Dr. Dr. Rainer Erlinger | Heft 10/2008

Die Gewissensfrage

»Bei einer Zugfahrt kam kein Schaffner, mein Ticket blieb unentwertet. Juristisch ist mir die Sache klar: Die Leistung habe ich erhalten, die Rechnung ist zu bezahlen. Aber außer dem Recht gibt es noch die Moral. Und hier sehe ich zu meinem Leidwesen, dass sich Menschen in den höchsten Positionen hemmungslos bedienen. Bei der Bahnfahrkarte könnte ich es ihnen ausnahmsweise einmal gleichtun und mir den Kaufpreis erstatten lassen. Soll ich diese Moral dem geltenden Recht vorziehen? Soll ich mich meiner Umwelt anpassen oder ein unverbesserlicher Exot bleiben?« REMBERT D., Mönchengladbach

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Jens Bonnke



Mit Ihren Überlegungen stehen Sie nicht allein. Derzeit sind die Medien voll davon, wie verheerend es sei für die allgemeine Moral, dass »die da oben« sich bedienen, Steuern hinterziehen, nicht genug bekämen. Gerade Manager, so hört man, sollten sich ihrer Funktion als Vorbilder bewusst sein. Ich muss gestehen, ich verstehe das nicht. Vorbild sein kann jemand doch nur wegen vorbildhaften Verhaltens, nicht wegen seiner Stellung. Wer die Gesetze bricht oder nur auf seinen Vorteil achtet, ist kein Vorbild, sondern verachtenswert, egal, ob er sonst reich ist, ein Unternehmen lenkt, Musik macht oder am Fließband arbeitet. Die Idee, »die da oben« müssten ein gutes Beispiel geben, halte ich zudem – allein schon wegen der Einteilung oben?unten – für zutiefst undemokratisch; das hinter ihr stehende Gefühl, Mächtige seien bessere Menschen, scheint mir ein Überrest von aristokratischem Denken zu sein, das es zu überwinden gilt. Vorbild ist nur, wer von anderen als solches betrachtet wird. Die Gesetze haben alle gleichermaßen zu achten. Moralisch handeln sollte jeder, egal, in welcher Position. Wer an einflussreicher Stelle sitzt, hat diese Verpflichtungen in doppelter Hinsicht, einmal als Privatmensch und einmal in seiner Funktion – auch gegenüber Untergebenen. Aber er hat sie nicht automatisch doppelt so stark, solange nicht seine Stellung inhaltlich mit erhöhten Ansprüchen verknüpft ist, weil er etwa richtet, predigt oder Gesetze macht. Verzeihen Sie mir bitte, aber wer sich bei unrechtem Verhalten auf Vorbilder beruft, den habe ich im Verdacht, dass er genau so schon immer handeln wollte und nun glücklich darüber ist, eine Rechtfertigung gefunden zu haben. Was Sie als »Moral« bezeichnen, ist keine Moral, sondern eine Ausrede.

Illustration: Jens Bonnke

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