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aus Heft 34/2017 Die Gewissensfrage

Verspätung erwünscht

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Sind Züge unpünktlich, bieten viele Verkehrsunternehmen eine Erstattung der Fahrtkosten an. Doch soll man dieses Angebot auch annehmen, wenn man einen früheren Zug erwischt, nur weil er Verspätung hatte?

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»Beim Rhein-Main-Verkehrsverbund kann man bei Verspätungen ab zehn Minuten anteilig die Fahrtkosten erstattet bekommen. Nun habe ich gestern einen früheren Zug als geplant erreicht, weil der schon bei der Abfahrt massiv Verspätung hatte. Deshalb war ich trotz der Verspätung früher zu Hause. Darf ich trotzdem die Zehn-Minuten-Garantie in Anspruch nehmen?« Konrad N., Frankfurt


Ihre Frage könnte man technisch angehen. Die Erstattung ist an präzise Vorgaben gebunden, man kann sie also als technische, nicht inhaltliche Regelung ansehen. Die Grenze liegt bei genau zehn Minuten, bis dahin bekommt man nichts, gleich ob es nun besonders ärgerlich war oder nicht. Und bei der Feststellung, ob es nun neun, zehn oder elf Minuten sind, geht es auch nur um die Verspätung des Zuges und nicht um die Frage, wann der Fahrgast an seinem Ziel ankommt. Insofern ließe sich argumentieren, dass Sie zu Recht die Garantie in Anspruch nehmen, wenn die technischen Voraussetzungen erfüllt sind.

Dennoch fände ich es nicht gut, wenn Sie sich das Geld erstatten lassen. Zunächst, weil Sie keinen zeitlichen Schaden hatten, sondern umgekehrt einen Gewinn, ein Ausgleich also trotz Vorliegen der Voraussetzungen widersinnig wäre. Mehr noch aber geht es um die Haltung, die dahinter steht. Es ist die Haltung dessen, der im Schlaraffenland, wenn ihm eine gebratene Taube in den Mund fliegt, sich beim Kauen nicht über den guten Geschmack freut, sondern darüber nachdenkt, ob er jemanden verklagen kann, weil sich fliegendes Getier in der Luft befand.

Ich glaube, es verändert auch die Einstellung zum Leben und damit das Leben selbst. Es verschiebt den Blickwinkel hin zum Negativen. Und obwohl es oberflächlich anders aussehen mag, weil, wer so handelt, ja aktiv und die eigenen Interessen verfolgend sich etwas holt, gewinnt derjenige keine Autonomie, sondern verliert sie vielmehr, denn er richtet den Fokus vom eigenen Leben weg auf mögliche Ansprüche gegenüber anderen. Ob er welche hat oder nicht, ob er etwas bekommt oder nicht. Das Leben selbst gerät darüber ins Hintertreffen. Und irgendwann ist ihm, als ob es tausend Ansprüche gäbe - und hinter tausend Ansprüchen keine Welt.
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Literatur:

Die Bedingungen der 10-Minuten-Garantie des RMV kann man online nachlesen.

Die Idee des Schlaraffenlandes ist ein altes Motiv, bekannt ist es vor allem in der Fassung von Ludwig Bechstein in dessen Deutschen Märchenbuch, in der auch die Vögel vorkommen, die gebraten durch die Luft fliegen »und wenn es zu viel Mühe macht, die Hand darnach auszustrecken, dem fliegen sie schnurstracks ins Maul hinein.«


Die Schlusszeile stammt aus dem Gedicht Der Panther von Rainer Maria Rilke:


Der Panther


Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.


Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.


Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille -

und hört im Herzen auf zu sein.

Dr. Dr. Rainer Erlinger

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