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Abschiedskolumne 09. August 2017

Das Ende der Straße

Von Lorenz Horn  Foto: ddp images

Die Dieselaffäre bedroht auch das Roadmovie. Ein Abschied von der Poesie des Verbrennungsmotors, der Weite des Asphalts und der Freiheit, die im Kino begann und dort enden wird.

Kurt Russell fürchtet in Quentin Tarantinos Film Death Proof weder Tod noch Abgastests.

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Es braucht nicht viel für ein Roadmovie: Ein schweres Auto, einen, der es lenkt und natürlich die Straße ins Endlose. Wie kaum ein anderes Motiv hat das Auto den Freiheitsbegriff des Kinos geprägt.
   
Doch das Auto erlebt schwere Zeiten: erst ging es nur um gefälschte Abgaswerte, jetzt steht plötzlich die gesamte deutsche Automobilindustrie unter Kartell-Verdacht. Von den schon lange bekannten Auswirkungen auf das Klima und schrumpfenden Ölvorkommen mal ganz zu schweigen. Den Menschen ist spätestens seit den drohenden Fahrverboten für Dieselfahrzeuge klar geworden, dass das Ende des Verbrennungsmotors naht. Norwegen und die Niederlande diskutieren bereits ein Zulassungsverbot für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2025, Großbritannien ab 2040. Glaubt man den Ankündigungen, wird das Auto in seiner bisherigen Form bald schon mit Getöse in einer letzten Abgaswolke verschwinden. Und mit ihm das Roadmovie.
  
Lange genug hat es gedauert, bis der Elektromotor wiederentdeckt wurde, er existiert im Prinzip seit den 1890er Jahren. Das Silicon Valley, allen voran Tesla, und noch kaum bekannte chinesische Autobauer treiben die Entwicklung voran, neben dem Verbrennungsmotor könnte gleich noch der Fahrer ersetzen werden: im selbstfahrenden Auto. Der Faktor Mensch soll als Fehlerquelle im Straßenverkehr minimiert werden. Während das Auto fährt, kann sich der Fahrer anderen Dingen widmen, seiner Arbeit zum Beispiel. Das klingt alles sehr rational, schrecklich rational. Damit nehmen die Auto-Entwickler die Vernunft, der ihre Väter im Sportwagen noch entkommen wollten, mit auf die Straße.
     
Auch als Statussymbol hat das Auto Konkurrenz bekommen: Hightech taugt nämlich ebenfalls zum Protzen. Am meisten lässt sich ohnehin mit Freizeit und ihrer Gestaltung angeben. Viel besser lässt es sich von Streetfood in Bangkok erzählen, als von einer Eisdiele am Gardasee. Das pustet zwar mehr CO2 in die Atmosphäre, bekommt auf Instagram aber mehr Likes als die Brennerüberquerung im Auto, für dessen Besitz und übermäßige Bewegung man sich schon schämen muss. Und wenn schon Auto, dann bitte teilen: Die Anzahl der Nutzer sogenannter stationsunabhängiger Carsharing-Angebote verdreifachte sich fast im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr.
  
Mit dem Verbrennungsmotor geht noch etwas anderes im Feinstaub unter: das Roadmovie. Und mit ihm all die Filme, die es vermocht haben, den Protagonisten und die Zuschauer für eineinhalb Stunden aus ihrerm Alltag zu fahren. Sie und ihre Geschichten von der Straße werden nicht mehr verstanden werden.

Niemand wird mehr nachvollziehen können, was genau so faszinierend an Easy Rider war, welches Gefühl der Titelsong »Born to be wild« vermittelte. Ein Lied, das heute noch der eine oder andere mit feuchten Augen beim Polieren seiner Harley hört. Es ist symptomatisch für Filme, in denen sich vermeintliche Loser auf der Straße plötzlich wieder auf ihren Instinkt verlassen müssen.
 
Genauso wird der Triumph des schmalschultrigen Helden in Steven Spielbergs Duell den Zuschauern künftig ein Rätsel sein. Sie werden nichts spüren, wenn er sich schweißgebadet die Lippe blutig beißt, weil der Motor seines Wagens heißläuft und der monströse LKW immer näher kommt. Sie werden seine Freude nicht teilen können, als er - wenn auch sichtlich lädiert - als Sieger aus dem Duell hervorgeht.
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Neben Gewalt spielen in Filmen wie Natural Born Killers und Death Proof vor allem Autos und ihre Motoren die entscheidende Rolle. Es geht um Leistung, Sound und um in der Sonne der amerikanischen Wüste glänzende Karosserien. Darum, dass das Fahren als eine Art Mission, als Schicksal verstanden werden kann, als Zündschlüssel zur Freiheit. Selbst in jüngeren Filmen wie Drive streift Ryan Gosling wie in den guten alten Zeiten mit dröhnendem Motor durch Nächte der Gewalt.
  
All diesen Filmen lag etwas Rohes, etwas Unbedachtes, Unverantwortliches und Abenteuerlustiges zugrunde. Heute stehen aber andere Dinge, wie der Gedanke an Benzinpreise und Umweltverschmutzung, im Vordergrund. Freiheitsdrang, Aufbruch, Neuanfang, Reinwaschung –zentrale Ideale des Roadmovies – spielen in der Realität nur mehr eine untergeordnete Rolle.
 
Dieser Trend spiegelt sich schon jetzt im Kino wieder. Die meisten Zuschauer lockten in den vergangenen Jahren Fantasy- oder Animationsfilme vor die Leinwände. Wenn die Vorstellungskraft für die rohe Schönheit der Straße nicht mehr abrufbar ist, bleibt nur noch die Flucht in animierte Welten. Aber einem Film, in dem jemand mit seinem Auto die Umwelt verschmutzt und dabei vielleicht auch noch die eine oder andere Ohrfeige verteilt, können die meisten nichts mehr abgewinnen.

Kann man sich ein Roadmovie mit einem Elektroauto oder einem Carsharing-Kleinwagen vorstellen? Ein sichtlich gealterter Brad Pitt flieht im iCar mit Tempolimit 30 vor der Polizei. Das Auto weigert sich, andere zu rammen, Absperrungen zu überfliegen. Ständig blinken Akku-Warnungen auf, bis er mit vorgehaltener Waffe einen Nachbarn zwingt, dass er sein Auto an der Steckdose aufladen darf. Aber immerhin könnte er den Fluchtweg statt mit zerknitterter Straßenkarte, mit Google Maps und Siri planen und während der Fahrt seine Steuererklärung machen.
  
Irgendwann sind Elektroautos aber bestimmt schön, weniger iCar, weniger BMW i3, mehr Tesla, und die Filmschreiber werden abgasfreie Verfolgungsjagden inszenieren. Nichts wird zu hören sein als das leise Surren der Antriebe, das Lachen der Hacker und das Quietschen der Reifen in den Kurven. Born to be vernünftig.
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