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aus Heft 35/2017 Die Gewissensfrage

Der Klügere fragt nach

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Was ist weniger schlimm: Planvoll zu lügen oder aus reinem Unwissen heraus falsch zu handeln?

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»Ich habe eine Espresso-Maschine, für die ich Kaffeekapseln aus Aluminium bei einem großen Versandhändler bestelle. Das ist für mich bequem, obwohl ich die Probleme im Hinblick auf die Umwelt und die Arbeitsbedingungen der Versandmitarbeiter kenne. Ist es schlimmer, das zu wissen und es trotzdem zu tun, oder aus reinem Unwissen heraus so zu handeln?« Julia C., München


Das ist ein sehr alter Streit. Im »Hippias minor« genannten Dialog bei Platon geht es genau um die Frage, wer »besser« ist: derjenige, der planvoll lügt oder falsch handelt, also über mehr Wissen und Fähigkeiten verfügt, oder derjenige, der unfreiwillig die Unwahrheit sagt oder falsch handelt, aber eben weil er weniger kann oder weiß. Eine echte Lösung findet sich dabei nicht.

Über diesen Dialog ist viel gestritten worden, inhaltlich, aber auch, ob er wirklich von Platon stammt oder vielleicht nur eine Fingerübung oder ein Gedankenspiel darstellt. Es war Aristoteles, der eine Lösung aufzeigte, indem er das technische Können von der Entscheidung trennte und nur die Entscheidung moralisch bewerten wollte. Danach würden Sie moralisch schlechter handeln als der Unwissende.

Allerdings scheinen mir sowohl Platon als auch seine Rezipienten etwas zu übersehen: Sie betrachten die Situation rein statisch. Das Leben ist aber nicht statisch, sondern dynamisch, es bewegt und entwickelt sich. Das bedeutet zunächst, dass man das Wissen ja erworben haben muss, aktiv, oder zumindest offen dafür gewesen sein. Und diese Bereitschaft, Probleme wahrzunehmen, ist auch moralisch achtenswert, zum einen im Sinne der Wahrheit, zum anderen, weil sie einen ersten Schritt zum moralischen Handeln darstellt.

Vielleicht bin ich zu sehr Optimist, aber ich glaube, dass Ihr Wissen tatsächlich besser ist, als es nicht zu wissen. Ich glaube nämlich, wenn Sie nicht ein wirklich böser Mensch sind, der Freude an der Ausbeutung von Menschen und Natur empfindet, dann hat dieses Wissen – und darauf kommt es an – die Potenz, etwas zu ändern. Vollkommen gleichgültig sind Ihnen diese Themen nicht, sonst wüssten Sie darüber nicht Bescheid. Und auf Dauer, da bin ich eben Optimist, bewirkt dieses Bewusstsein irgendwann auch eine Verhaltensänderung.

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Literatur:

Platon, Hippias minor, 363a – 376c, zum Beispiel in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, in Platon, Sämtliche Werke, Band 1, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 85 – 103

Aristoteles, Metaphysik, 1025a, zum Beispiel in der Übersetzung von Hermann Bonitz, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 165

Aristoteles, Nikomachische Ethik, IV. Buch, 1127a/b, zum Beispiel in der Übersetzung von Olaf Gigon, dtv 1991, S. 197, oder Ursula Wolf, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 154

Jörg Jantzen: Platon: Hippias minor oder Der Falsche Wahre. Über den Ursprung der moralischen Bedeutung von „gut“. Kommentar mit der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, VCH, Weinheim 1989. Dort insbesondere auch die Ausführungen zu der Problematik in der Einleitung S. VIIff.

Michael Erler, Der Sinn der Aporien in den Dialogen Platons. Übungsstücke zur Anleitung im philosophischen Denken (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte, herausgegeben von Winfried Bühler, Peter Herrmann, Otto Zwierlein, Bd. 25). de Gruyter, Berlin 1987

Gerhard Müller: Platonische Freiwilligkeit im Dialoge Hippias Elatton. In: Gerhard Müller: Platonische Studien, herausgegeben von Andreas Graeser und Dieter Maue. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1986

Jan-Markus Pinjuh: Platons Hippias Minor. Übersetzung und Kommentar. (Classica Monacensia, Münchner Studien zur klassischen Philologie, herausgegeben von Martin Hose und Claudia Wiener, Band 48, Narr Verlag, Tübingen 2014

Meinen Optimismus für die Verhaltensänderung gründe ich unter anderem auf die metaethische Idee des Internalismus: Das Erkennen und sich Aneignen einer moralisch richtigen Position ist intrinsisch mit der Motivation verknüpft, dann auch so zu handeln. Näheres findet sich in dieser Gewissensfrage
.
 Sowie in folgenden Quellen: William K. Frankena, „Obligation and Motivation in Recent Moral Philosophy (1958) in: Kenneth E. Goodpaster (Hrsg.), Perspecitves on Morality . Essays by William K. Frankena. Notre Dame/London 1976, S. 49-73

Einen guten Überblick über den Gegensatz zwischen Internalismus und Externalismus findet man bei:

- Nico Scarano, Motivation in: Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner (Hrsg.) Handbuch Ethik, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2002, S. 432-437

- Herlinde Pauer-Studer, Einführung in die Ethik, Facultas Verlag Wien (WUV/UTB) 2003, S. 179 ff.

- Detlev Horster, Was soll ich tun? Moral im 21. Jahrhundert, Reclam Verlag Leipzig 2004, S. 69 ff.
Dr. Dr. Rainer Erlinger

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