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aus Heft 29/2017 Die Gewissensfrage

Wenn die Ex-Freundin plaudert

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sollten gute Freunde loyal sein und sich immer alles mitteilen, was sie betrifft? Auch wenn der Inhalt bestimmter Gespräche nicht für ihre Ohren bestimmt war?

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»Ich habe gehört, dass meine Ex-Freundin auf einer Party bei ihr zu Hause über unsere Beziehung gesprochen hat, über Dinge, die nur sie und mich etwas angehen. Eine gute Freundin, die auch auf der Party war, weigert sich, mir Genaueres zu berichten, weil sie, wie sie sagt, zur Loyalität gegenüber der Gastgeberin verpflichtet sei, auch wenn sie ihr nicht nahesteht. Zu Recht?« Jonas L., Köln


Hier geht es tatsächlich um Loyalität, jedoch steht gegenüber der Gastgeberin, wenn man nicht besonders eng mit ihr befreundet ist, eher eine Vertraulichkeit des Wortes im Vordergrund. Gespräche finden in einem sozialen Kontext statt, der eine Art Schutzraum für das Gespräch und das Gesagte bildet. Man würde wahnsinnig, müsste man alles, was man sagt, für die Allgemeinheit, also einen unbegrenzten Kreis von Zuhörern formulieren. Allerdings ist das kein absoluter Schutz, sondern eher ein Wert in der Abwägung, und man muss abstufen: Das in einem Vieraugengespräch Gesagte wird stärker erfasst als etwas, was man im größeren, offeneren Kreis erzählt, also zum Beispiel auf einer Party in die Runde spricht.

Demgegenüber steht die Loyalität, die man einem Freund gegenüber hat. Freundschaft ist mit Loyalität untrennbar verbunden. Auch diese kann nicht absolut gelten, und es gibt Abstufungen: Je enger die Freundschaft ist, desto größer die Loyalität, die unter anderem beinhaltet, dass man dem Freund Dinge, die ihn oder sie betreffen, mitteilt. Gegebenenfalls auch dann, wenn man diese Dinge unter anderen Umständen eher für sich behielte.

Betrachtet man dies alles zusammen, spricht mehr für Ihren Wunsch, Genaueres zu hören. Ihre Ex-Freundin hat Persönliches auf einer Party offen verbreitet und damit gezeigt, dass sie das nicht als besonders schützenswert ansieht. Anders als Sie, der Sie deshalb ein berechtigtes Interesse daran haben, es zu erfahren, ein Interesse, das von der Loyalität unter Freunden mit umfasst wird. Würde die von einer bedenkenswerten Loyalität gegenüber der Gast- geberin ausgehebelt, bekäme die Einladung etwas von einem konspirativen Treffen, das Ihre Freundin allein durch ihren Besuch dort in etwas Ihrer Freundschaft Entgegenstehendes verstrickt.

Literatur:

Kleinig, John, On Loyalty and Loyalties: The Contours of a Problematic Virtue, Oxford University Press, New York 2014

Kleinig, John, "Loyalty", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2013 Edition), Edward N. Zalta (ed.)

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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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