Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 21°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 31/2017 Gesellschaft/Leben

»Wir sind durchs Schanzenviertel gefahren, die Menschen haben applaudiert«

Protokoll: Daniela Gassmann  Fotos: Robin Hinsch; Daniela Gaßmann

Seit dem G20-Gipfel in Hamburg schimpft halb Deutschland auf die Polizei. Einer, der mit seiner Hundertschaft dabei war, antwortet.

Hamburg, 4. Juli 2017, 23.38 Uhr: Auf dem Neuen Pferdemarkt setzt die Polizei Wasserwerfer ein, schon drei Tage vor dem G20-Gipfel – aus Protest hatten Hunderte Menschen Bürgersteige und Straßenecken besetzt.
Anzeige
Im Schanzenviertel flogen Steine und Flaschen, es brannte. Meine Hundertschaft stand am Gerüst des Hochhauses, über das so viel berichtet wurde. In solchen Situationen muss man funktionieren. Es nützt ja nichts: Wer soll’s machen, wenn nicht wir? Das ist Polizei. Mit Unterstützung von Wasserwerfern haben wir den Zulauf von weiteren Vermummten und mögliche Angriffe verhindert. Im Grunde ist es relativ glimpflich ausgegangen.

Ich hatte überwiegend Kollegen dabei, die erst ein halbes Jahr bei der Polizei sind. Für die Jungs und Mädels war G20 der erste große Einsatz. In der heißen Phase mussten wir 62 Stunden am Stück durchstehen. Nachts sind wir kurz ins Dienstgebäude, duschen, Unterhose wechseln, weiter.

Ausgerechnet in diesen Tagen war es um die dreißig Grad heiß. Unsere Schutzausrüstung wiegt etwa 18 Kilo. Ich hatte zwanzig Kollegen in meiner Hundertschaft, die einfach umgekippt sind. Im Nachhinein frage ich mich, wie wir das alles hingekriegt haben.
Karl-Michael Strohmann, 52, Erster Polizeihauptkommissar, Hamburg.


Was vorher völlig klar war: Ein Gipfel in einer Großstadt wird schwierig zu hand haben sein. Viele der Schuldzuweisungen danach würde ich aber als retrospektive Klugscheißerei abtun.

Es ist wie beim Fußball: Nach wichtigen Spielen haben wir eine Million Bundestrainer, jetzt haben wir Tausende Polizeiführer. Jeder weiß es besser. Die einen werfen uns vor, die Demo angehalten zu haben, aber die Polizei unterliegt einem Strafverfolgungszwang, deshalb gab es keinen Spielraum im Umgang mit Vermummten. Die anderen sagen, wir hätten härter gegen Randalierer vorgehen sollen. Im Schanzenviertel, wie hätte man da härter vorgehen sollen? Härter als das, was die Polizei machte, hätte bedeutet, auf die Menschen zu schießen.

Versammlungsfreiheit ist ein tolles Gut, auch dafür ist die Polizei zuständig. Bei einem Aufzug von Rechten habe ich schon mal Gewissensbisse. Aber im Dienst verfolge ich einen klaren Auftrag: Ich muss jeden schützen, der das Grundrecht in Anspruch nimmt, sich zu versammeln – solange er friedlich ist. Wenn jemand dieses Recht missbraucht, sind wir mit aller Konsequenz da. Was mich stört: Zu neunzig Prozent waren die Proteste gegen den G20 friedlich – aber berichtet wurde fast ausschließlich über Gewalt. Wenn ein Aufzug von tausend Teilnehmern bunt mit einer Musikkappelle und Blumen durch die Straße zieht, dann sagen die Reporter: Hier ist ja nichts los, da gehe ich wieder.

Anfangs war festzustellen, dass der überwiegende Teil der Schaulustigen da stand, Bier in der Hand, und skandierte: »Ganz Hamburg hasst die Polizei!« Ganz komisches Gefühl. Ich nehme für mich und meine Kollegen immer in Anspruch: Wir sind die Guten. Dass ein Großteil dieser Schaulustigen so negativ gegen uns eingestellt war, war in dem Moment eine neue Erfahrung.

Am Sonntag aber wurde auf einmal skandiert: »Ganz Hamburg liebt die Polizei!« Wir sind durchs Schanzenviertel gefahren, die Menschen haben applaudiert. Normalerweise schmeißt man eine Flasche gegen das Auto, so sind wir es eigentlich gewohnt. Jetzt war da eine riesige Anteilnahme, das war irre. Das war ein tolles Gefühl zu merken, dass das Gros der Bevölkerung die Polizei gar nicht so hasst.

Das sind die Geschichten, die wir mal am Kamin erzählen: »G20, ich war dabei.« 

Anzeige

  • Gesellschaft/Leben

    Hippies mit Geschäftsmodell

    Twin Oaks ist die älteste noch bestehende Kommune in den USA. Unsere Autorin hat sie besucht – und erfahren, warum die Warteliste so lang ist.

  • Anzeige
    Gesellschaft/Leben

    Hilfe, ich pitche mein Leben

    Statt zu sagen, was er will, hat sich unser Autor angewöhnt, Freunden und Familie drei Alternativen vorzuschlagen. Es ist die Agenturisierung des Alltags – aber sie hat einen Haken.

    Von Till Raether
  • Gesellschaft/Leben

    Alarm für Iller 2

    Ein Landkreis, drei Streifen: Auf dem Land fehlen Polizisten. Unterwegs auf einsamem Einsatz im Allgäu

    Von Patrick Bauer