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Abschiedskolumne 06. August 2017

Willkommen im post-spermalen Zeitalter

Von Marcel Laskus  Foto: dpa

Die Spermienzahl und damit auch die Fruchtbarkeit westlicher Männer ist dramatisch gesunken. Forscher sind ratlos, dabei sollte doch klar sein: Das Spermium passt einfach nicht mehr zu unserem Lebensgefühl. 

In einer Kinderwunschpraxis in Berlin werden Vorbereitungen zur künstlichen Befruchtung getroffen.
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Lange dürfte es nicht mehr dauern, dann steht das westliche Spermium auf der roten Liste für gefährdete Arten. Seit 1973 hat sich die Zahl der Samen im männlichen Ejakulat halbiert. Auf nur einem Kubikzentimeter spielte sich hier ein Exodus biblischen Ausmaßes ab: Statt 99 Millionen schwimmen nur noch 47 Millionen Spermien - das ist so, als hätte es die Bevölkerung von Spanien einfach vom Erdboden verschluckt. Betroffen von diesem Samenschwund sind vor allem Europäer und Nordamerikaner. Männer in den Industrienationen also, in denen es bisher an nichts gemangelt hat, das mit Sex zu tun hat. Beim asiatischen und afrikanischen Mann hingegen: alles bestens.

Würde es bei uns so weitergehen, wäre im Jahr 2093 die Schwelle von 15 Millionen Spermien pro Milliliter unterschritten - der Wert, ab dem der Mann laut WHO als unfruchtbar gilt. Das mag nach ausreichend viel klingen, reicht doch theoretisch ein einziges gesundes Spermium, um eine Eizelle zu befruchten. Wer aber mit so einer Spermadichte zum Arzt geht, wird vermutlich direkt zum Psychologen geschickt. Der Fortbestand der westlichen Gesellschaft hängt an keinem Flüchtlingsstrom und keinem Sittenverfall; er hängt am seidenen Spermafaden. So schnell wie möglich sollten wir uns deshalb darauf einstellen, dass von der Befruchtungsflüssigkeit bald nicht viel mehr übrig bleibt als White Trash.

Warum das Spermium verschwindet, können sich die Forscher nicht erklären. Vielleicht, vermuten sie, liegt es an den Strahlen der Smartphones in unseren Hosentaschen, vielleicht an Antibiotika, an zunehmender Überfettung oder an allem zusammen. Dabei sollte doch klar sein, dass wir Männer uns das selbst eingebrockt haben. Sperma ist für uns zur Last geworden, zu einem Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit, in der man lebte, um sich fortzupflanzen, am besten so früh, so schnell, so oft wie möglich.

Moderne Männer wie Sky du Mont brauchen mehr als 50 Lebensjahre dafür, um sich dazu durchzuringen, Vater zu werden. Tag für Tag beerdigen wir Millionen Spermien in Taschentüchern und Kondomen. Sie werden auf eine Kamikaze-Mission geschickt, für deren Einsatz sich niemand bei ihnen bedankt. Eher gewinnt man als Mensch einen Sechser im Lotto als dass man als westliches Spermium zum Erfolg kommt. Wer sich das nächste Mal über unsere Ellenbogen-Gesellschaft beschweren will, sollte besser kurz innehalten und an das Spermium denken. Es setzt sich einer Konkurrenz aus, an der die meisten zerbrechen würden. Künstliche Befruchtungen ersetzen, was früher natürlich war. Und ohnehin setzen sich viele heute lieber einen Mischlingshund ins Wohnzimmer als einen herumschreienden Emil-Pascal. Freuen sollten wir uns also darüber, dass wir es bald los sind, das funktionierende Spermium, von dessen Funktion wir mittlerweile nur noch genervt sind.
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Befinden wir uns womöglich am Übergang in eine post-spermale Epoche? Die Evolution gibt uns für solche Veränderungen einen Zeitpuffer. Die Geschichte zeigt, dass das bisher gut funktioniert hat. Bei der Körperbehaarung zum Beispiel. Über Jahrtausende hat sie sich zurückgezogen, nicht abrupt, sondern Haar für Haar. Heute ist außer der Frisur auf dem Kopf wenig übrig geblieben. Warum auch nicht? Kleidung und beheizte Räume wärmen unsere Nieren, behaarte Rücken gelten im Jahr 2017 als mäßig attraktiv.

Stattdessen sind unsere Gehirne gewachsen, unsere Muskeln müssen keine Mammuts mehr erlegen, sind aber immer noch groß genug, damit wir acht Stunden aufrecht sitzen können, ohne vom Bürostuhl zu kippen. Nun also stellt sich auch der Botschafter unserer DNA, das Spermium, die Sinnfrage: Wer wird mich vermissen, wenn ich nicht mehr bin? Lang genug wurde das Spermium so behandelt wie ein Weisheitszahn. Beide gehören zum Baukasten des Menschen, aber sobald sie sichtbar werden, sorgen sie nicht selten für Ärger.

Nun ist die richtige Zeit, um Abschied zu nehmen vom Spermium, wie wir es kennen. Wenn es verschwindet, setzt das unseren Post-Materialismus und Hedonismus nur konsequent fort. Sex ist etwas, das Spaß macht, das verfügbar sein muss und bitteschön keine weiteren Verpflichtungen und Kosten verursacht.

Doch zum Glück geht es nicht nur mit der Evolution voran sondern auch mit dem technologischen Fortschritt: Noch ist genügend Zeit, vorzusorgen und sein Sperma einzufrieren für die samenfreie Zukunft. Eine Zukunft, in der Kondome und Anti-Baby-Pillen nur noch in den Vitrinen unserer Naturkunde-Museen zu sehen sind.

Wenn sich das Sperma rar macht, dann wird es auch wertvoller. Vielleicht handelt man bald teuer damit, an den Börsen oder auf dem Schwarzmarkt, so wie mit Goldbarren, Facebook-Wertpapieren und Gemälden von Vincent van Gogh. Wer weitsichtig ist, und in der Blüte seiner Fertilität steht, der sollte jetzt aktiv werden. Spätestens 2093, in 76 Jahren also, werden die Spermien aus der guten alten Zeit begehrt sein. Gut möglich, dass weitsichtige Teenager nun ein lukrativen Zuverdienest entdecken, Youtube-Kanäle anlegen, die sich mit möglichst ertragreicher Selbstbefriedigung beschäftigen, und die Gefriertruhen mit ihrem Erbgut füllen. Die Qualität ihrer Spermien wird unübertroffen bleiben. Wir legen also den Fortbestand unserer Zivilisation in die Hände einer Generation, deren Aufmerksamkeitsspanne bei acht Sekunden liegt. Vielleicht kann sich das die Evolution doch noch einmal überlegen.

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