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Wild Wild West: Amerikakolumne 07. Juli 2017

»Ich kusche nicht mehr vor männlichen Filmproduzenten«

Von Michaela Haas  Foto: Vera Anderson/Getty Images

In Hollywood hieß es lange, Octavia Spencer habe ein »Krankenschwester-Gesicht«. Dann gewann sie einen Oscar – und rächt sich jetzt an denen, die ihr langweilige Rollen gaben. Eine Begegnung.

Octavia Spencer im Frühjahr 2017 in Los Angeles.
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Das Treffen mit Octavia Spencer im Beverly Hills Four Seasons ist die kuscheligste Promi-Begegnung aller Zeiten. Weil in ihrem neuen Film Begabt – Die Gleichung eines Lebens, der am 13.7. ins Kino kommt, eine einäugige Katze auftaucht, für die im Tierheim schon die Giftspritze bereit liegt, hat die Tierschutzorganisation Best Friends zum Termin ein halbes Dutzend Katzen mitgebracht, die ein Zuhause suchen. Der grau getigerte, vier Monate alte »Captain America« war bis vor zwei Tagen noch ein Streuner, springt nun voller Begeisterung auf meinen Schoss und kuschelt sich so schnurrend in meine Arme, dass ihn zurück zu lassen keine Option ist. Der echte »Captain America«-Star Chris Evans ist auch da, aber bei weitem nicht so zutraulich.

Octavia Spencer, 45, hat selbst keine Katzen, keine Hunde und keine Kinder. Dafür fehle ihr die Zeit, sagt sie, sie sei ja immer unterwegs. Mit leuchtend pinkfarbenem Lidschatten, die Haare elegant zurück gebunden, sitzt sie in Jeans lässig im Schneidersitz auf dem Sofa und scherzt: »Meine Freunde sagen, ich wäre die schlimmste Mutter aller Zeiten! Ich kann nicht einmal Grünpflanzen am Leben erhalten.« Erstaunliche Worte für eine Frau, die doch gerade wegen ihrer warmen Ausstrahlung immer für die mütterlichen Rollen besetzt wird und die privat sogar mehrere Kinderbücher über eine findige junge Detektivin geschrieben hat.

Auch in Begabt – Die Gleichung eines Lebens spielt sie eine fürsorgliche Ersatzmutter für die aufgeweckte Mary Adler (Mckenna Grace), die mit ihren sieben Jahren bereits ein Mathe-Genie ist und locker komplizierte Gleichungen lösen kann, die bei den meisten Erwachsenen die Gehirnzellen verglühen ließen. Nun ist es natürlich immer doof, Schauspieler mit ihren Rollen zu verwechseln, aber sogar die Begabt-Produzentin Karen Lunder bescheinigt, Octavia Spencer sei am Set die Ersatzmutter für alle gewesen: »Es gibt kein einziges Crew-Mitglied, das sie nicht eingebunden hat und jeden Tag zum Lachen brachte.«
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»Einer der Gründe, warum ich diese Rolle so mag«, sagt Spencer, »ist, dass sie rein gar nichts damit zu tun hat, dass ich eine schwarze Frau bin. Das spielt in dem Film überhaupt keine Rolle.« Zu lange wurde sie immer als die typische schwarze Haushälterin besetzt. »Ich habe sechzehnmal eine Krankenschwester oder Magd gespielt!«, ruft Spencer in einem gespielt-entrüsteten Ton. Einer ihrer Lieblingsregisseure, Joel Schumacher, sagte ihr gar auf den Kopf zu, sie habe »eben ein Krankenschwester-Gesicht«. Nicht, dass sie diese Berufe nicht wertschätze, meint Spencer, aber die ewige Typisierung sei doch ein Grund, warum sie nun oft lieber selbst Filme produziert und sich zum Beispiel gerade die Rechte an der Biografie von Madam C.J. Walker gesichert hat, der ersten afroamerikanischen Millionärin Amerikas.

Dass sie für ihre bisher berühmteste Rolle als Haushalthilfe Minny in The Help einen Oscar und einen Golden Globle bekam, ist ihr aber eine Genugtuung. »Meine Mutter schlug sich in Alabama als Haushaltshilfe durch«, sagt sie. »Wir waren sieben Kinder, ich bin die Zweitjüngste. Mein Vater starb, als ich 13 war und meine Mutter, als ich 18 war.« Insofern schließt sich für sie persönlich ein Kreis, dass sie ausgerechnet für diese Rolle mit Hollywoods höchster Auszeichnung geehrt wurde.

Wie ihre beste Freundin Melissa McCarthy attackiert sie Hollywoods sexistische Drehbücher seit ihrer Oscar-Auszeichnung mit mehr Selbstbewusstsein: »Seit dem Oscar kusche ich nicht mehr vor einem Büro voller männlicher Filmproduzenten«, sagt sie mit einem amüsierten Gesichtsausdruck. »Nach dem Oscar wurden mir erst einmal wieder vier Magd-Rollen angeboten. Wenn ich nochmal eine Magd spiele, muss sie eine bessere Rolle sein als in The Help.« Also entschied sie sich stattdessen, in dem brutalen Dokudrama Fruitvale Station die Mutter eines von Polizisten erschossenen Schwarzen zu spielen. Als die Finanzierung versandete, finanzierte sie den Film sogar aus eigener Tasche mit, so wichtig ist ihr das Thema.

Die Gewalt gegen Schwarze ist ihr ein Anliegen, ansonsten hält sie sich mit politischen Kommentaren zurück und spricht lieber über ihr Lieblingsthema: gute Stories. Weil ihre Familie arm war, erlebte sie Abenteuer als Kind nur in Büchern. »Wir hatten kein Geld, um uns fremde Orte anzuschauen, der einzige Weg, die Welt kennenzulernen, bestand darin, mit Büchern in eine andere Welt zu reisen.« Sie erzählt, dass sie Legasthenikerin ist und sich schwer tat mit dem Lesen, bis ihr ihre Lehrer spannende Krimis empfahlen. »Dann verbrachte ich meine halbe Kindheit mit Krimi-Romanen, in einer imaginären Fantasie-Welt. Bis heute kann ich davon nicht genug kriegen. Es gibt keinen Krimi, den ich nicht gelesen habe.«

Wegen der Krimis und ihrer tägliche Flucht in diese Fantasiewelten träumte sie davon, zum Film zu gehen und studierte sogar Theaterwissenschaften, aber ihr zermürbendes Lampenfieber hielt sie davon ab, sich um Rollen zu bewerben. »Bis heute werde ich extrem nervös, wenn ich vor anderen Leuten etwas sagen oder lesen soll!« gesteht Spencer. Deshalb arbeitete sie erst einmal als Casting-Assistentin – bis Joel Schumacher sie aufforderte, für eine Rolle in dem Grisham-Thriller Die Jury vorzusprechen. Ihr Anfang war symptomatisch: Spencer wollte gerne die Frau spielen, die eine Revolte anzettelt - Schumacher gab ihr stattdessen die Rolle der milden Krankenschwester Sandy.

Aber es wurde besser: Nach ungewöhnlichen Rollen wie der NASA-Mathematikerin Dorothy Vaughn in Hidden Figures - Unerkannte Heldinnnen, die ihr wieder eine Oscar-Nominierung einbrachte, freut sie sich diebisch, dass sie in dem Film Die Hütte, der in diesem Frühjahr auch in Deutschland anlief, Gott höchstpersönlich darstellen durfte. »Von der Putzhilfe zu Gott!«, sagt sie lachend, »das ist doch ein toller Aufstieg.«
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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