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Wild Wild West: Amerikakolumne 04. August 2017

Schwanger in Texas? Lieber nicht

Von Michaela Haas  Foto: Joe Raedle/Getty Images

Warum in Teilen Amerikas zehn Mal so viele Mütter nach Komplikationen bei der Schwangerschaft oder Geburt sterben wie in Deutschland.

Vor dem Büro eines Kongressabgeordneten in Florida protestieren Demonstranten gegen die Gesundheitspolitik der Republikaner. Wie es mit der Krankenversicherung in den USA weitergeht, ist offen, doch schon jetzt hat Präsident Trump über 200 Millionen Dollar aus Aufklärungsprogrammen zur Verhinderung von Teenagerschwangerschaften gestrichen.
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Sara Porter, 38, eine Fernsehproduzentin in New York, freute sich auf die Geburt ihres dritten Sohnes; die ersten beiden Schwangerschaften liefen problemlos. Aber nach der Geburt von Jonas im März dieses Jahres hatte sie schwere Bauchschmerzen und ihr war übel. Am nächsten Tag konnte sie nicht mehr gehen. Die Ärzte diagnostizierten eine Blutvergiftung und bereiteten eine Notoperation für den nächsten Tag vor. In der Nacht rief sie ihren Mann an und schrie: »Ich brauche dich!« Er kam gerade noch rechtzeitig, um sie in den Armen zu halten und ihre letzten Worte zu hören: »Ich liebe dich.« Wenig später war sie tot. Das passiert in Amerika im Durchschnitt mehrmals täglich.

Wenn sich die zerstrittenen Konservativen in Amerika über irgendetwas einig sind, dann darüber: Sie sind »pro Life«, also für das Leben. Aber tatsächlich geht es Müttern in Amerika wesentlich schlechter als in anderen Ländern. Fast überall in den westlichen Industrienationen hat sich die Müttersterblichkeit in den letzten 25 Jahren halbiert; in Amerika hat sie sich dagegen fast verdoppelt. Zum Vergleich: In Deutschland sterben etwa 4 von 100.000 Frauen als Folge von Komplikationen bei der Schwangerschaft oder Geburt, gerade in konservativen Bundesstaaten wie Texas dagegen mehr als 40. Bei den Einkommensschwachen ist die Rate noch höher.

»Wenn Amerikaner Mütter lieben, warum lassen wir sie sterben?«, fragte Kolumnist Nick Kristof diese Woche in der New York Times.

Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach, aber sie hat zu allererst damit zu tun, dass es Frauen in Amerika immer schwerer gemacht wird, eine vernünftige Gesundheitsversorgung und kostenlose oder zumindest bezahlbare Verhütungsmittel zu bekommen. Fast die Hälfte aller Schwangerschaften in Amerika ist ungewollt. Im Jahr 2017 scheinen diese Fakten unfassbar: Fast jede Minute wird in Amerika ein Teenager ungewollt schwanger - die Zahl der Teenagerschwangerschaften ist in Amerika 15 Mal höher als etwa in der Schweiz. Dabei ist Abhilfe so einfach: In Gemeinschaften wie etwa in St. Louis, die Teenagern kostenlos Verhütungsmittel zur Verfügung stellen, sinken die Zahlen von Teenagerschwangerschaften (und Abtreibungen) um gut drei Viertel. Das ist dann wirklich »pro Life«
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Aber im sogenannten »Bibelgürtel« werden viele Schüler bis heute oft nicht über Verhütung aufgeklärt. Anstatt das Problem anzugehen, wird Trump es noch verschlimmern: Er hat 213 Millionen Dollar aus dem Aufklärungsprogramm zur Verhinderung von Teenagerschwangerschaften gestrichen. Dass sowohl die Zahlen der Müttersterblichkeit als auch der Teenagerschwangerschaften in erzkonservativen Gegenden höher sind, hat unmittelbar mit der Politik zu tun: In vielen Bundesstaaten wollen Konservative Mütter zwingen, selbst Hochrisikoschwangerschaften bis zum Ende auszutragen; Familienberatungsstellen für Einkommensschwache werden vielerorts ganz geschlossen.

Die republikanischen Entwürfe zur Trumpcare wollen zwar das Potenzmittel Viagra weiterhin von den Krankenkassen bezahlen lassen, halten dafür aber eine Schwangerschaft für eine »Vorerkrankung« und schränken Mutterschaftsvorsorge und Zugang zu Verhütungsmitteln ein. In vielen Staaten dürfen Arbeitgeber »aus religiösen Gründen« die Bezahlung von Verhütungsmitteln verweigern. Wenn ich in Deutschland bin, fragen mich viele: »Haben die denn kein Obamacare?« Was viele nicht wissen: dass Menschen trotz Krankenversicherung enorme Zuzahlungen leisten müssen. Viele Frauen verzichten deshalb auf Vorsorgeuntersuchungen oder können sie sich schlicht nicht leisten.

Eine Geburt ist im Idealfall ein freudiges Ereignis, Wehenschreiberin Maja Böhler zelebriert diesen besonderen Moment jede Woche in der Hebammenkolumne, die ich, vielleicht gerade weil ich selber keine Kinder habe, begeistert lese. Dabei wünsche ich mir immer öfter, Amerikanerinnen hätten auch so engagierte Hebammen und umsichtige Ärzte.

»Niemand tut mehr für Frauen als ich«, sagt Trump gerne. Deshalb wäre es ihm sehr zu empfehlen, einmal eine echte Familienberatungsstelle oder eine Geburtsklinik auf dem Land zu besuchen, damit er sich ein Bild machen kann, welche Herausforderungen Schwangere in Amerika bewältigen müssen. Darüber, dass es in den meisten Bundesstaaten keine gesetzliche Regelung für bezahlten Mutterschutz gibt und Frauen deshalb oft bis kurz vor der Geburt und gleich danach wieder arbeiten, haben wir schon gesprochen.

Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Trump die sogenannte »Global Gag Rule« verfügt, das heisst: Mit amerikanischen Geldern dürften auch international keine Organisationen mehr unterstützt werden, die Frauen auch nur über die Möglichkeit von Abtreibungen informieren – und sei es in medizinischen Notfällen oder wenn Frauen gegen ihren Willen in Bordelle verschleppt wurden. De facto bedeutet das, dass viele Familienberatungen dichtmachten müssen und somit, dass Millionen Frauen weltweit den Zugang zu Verhütungsmitteln verlieren. Das wird heißen, dass noch mehr Mütter sterben, in Amerika und überall auf der Welt. Diese Frauen sind ein Kollateralschaden in einer Manege der Möchtegern-Machos.

Aber selbst wer versucht, alles richtig zu machen, steht oft vor unerwarteten Problemen: Kürzlich machte der Fall von Amy Jay die Runde, einer jungen Mutter, die sehnsüchtig die Geburt ihres zweiten Kindes erwartete – und gleichzeitig hoffte, die Kleine möge bitte warten, bis ihr Mann Mac seine neue Arbeitsstelle angetreten hatte, denn die Gesundheitsversorgung ist an den Arbeitsplatz gekoppelt und wer eine Lücke zwischen zwei Anstellungen hat, ist nicht unbedingt versichert. Weil die kleine Evelyn aber ungeduldig wurde und vier Wochen früher als geplant auf die Welt kam, musste sie zwei Wochen auf der Frühchenstation verbringen. Den Eltern flatterte danach die Rechnung ins Haus: exakt 178.389 Dollar und 47 Cent.

Amy Jay kann nun wahrheitsgemäß sagen, dass die Freude darüber, ein gesundes Kind zur Welt gebracht haben, unbezahlbar ist.
Michaela Haas

deutsche Journalistin und Autorin in der Nähe von Los Angeles, wird ständig gefragt: »Was ist denn bloß in Amerika los?« Seit ein politisch völlig unerfahrener Egomane mit wilden Sprüchen in das höchste Amt der Welt aufgestiegen ist, wundern sich viele Deutsche über die Weltmacht. Deshalb schreibt Michaela Haas in der Kolumne »Wild Wild West« über die Macken und Tücken, die Amerika einzigartig machen. Zum selben Thema ist gerade ihr Buch »Crazy America: Eine Liebeserklärung an ein durchgeknalltes Land« (Goldmann Verlag) erschienen.

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