die Nachricht von unserem Spender: »Treffen wir uns morgen?« Das ging uns zu schnell. Wir haben dann den Urlaub lang überlegt, was wir machen. Am Ende verabredeten wir uns in einem Café. Ich hatte noch nie ein Blind Date, aber so ungefähr muss sich das anfühlen. Es war skurill. Ich war anfangs total nervös. Aber es war ein sehr lockeres Gespräch, anderthalb Stunden lang wechselten wir von Smalltalk zu Organisatorischem. Schon auf dem Nachhauseweg nach Deutschland hatte ich ein gutes Gefühl.

Im Winter trafen wir uns dann zwei Mal mit ihm in einem Hotelzimmer nahe der holländischen Grenze. Beim zweiten Mal klappte es. Wir verwendeten die Bechermethode, das heißt, der Mann verschwindet ins Bad, kommt mit dem Becher wieder raus und man führt den Samen selbst ein. Manche haben auch Geschlechtsverkehr, aber das wollten wir nicht. Organisatorisch war es ein ganz schöner Aufwand, weil man ja nicht einfach sagen kann: »Wir verhüten jetzt nicht mehr und lassen es passieren.« Wir mussten jedes Treffen genau nach meinem Zyklus planen. Ich habe mir den ganzen Prozess irgendwie romantischer vorgestellt – es entsteht ja ein Kind. Aber es ist sehr technisch.

Unser Spender hat schon elf Kinder auf diese Weise gezeugt. Er stammt selbst aus einer Großfamilie und hat sechs Geschwister. Ein Freund von ihm war zeugungsunfähig, dadurch hat er mitbekommen, wie schlimm es ist, keine Kinder kriegen zu können. Also entschied er sich, Samenspender zu werden. Ich bereue nicht, dass wir unser Kind auf diesem Weg bekommen haben. Ich hoffe, dass es gleichgeschlechtlichen Paaren künftig leichter gemacht wird, Kinder zu bekommen.

Als kleines Mädchen hatte ich den typischen Traum: Haus, Ehemann, zwei Kinder und Hund. Kurz vor dem Abi wechselte ich die Schule und lernte Linda kennen. Wir freundeten uns an. Nach ein paar Wochen merkte ich, dass es mehr war. Da verstand ich erst, warum ich noch nie einen Freund hatte: weil ich auf Frauen stehe. Meine Familie konfrontierte mich nach ein paar Monaten mit meiner Beziehung zu Linda. Besonders für meine jüngere Schwester war es schwierig, mein Coming Out zu akzeptieren. Wir hatten ein paar Jahre lang praktisch keinen Kontakt. Mittlerweile unterstützt sie mich und freut sich sehr auf das Baby.

Für meine Mutter war es noch schwerer. Als ich ihr erzählte, dass ich schwanger bin, war da keine uneingeschränkte Freude. Sie sagte als erstes: »Und wie erklären wir das den anderen?« Das war natürlich ein Dämpfer. Linda war vor anderen immer »eine Freundin« nie meine Freundin.

Viele Menschen denken wohl: »Die ist nur lesbisch, weil sie schlechte Erfahrungen mit Männern hatte.« Dabei ist es eine Gefühlssache, die man nicht selbst entscheidet. Linda hat bei meinem Vater um meine Hand angehalten – bei der eigentlichen Verlobung waren die Eltern aber nicht dabei. Ich würde sagen, sie akzeptierten unsere Entscheidung, sind aber nicht euphorisch. Aber mittlerweile überwiegt bei allen die Freude auf das Kind. Jedes Mal, wenn ich anrufe, fragt meine Mutter: »Kommt er?« Als ich letztens spontan bei ihnen klingelte, sagte sie: »Seid ihr noch zu zweit oder habt ihr ihn schon dabei?«

Am liebsten hätten wir mindestens zwei Kinder vom selben Spender, eins von mir und eins von Linda. Ich habe sie letztens gefragt, ob es nicht komisch für sie ist, dass sie mit dem Kind genetisch nicht verwandt ist. Sie hat sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Auch eine nicht-biologische Mutter kann eine Mutter sein. Viele sehen das leider noch anders.

Linda macht gerade ihr Referendariat an einer bischhöflichen Schule, im Anschluss an das Referendariat wurde ihr dort eine Stelle angeboten und dann prompt wieder ausgeschlagen, als sie dem Schulleiter erzählt hat, dass sie im Oktober eine Frau heiraten wird. Gesellschaftlich mag sich gerade etwas ändern – bei der Kirche jedoch nicht. Da fragt man sich schon, warum wir dann überhaupt Kirchensteuer zahlen.

Händchen halten wir selten in der Öffentlichkeit, vielleicht auch unbewusst, weil uns die Blicke nicht so angenehm sind. Ich glaube, wir haben gelernt, vieles zu ignorieren. Das Argument, dass die heterosexuelle Ehe die Zukunft Deutschlands sichert, finde ich Schwachsinn. Ich liebe Frauen – ich werde also keinen Mann heiraten und mit ihm Kinder kriegen, nur weil so die Zukunft Deutschlands gesichert zu sein scheint. Ich verstehe nicht, warum uns diesbezüglich so viele Steine in den Weg gelegt wurden. Wir werden ihn ja trotzdem gehen.

In anderen Ländern, wie Großbritannien oder Australien, werden mittlerweile auch zwei Frauen in die Geburtsurkunde eingetragen. Die Entscheidung für die Ehe für alle hat einen Stein ins Rollen gebracht, trotzdem wird sich in Deutschland von heute auf morgen nicht so viel ändern, vermute ich. Da lasse ich mich aber gern eines Besseren belehren.

Wenn ich ein paar Jahre in die Zukunft schaue und daran denke, dass unser Sohn dann in den Kindergarten geht, wünsche ich mir natürlich, dass bis dahin unkonforme Familienformen normaler geworden sind und er vielleicht nicht mehr der einzige ist, der aus einer Regenbogenfamilie kommt. Ich möchte nicht, dass mein Kind gehänselt wird, weil es zwei Mütter hat, aber natürlich habe ich mich damit auseinandergesetzt. Ich glaube und hoffe, dass unsere Generation mit weniger Vorurteilen aufgewachsen ist und damit besser umgehen kann.

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