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aus Heft 27/2017 Die Gewissensfrage

Traust du dich?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollte man seinen Partner auf dessen Wunsch hin heiraten, auch wenn man überzeugter Ehegegner ist? Unser Moralexperte weiß Rat.

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»Meine Freundin und ich sind zusammen mit unseren Kindern sehr glücklich. Bis auf eines: Meine Freundin möchte ›richtig‹ heiraten, ich lehne die Ehe ab. Ich finde es falsch, dass kinderlose Ehepaare mehr Vorteile haben als unverheiratete Paare mit Kindern, und glaube, dass sich nur etwas ändert, wenn mehr Paare die Ehe verweigern. Haben Sie einen Rat?« Gerd L., München

  
Wenn bei etwas, was zwei Personen nur gemeinsam tun können, gegensätzliche Haltungen aufeinanderprallen, gibt es mehrere Möglichkeiten, eine Lösung zu finden. Die erste ist der Kompromiss. Der scheidet aus, wenn es Ihrer Freundin partout um die klassische Ehe geht. Bei der gibt es nur Ja oder Nein.

Die zweite Lösung ist, auf den Unterschied zwischen Tun und Unterlassen abzustellen. In vielen, wenn nicht den meisten Situationen ist es ein wesentlich geringerer Eingriff in die Psyche und
die Persönlichkeit, etwas, was man tun möchte, zu unterlassen, als etwas, was man ablehnt, zu tun. Dies spräche hier gegen die Ehe.

Das Nächste wäre das Ausmaß der Überzeugung. Wenn Ihre Freundin um alles in der Welt heiraten möchte, Sie hingegen nur gewisse Vorbehalte verspüren, spräche manches für die Hochzeit. Umgekehrt läge es, wenn Ihre Freundin es irgendwie nett fände zu heiraten, Sie hingegen absoluter Gegner jeglicher Formalisierung einer Beziehung sind. Das leitet über zu der für mich hier entscheidenden Überlegung: Die Beweggründe Ihrer Freundin für die Ehe liegen innerhalb Ihrer Beziehung, Ihre hingegen außerhalb. Deshalb würde ich Ihren Gründen in diesem Fall weniger Gewicht beimessen.

Das klingt sehr theoretisch, ist es aber nicht, wenn man sich das Ganze praktisch klarmacht. Sie können Ihre Freundin jederzeit heiraten und sich politisch für eine Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten von Kinderförderung engagieren. Was vermutlich ohnehin wesentlich wirksamer ist als Ihr stummer Protest in Form der Eheverweigerung. Ihrer Freundin hilft es jedoch überhaupt nichts, wenn sie mit ihrer Überzeugung »Ehe ist die Krönung der Liebe« einen Großteil aller Menschen überzeugt, solange sie den einen Menschen nicht erreicht, um den es ihr dabei geht. Und das sind Sie.  
 
Literatur:

Eine vertiefte und kluge Betrachtung der Unterschiede zwischen Tun und Unterlassen und deren Auswirkungen in vielerlei Hinsicht liefert der Moralphilosoph Dieter Birnbacher in seinem Buch „Tun und Unterlassen“, Reclam Verlag, Stuttgart 1995. Eine 2. Auflage ist 2015 im Alibri-Verlag erschienen.
 
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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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