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Neue Fotografie 07. September 2017

»Die Puppen sind eine Möglichkeit, angstfrei lieben zu können«

Interview: Laura Krzikalla  Fotos: Julia Steinigeweg

Wie fühlt es sich an zu lieben, ohne Liebe zurückzubekommen? Die Fotografin Julia Steinigeweg hat mit Frauen und Männern gesprochen, die mit menschenähnlichen Puppen zusammenleben.




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Name:
Julia Steinigeweg
Alter: geboren am 26.01.1987
Wohnort: Hamburg
Ausbildung: Studium Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie an der HAW Hamburg

SZ-Magazin: Für Ihre Fotoserie »Ein verwirrendes Potenzial« haben Sie Menschen besucht, die mit Puppen zusammenleben. Woher kam die Idee?

Julia Steinigeweg:
Ich habe meinen Freund im Internet kennengelernt. Als ich mit meiner Großmutter darüber gesprochen habe, sie war damals 94, war es für sie unvorstellbar, auf diese Weise mit Menschen in Kontakt zu treten. Ich habe mich gefragt: Was wird mich überraschen, wenn ich 90 Jahre alt bin? Was wird mir meine Enkelin erzählen? Ich glaube, dass sich das Thema Künstliche Intelligenz in Form von dreidimensionalen Objekten manifestieren wird. So habe ich angefangen, mich mit den Puppen als Menschenersatz zu beschäftigen. Es geht um eine Illusion, die sichtbar wird, indem man sie fotografiert.

Wie haben Sie die Menschen gefunden, die mit Puppen zusammenleben?

2011 habe ich angefangen, in Internetforen zu recherchieren – und ganz naiv nachgefragt. Natürlich hat jeder erstmal nein gesagt. Ich habe dann versucht, sie zu überzeugen, dass ich für sie sprechen möchte und nicht gegen sie. Ich fand deren Zusammenleben nicht unheimlich oder eklig, sondern vor allem faszinierend.
 
Was suchen die Menschen in ihren Puppen?

Es geht nicht in erster Linie um einen sexuellen Fetisch. Von den Herstellern werden die Puppen oft mit dem Satz »das ist die Frau, die keine Widerworte gibt« angepriesen. Für diese Menschen geht es aber eher darum, nicht mehr die Kontrolle zu verlieren. Damit ist nicht die Kontrolle über den Körper einer Frau gemeint, sondern Kontrolle über die Handlungen von jemandem, der einem wehtun könnte. Sie sehen in den Puppen eine Möglichkeit, angstfrei lieben zu können. Als ich einen der Puppenliebhaber fragte, wie es sich anfühlt, in der Partnerschaft keine Reaktion zu erhalten, sagte er: »Eine eingebildete Reaktion ist besser als eine, die mir psychische Schmerzen zufügt.« Das fand ich einleuchtend.
 
Sie haben auch Frauen mit Puppen fotografiert. Worum geht es dabei?

Ich war bei zwei Frauen, die Kinderpuppen sammeln und bei einer Frau, die eine Männerpupppe als Sexspielzeug hat. Diese Kinderpuppen kann man kaufen und selbst zusammenbauen, die Haare einnähen und so weiter. Die Frauen sagen zwar, dass sie die Puppen nur »bauen«, geben ihr aber einen Namen, richten sie her und fotografieren sie. Oft sind es sehr schlimme Schicksale, die hinter so etwas stecken.
 
Auf einem Bild klammert sich ein Mann in Embryonalstellung an seine nackte Puppe. Warum haben Sie diese schutzsuchenden Pose gewählt?

Ich habe mehrere Männer besucht. Den Mann auf diesem Foto habe ich gefragt, was er für Posen mit der Puppe einnimmt, wie er mit ihr einschläft. Er sprach dann davon, dass sich die Finger der Puppe sehr gut anfühlten. Bei ihm stand am intensivsten das sexuelle Verhältnis im Vordergrund - die Puppe besitzt gar keine Kleidung. Trotzdem hat sie einen Namen und der Mann sagt, sie habe ihm über eine schwere Zeit hinweggeholfen. Ein anderer Mann, er ist auf dem Foto zu sehen, bei dem die Puppe ihn umarmt, sieht eine Seele in seiner Puppe. Er hört sie nicht sprechen, empfängt aber Signale von ihr. Der Mann sieht das so: Sie hilft ihm, Gefühle empfinden zu können und er hilft ihr, die Welt der Menschen zu verstehen.
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Auf einem Bild sieht man eine Puppe, die im pinken Ballkleid an einem Haken in einer Garage aufgehängt ist. Das Motiv wirkt beinahe brutal.

In diesem Foto steckt so eine Ambivalenz: Der kalte Hintergrund in der Garage ist typisch männlich. Mittendrin die Puppe mit ihrem pinken Kleid, die aber an einem Fleischerhaken hängt. Der Mann, dem die Puppe gehört, ist Handwerker. Damit sie von alleine stehen kann, denn die Puppen wiegen 60 bis 70 Kilo, hat er ihr eine Vorrichtung auf dem Kopf montiert. Das ist irgendwie sehr liebevoll, auch wenn es brutal aussieht. Wenn man darüber hinweg ist, das Leben mit den Puppen seltsam zu finden, fängt man an sich zu fragen: Was steckt noch in den Bildern?

Sie haben auch Porträts von den Puppen fotografiert, in einer etwas ungewöhnlichen Haltung.

Nur dort habe ich in die Kleidung der Puppen eingegriffen. Die floralen Muster der Kleider verweisen auf die Puppen: Sie sind auch nur ein Abdruck von etwas, das organisch gewachsen ist. Die Puppen sind eine Illusion des Menschen, sie wachsen nicht heran. Schnell vergisst man: Die Puppen haben keine Geschichte, keine Gefühle. Das Baby wird nie erwachsen und die Frau war nie ein Kind. Sie kommen aus dem Nichts, deshalb der schwarze Hintergrund, vor dem sie, abgewandt vom Betrachter, sitzen.

Was haben Sie aus dem Projekt über Liebe und Zusammensein mitgenommen?

Ich glaube, es ist hilfreich, sich in bestimmten Momenten diese Illusion zu bewahren, dass wir in einer Beziehung permanent Gefühle austauschen. Aber die Menschen auf meinen Bildern beweisen, dass Gefühle auch entstehen können, wenn das Gegenüber nicht fühlen kann. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man diesen Menschen so skeptisch begegnet. Man fühlt sich entlarvt, weil sie die Fähigkeit haben, sich Gefühle einbilden zu können.

Das Buch zur Fotoserie ist 2016 bei Peperoni Books erschienen.

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