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Wild Wild West: Amerikakolumne 21. Juli 2017

Bitte Nachschlag!

Von Michaela Haas  Foto: GreenArt/ Fotolia.de

Wer beim Thema Fast Food und USA nur an Burger und Pommes denkt, der irrt sich. Jede Gegend hat ihre regionalen Spezialitäten. Eine Geschmacksreise zu den leckersten und seltsamsten Auswüchsen der amerikanischen Küche.

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Natürlich fällt einem zu den USA als erstes Fast Food ein, also Essen, das fast Nahrung ist. An jeder Ecke stehen McDonald's, Burger King, Denny's, Wendy's, oder irgendein anderer Billig-Diner mit Burger und Cola. Donald Trump handelt sich regelmäßig Häme ein, wenn er auch bei Auslandsbesuchen in Gourmetländern seine Lieblingsmahlzeit bestellt: durchgebratenes Steak mit Ketchup. Das heißt aber nicht, dass man in Amerika nicht gut essen kann, im Gegenteil.

Am besten essen Sie in Amerika, was frisch ist und in der Gegend vor Ort als Spezialität gilt: Crab Cakes in Maryland, Wild-Lachs in Alaska, frische Ananas in Hawaii, Barbecue in Texas, Sauerteigbrot in San Francisco, Muschelsuppe (Clam Chowder) in New England, Pastrami im New Yorker Deli, würzigen Jambalaya-Eintopf in Louisiana, mexikanische Tacos in Kalifornien. Fast alle diese Gerichte zeigen, dass auch die Kochtöpfe im wahrsten Sinn des Wortes Melting Pots sind, in denen sich indigene, europäische, afrikanische, lateinamerikanische und asiatische Ideen (und Gewürze) vermischen. Aber egal, wo Sie reisen, hier sind acht typisch amerikanische Gerichte, die so verrückt sind, dass Sie sie unbedingt probieren müssen, denn sonst können Sie nicht behaupten, Amerika zu kennen:

1. S'Mores
S'More ist eine Abkürzung für »some more«: bitte Nachschlag! Man röste Jumbo-Marshmallows über dem offenen Feuer (Amerikaner nehmen dazu die Drahtkleiderbügel aus dem Kleiderschrank), bis sie fast vom Draht fallen und klebe sie zwischen zwei Graham Cracker, belegt mit Milchschokolade, die dann dahinschmilzt. Sozusagen ein Schokoladensandwich. S'Mores verbinden alles, was Amerikaner lieben: Lagerfeuer, Schokolade und Cracker. Wie treffend, dass die Cracker von dem presbyterianischen Missionar Sylvester Graham im 19. Jahrhundert erfunden wurden. Mit seiner vegetarischen Diät wollte er Masturbation und andere Übel seiner Zeit bekämpfen. Amerikanischer geht es nicht.

2. Büffelflügel
Natürlich haben Büffel keine Flügel, aber Büffelflügel (»buffalo wings«) findet man praktisch in jedem Restaurant. Eine Barbesitzerin mit dem schönen Namen Teressa Bellissimo in Buffalo, New York, soll als erstes auf die Idee gekommen sein, Hühnchenflügel in scharfem Cayennepfeffer und Butter zu frittieren. Die einzige Stadt, in der sie nicht Buffalo Wings heißen ist… genau, Buffalo! Da nennt man sie Hot Wings, heiße Flügel. Erst als Bill Murray in einem Hollywood-Film versuchte, das Nationale Buffalo Wing Festival zu erobern, stellten sie in Buffalo fest, welche PR-Chance sie da verpassen, weil es das Festival gar nicht gab und gründeten 2002 flugs eins. So ist dies eines der wenigen Beispiele, in dem etwas zuerst in Hollywood erfunden und dann im richtigen Leben verwirklicht wurde. Insider-Tipp: Wenn Sie es schaffen, mehr als 188 Hot Wings auf einmal zu essen, haben Sie Chancen auf den Meistertitel.

3. SoulFood
Die afroamerikanischen Sklaven mussten mit dem Vorlieb nehmen, was ihre Besitzer wegwarfen, was sie selbst fangen konnten oder was billig war: Kaninchen, Schweinefüße, Hühnerflügel oder Schlachtabfälle wie Innereien. Dazu billige Magenfüller wie Mais, Reis und Kartoffeln. Das mag erstmal wenig appetitanregend klingen, aber vor allem die Südstaatler zaubern heute daraus mit viel Gewürzen wie Cayenne, Zimt, Muskatnuss (und eben Soul) wahre Wunder. Soul Food wurde mit der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King weltberühmt, und die Einflüsse der afrikanischen und indianischen Kulturen machen es nur noch interessanter. Vor allem wenn Sie in Virginia, den Carolinas, Tennessee, Mississippi, Kentucky, Georgia, Alabama, Louisiana und Arkansas unterwegs sind, dann suchen Sie sich die Soul Food Hütte, vor der die meisten Trucks stehen und bestellen Keks mit Soße (»Buiscuit’n Gravy«), Maisbrot, Rippchen, mit Zucker glasierte Süßkartoffeln und Hushpuppies (frittierte Maisbällchen). Nein, schlank werden Sie davon nicht, aber wie der Name schon sagt, macht die »Seelenkost« satt, glücklich und zufrieden.

4. Corn Dog und sein älterer Bruder, der Hot Dog
Amerika hat zwar nur die Fritten, nicht die Fritteuse erfunden (das waren die Siedler im antiken Mesopotamien, denen wir auch andere bahnbrechende Erfindungen wie die Schrift und das Bier verdanken), aber die Amerikaner kommen auf immer neue Ideen, welche Nahrungsmittel man noch in die Fritteuse werfen kann. Auf einem Volksfest in Texas hatte 1942 ein gewisser Neil Fletcher einen Geistesblitz: Hot Dogs schmecken noch besser, wenn man sie in dickes Maismehl taucht, sie frittiert und am Stiel isst. So wurde der Corn Dog erschaffen. Amerikaner frittieren nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch Hamburger, Kekse, ja sogar Cola und Bier. Ein Texaner hat sich sogar die Methode patentieren lassen, Bier (und andere Getränke) in dicken Brezenteig zu füllen und bei fast zweihundert Grad zwanzig Sekunden zu frittieren, damit das Bier zwar heiß wird, aber noch seinen Alkoholgehalt behält. »Butt Fries« sind übrigens keine frittierten Hintern, sondern Schweinerippchen auf Fritten. Abnehmen können Sie dann ja später, wenn Sie das Death Valley auf dem Fahrrad durchqueren.

5. Das Erdnuss-Marmeladen-Brot
In Amerika geht kaum ein Kind ohne Erdnussbutter-Marmeladen-Brot zur Schule (»peanutbutter jelly sandwich« oder abgekürzt »PB&J«). Ganze Generationen von Amerikanern sind mit dieser Mixtur groß geworden. Virgin America hat es sogar im Flugzeug auf der Speisekarte stehen. Die Kombination ist an sich schon Banane, aber das wirklich verrückte ist, dass es ganze PB&J Buffets gibt. Fortgeschrittene trinken PB&J Shakes, essen PB&J Müsli und sogar PB&J Burger. Das Überraschendste: Es schmeckt nicht einmal schlecht.

6. Reuben Sandwich
Viele Amerikaner denken, das Reuben Sandwich sei eine deutsche Erfindung, weil es Sauerkraut enthält, und sie sind sehr überrascht, wenn Europäer es nicht kennen. Ich kannte es jedenfalls nicht und habe es erst in New York zum ersten Mal gegessen. Man nehme Roggenbrot, belege es mit gepökeltem Rindfleisch oder Pastrami, Schweizer Käse, Sauerkraut und einem Dressing, über dessen Rezeptur je nach Bundesstaat erbittert gestritten wird (ich sage nur: russisch, Thousand Island, Dijon Senf). Das Ganze wird gegrillt und heiß serviert. Das einzig deutsche an dem Brötchen ist der Name: Der mutmaßliche Erfinder, Arnold Reuben, Besitzer von Reubens Delikatessen in New York, hatte wohl deutsch-jüdische Vorfahren.

7. Craft Beer
Was trinkt man dazu? Natürlich Craft Beer. Amerika hat kein Reinheitsgebot und Jahrzehnte lang glichen die amerikanischen Dosenbiere eher chemikalienverseuchtem Abwasser (Hallo, Budweiser!). Mit dem Boom der Craft Biere, also der meist in kleinen Brauereien mit viel Liebe gefertigten Biere, hat sich das schlagartig geändert. Die Craft Beer Tradition mag in Europa ihren Ursprung genommen haben, aber seit Jimmy Carter 1979 den Biermarkt deregulierte, bieten Tausende Mini-Brauereien ihren Gourmet-Gerstensaft an. In fast jeder Bar und den meisten Restaurants findet man inzwischen eine passable Auswahl an Ales und Lagers, und es ist eine Freude, sich durch die Craft Beer Palette zu probieren. (Übrigens nicht zu verwechseln mit dem sogenannten »Root Beer«. Das »Wurzelbier« hat mit Bier nichts zu tun, sondern ist eine übersüßte Limonade, die kein Mensch mit funktionierenden Geschmacksnerven trinken kann.) In der Stadt Portland in Oregon kann man sich mit mehr als 100 Brauereien gar zur Erleuchtung im »Biervana« trinken. Dort kann man B&B buchen (»Bed & Beer« statt des üblichen »Bed & Breakfast«), Wacholderbier, glutenfreies Quinoa-Weizen oder mexikanisches Cornflakes-Bier kosten, und das »Rogue Ales Bart-Bier« mit wilder Hefe, die aus neun Barthaaren des Braumeisters gewonnen wurde. Es ist also nicht so schlimm, wenn Sie ein Haar in der Suppe, äh, im Bier finden. Darauf heben wir ein Glas. Prost!

8. Glückskeks
Ich dachte natürlich auch, dass diese halbmondförmigen Kekse, die in jedem China-Restaurant serviert werden, in China erfunden wurden, aber weit gefehlt: Sie sind in ihrer heutigen Form eine amerikanische Erfindung. Wo genau sie erfunden wurden, war schon Gegenstand von Gerichtsprozessen, aber die Möchtegern-Erfinder streiten sich zwischen San Francisco, Los Angeles und Japan, nicht China. Alle Versuche, die Glückskekse in China einzuführen, scheiterten kläglich: Die Chinesen finden sie einfach »zu amerikanisch«. In der Comicverfilmung Iron Man 3 erzählt Ben Kingsley (in der Rolle des Bösewichts Mandarin) die wahre Geschichte der Glückskekse: »Sie sehen chinesisch aus. Aber sie sind in Wahrheit eine amerikanische Erfindung. Deshalb sind sie hohl, stecken voller Lügen und lassen einen schlechten Geschmack im Mund zurück.«  Die Weizenmehl-Scheibchen an sich sind fast immer ungenießbar, aber ich kann nie der Versuchung zu widerstehen, den Inhalt zu knacken. Was wird der Tag bringen? Ihre Weissagung für Ihre Amerika-Reise: »Essen Sie, was Ihnen schmeckt, damit werden Sie glücklich – und great (im doppelten Wortsinn).«

Für Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und Taillenverlust übernehme ich keine Verantwortung. Na dann, viel Glück!

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Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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