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aus Heft 30/2017 Die Gewissensfrage

Rennt so schnell ihr könnt

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Übt ein Benefizlauf in der Grundschule, bei dem für jede geschaffte Runde Geld gespendet wird, unzulässigen moralischen Druck auf die Kinder aus?

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»Auf dem Grundschulsportfest meiner Kinder wird für jede gelaufene Runde ein bestimmter Betrag für bedürftige Kinder gespendet. Ist dieser Benefizlauf ein unzulässiger moralischer Druck auf Sechs- bis Zehnjährige im Sinne von: Wenn du aufgibst, leiden arme Kinder? Oder sind das gespendete Geld und die Motivation, beim Sport nicht nur an sich zu denken, die Sache wert?« Timm K., München


Die Aktion scheint nahezu ideal: Nicht nur wird Geld für einen guten Zweck gesammelt, die Schüler können dabei auch etwas lernen. Zum einen ganz allgemein andere, denen es schlechter geht, zu unterstützen. Zum anderen, wie Sie zu Recht schreiben, dass man auch bei einem Phänomen wie Sport, bei dem viele ja vor allem sich, ihre eigene Mannschaft und das (Be-)Siegen im Kopf haben, an andere Menschen und soziale Anliegen denken kann. Zudem hilft es gegen Bewegungsmangel.

Mit einem Wermutstropfen: Tatsächlich kann hier das hehre Ziel der Hilfe zum zusätzlichen Druckmittel im ohnehin an Druck oft nicht armen Sport verkommen. Noch dazu, wenn es in der Öffentlichkeit und der sozialen Bezugsgruppe, der Peergroup, geschieht, womöglich verstärkt von Eltern und Lehrern.

Ich glaube, die Lösung findet sich wieder einmal bei Aristoteles. Er unterschied zwischen verstandesmäßigen Tugenden wie Weisheit, Klugheit und Auffassungsgabe, die man durch Belehrung erlernen kann, und ethischen oder charakterlichen Tugenden wie Großzügigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit, die man üben muss. Hier können die Schüler die Großzügigkeit üben, indem sie helfen, aber eben auch Besonnenheit und Tapferkeit im aristotelischen Sinne. Denn die aristotelischen Tugenden waren gemäß seiner Mesotes-Lehre definiert als die Mitte zwischen zwei Extremen, bei der Tapferkeit etwa zwischen Furcht und Mut, bei der Besonnenheit zwischen Lust und Unlust.

Genau darum geht es hier: Die richtige Mitte zu finden zwischen Faulheit und Überanstrengung, zwischen Teilnahmslosigkeit und Selbstschädigung. Tugendhaft und damit gut im aristotelischen Sinne ist nicht Laufen bis zum Umfallen, sondern Einsatz in einem sinnvollen Maß. Das zu vermitteln ist Aufgabe der Organisatoren, Lehrer und Eltern.

Literatur:

Aristoteles, Nikomachische Ethik, insbesondere I. Buch, 13. Kapitel und II. Buch, 6. bis 8. Kapitel
Gute Übersetzungen gibt es von Olof Gigon bei dtv, München 1991 und Ursula Wolf im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2006

„Nach diesem Unterschiede wird auch die Tugend eingeteilt. Von den Tugenden nennen wir die einen dianoëtische oder Verstandestugenden, die anderen ethische oder sittliche Tugenden. Verstandestugenden sind Weisheit, Verstand und Klugheit, sittliche Tugenden Freigebigkeit und Mäßigkeit. Denn wenn wir von dem sittlichen Charakter sprechen, sagen wir nicht, daß einer weise oder verständig, sondern daß er sanft und mäßig ist. Wir loben aber auch den Habitus der Weisheit. Ein lobenswerter Habitus wird aber Tugend genannt.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik, I. Buch, 13. Kapitel a.E.)

„Wenn sonach die Tugend zweifach ist, eine Verstandestugend und eine sittliche Tugend, so entsteht und wächst die erstere hauptsächlich durch Belehrung und bedarf deshalb der Erfahrung und der Zeit; die sittliche dagegen wird uns zuteil durch Gewöhnung, wovon sie auch den Namen erhalten hat, der nur wenig von dem Worte Gewohnheit verschieden ist.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik, II. Buch, 1. Kapitel

„Es ist mithin die Tugend ein Habitus des Wählens, der (1107a) die nach uns bemessene Mitte hält und durch die Vernunft bestimmt wird und zwar so, wie ein kluger Mann ihn zu bestimmen pflegt. Die Mitte ist die zwischen einem doppelten fehlerhaften Habitus, dem Fehler des Übermaßes und des Mangels; sie ist aber auch noch insofern Mitte, als sie in den Affekten und Handlungen das Mittlere findet und wählt, während die Fehler in dieser Beziehung darin bestehen, daß das rechte Maß nicht erreicht oder überschritten wird. Deshalb ist die Tugend nach ihrer Substanz und ihrem Wesensbegriff Mitte; insofern sie aber das Beste ist und alles gut ausführt, ist sie Äußerstes und Ende.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik, II. Buch, 6. Kapitel)

„Bei den Affekten der Furcht und der Zuversicht ist der (1107b) Mut die Mitte. Wer hier durch Übermaß fehlt, hat, wenn es durch Furchtlosigkeit geschieht, keinen besonderen Namen – wie denn so manches keine eigene Benennung hat –, geschieht es aber durch ein Übermaß von Zuversicht, so heißt er tollkühn; wer aber durch ein Übermaß von Furcht und einen Mangel an Zuversicht fehlt, heißt feig. Bei den Affekten der Lust und der Unlust, nicht bei allen jedoch und am wenigsten bei allen Unlustempfindungen, ist die Mitte Mäßigkeit, das Übermaß Zuchtlosigkeit oder Unmäßigkeit. Menschen, die auf dem Gebiete der Lustempfindungen zu wenig tun, gibt es wohl kaum. Darum haben auch sie keinen eigenen Namen erhalten. Wir wollen sie indessen unempfindlich nennen [Fußnote]. In Geldsachen, im Geben wie im Nehmen, ist die Mitte Freigebigkeit, das Übermaß und der Mangel Verschwendung und Geiz, und zwar so, daß beide Fehler beide Extreme aufweisen, jedoch umgekehrt zu einander. Der Verschwender gibt zu viel und nimmt zu wenig; der Geizige dagegen nimmt zu viel und gibt zu wenig. Diese allgemeinen und summarischen Daten mögen einstweilen genügen. Später [Fußnote] wollen wir hierüber Genaueres feststellen. Es gibt auch in Geldsachen noch andere Charaktereigenschaften : die Hochherzigkeit als Mitte (denn der Hochherzige unterscheidet sich von dem Freigebigen: bei ihm handelt es sich um großes, bei dem anderen um kleines), ferner die Sucht, geschmacklosen und großtuerischen Aufwand zu machen, als Übermaß, endlich die Engherzigkeit als Mangel. Diese Extreme decken sich nicht mit denen der Freigebigkeit. Inwiefern sie es nicht tun, soll später gesagt werden.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik, II. Buch, 7. Kapitel

Jeweils in der Übersetzung von Eugen Rolfes (ursprünglich Felix Meiner Verlag, Leipzig 1911, mittlerweile in der "Philosophischen Bibliothek", herausgegeben von Günther Bien im Felix Meiner Verlag Hamburg 2010)

Lesenswert zur Einführung ist das Kapitel „Tugendethik“ in der auch sonst empfehlenswerten Einführung in die Ethik von Herlinde Pauer Studer, facultas WUV/UTB, Wien 2. Auflage 2010

Eine Sammlung von modernen Texten zu diesem Thema: Tugendethik, herausgegeben von Klaus Peter Rippe und Peter Schaber, Reclam Verlag, Suttgart 1998


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Dr. Dr. Rainer Erlinger

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