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Musik 21. Juli 2017

Persönliche Noten

Von Florian Zinnecker  Foto: dpa

In Bayreuth, Salzburg und anderswo beginnen wieder die Festspiele. Wer im Publikum sitzt, muss verrückt sein. Unser Autor weiß das aus eigener Erfahrung.

Unser Autor verbringt heiße Sommertage gerne in dunklen Räumen auf mittelbequemen Sitzen und hört sich 150 Jahre alte Musik an. Hier Anna Netrebko und Placido Domingo bei »Il Trovatore« im Großen Festspielhaus in Salzburg.
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Als mich die Ahnung beschleicht, dass hier vielleicht etwas Fundamentales nicht stimmt, bin ich spät dran. Ich sitze im Taxi, ziemlich außer Atem, und schwitze in mein frisch gebügeltes Hemd. Wenn die Ampeln günstig stehen, würde ich’s noch schaffen, sagt der Fahrer, als ginge es um Leben oder Tod. Aber es geht um weit weniger, ich bin nur unterwegs zu einer konzertanten Aufführung der Oper »Das Rheingold« in der Elbphilharmonie. Konzertant bedeutet: keine Bühne, keine Kostüme, nur Orchester und Sänger; ich bin Zuschauer – und hätte ohne Weiteres die ersten Minuten verpassen können, ich hatte »Das Rheingold« schon locker hundertmal gesehen. Aber wer zu spät kommt, muss draußen bleiben, um die anderen nicht zu stören. Das Taxi jagt durch Hamburg, am Alsterufer entlang, die Sonne scheint, auf den Wiesen liegen Leute in Badehosen, lesen, grillen, lachen, trinken Bier, und ich rase im schwarzen Anzug vorbei, um die nächsten Stunden still in einem Raum ohne Fenster zu sitzen und ein Stück anzuhören, das ich schon kannte. Und das Irre ist: Ich hätte auf keinen Fall tauschen wollen.
 
So geht das ständig. Andere Leute gehen Skifahren, legen sich ins Freibad, ich gehe in die Oper. Es gibt Leute, die hören Musik nur zum Joggen und morgens im Radio auf dem Weg zur Arbeit, schon schön, aber auch ein bisschen egal; ich höre Musik, die 100, 150, 200 Jahre alt ist, wieder und wieder, und kriege nicht genug davon. Und sehr oft, wenn ich davon berichte, sagen die anderen, mit Worten oder Blicken: Echt? In die Oper? Aber warum?

Wenn ich das wüsste. Es ging damit los, dass ich als Kind in den Kessel mit dem Zaubertrank gefallen bin: »Tannhäuser«, Bayreuther Festspiele, ein Tag im August, ich war acht Jahre alt, Sommerferien. Ich war nie ein großer Freibadgänger. Und die Festspiele waren einfach da: Ich bin in Bayreuth aufgewachsen, aus meiner Achtjährigensicht gehörte es selbstverständlich zum Erwachsensein dazu, sich bei den Festspielen regelmäßig einer dieser Fünf-Stunden-Opern auszusetzen. Also saß ich da, ein Achtjähriger in einem kleinen Anzug, die Musik kam von allen Seiten und hörte einfach nie auf, mein Vater, der neben mir saß, schaute gelegentlich, ob ich schon schliefe, aber wer schläft denn in der Achterbahn?
 
Freibad? Biergarten? Wagner! Bayreuth!

 
Bald ging ich wieder hin, ich wollte mehr, besuchte eine Generalprobe von »Tristan und Isolde«, begriff nichts, aber war gefesselt. Bald schaute mich zum ersten Mal jemand an mit einem Blick, der sagte, Echt? In die Oper? Aber warum? Ich fand Freunde, die anders guckten, kaufte von meinem Taschengeld Video-Mitschnitte von Inszenierungen aus New York, Salzburg, Bayreuth, fragte mich bald, was die Wahrheit ist – ging ich nicht ins Freibad, weil ich lieber Opern hören wollte? Oder hörte ich Opern, weil ich lieber nicht ins Freibad wollte? Wer davon heute erfährt, bekommt schnell diesen mitleidigen Glanz im Blick, denn in Deutschland, ach was, überall auf der Welt hat man als Jugendlicher ins Freibad zu gehen! Fußball zu spielen! Nicht in die Oper, Donizetti, Verdi, das ist was für Leute, die selber nichts mehr erleben, das alles steckt in diesem Blick, und du, du Armer, hast am verkehrten Ende angefangen.

Natürlich hat das alles ein paar Dinge durcheinandergebracht. Ich war Kinderkomparse in einer Aufführung, bald konnte ich den Text des »Rheingolds« komplett auswendig, Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe, lauten die letzten Verse, falsch und feig ist’s, was dort oben sich freut, kann ich heute noch. Die kruden Weltbilder, auf denen Opern zuweilen basieren, schraubten sich in mein Bewusstsein; während der Rest der Welt im Glauben aufwächst, dass am Ende der Prinz die Prinzessin heiratet und in den Sonnenuntergang reitet, endete es bei mir immer tragisch, immer ein bisschen zu geschwollen, mit zu großer Geste. Bald wusste ich nicht mehr, ob ich das, was ich mir unter Liebe und Glück vorstellte, unbewusst von der Bühne abgeguckt habe, mit der unreflektierten Gewissheit, dass es nie gut endet, weil in der Oper ja nur selten irgendwas nicht tragisch ist – hatte ich mir durch Opern die Liebe versaut? Und was alles sonst noch?
 
Ich kaufte von meinem Taschengeld Partituren, las und las und fraß immer mehr Opern in mich hinein, Oper, das ist Lesen in 3D, und Theater in 4D, weil es noch eine zusätzliche Tonspur gibt für Gefühle. Statt selber zu fühlen, kann man sehen und hören, wie andere fühlen, und fühlt ein bisschen mit. Oper, das ist auch: ein einziger großer Gefühlsporno. Man erlebt, wenn man nicht aufpasst, das Leben wie die Konzertbesucher, die Robbie Williams beim Mitfilmen nur durchs Handydisplay sehen – man ist zwar da, sieht aber nur die farbgesättigte Abbildung, während die wirkliche Wirklichkeit irgendwo klein und schwitzend weiter weg stattfindet. Aber so ist es halt einfacher, auch wenn es sich tarnt unter einer dicken Decke an Komplexität, Noten, Tönen, Stunden. Oper, das ist manchmal auch der einfachere Weg.

Und reden kann man schon mal gar nicht darüber. Höchstens mit Leuten, die das alles am eigenen Leib erlebt haben und selber schon wissen, wie das ist – weil das viele Gefühl aus der Musik nicht in Worte passt, dann quillt alles über, die Worte dehnen sich aus, werden zu groß und stehen unbeholfen und zu dick in der Gegend herum. Mitleidserregend. Wer so redet, steht im Verdacht, aus der Wirklichkeit herausgekippt zu sein, dabei geben die Worte nur nicht mehr her. Und wer das dann hört, versteht noch viel weniger, was daran nun toll sein soll. Oper hat ein Pathosproblem, vor allem beim Drüberreden. Ich auch.

Die Zeit, die ich schon in schlecht gelüfteten Zuschauerräumen verbracht habe, im Dunkeln, während draußen die Sonne schien, hätte ich bestimmt anders sinnvoller verbringen können: damit, Chinesisch zu lernen und Portugiesisch und Russisch, mindestens. Hab ich nicht. Ich saß einfach nur da, hörte Leuten beim Singen zu, die man schlecht versteht, hatte es gut und wusste ganz genau, wie gut. Und warum – meine Güte, warum hört man Musik? Warum geht man ins Fußballstadion? Warum sitzt man im Sommer abends draußen? Weil’s schön ist, und weil man irgendwann mal damit angefangen hat und nicht mehr aufhören will.

Und genau das war es auch, was ich nicht wusste, als ich im Taxi zur Elbphilharmonie saß, anstatt an der Alster zu liegen - bei wem hier was nicht stimmte.
Ob bei mir.
Oder allen anderen.


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