Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

Neue Fotografie 21. September 2017

»In Wahllokalen sieht man, was typisch Deutsch ist«

Interview: Laura Krzikalla  Fotos: Ansgar Dlugos; Manuel Kaufmann

Mülleimer als Wahlurnen, schummriges Kneipenlicht hinter den Kabinen: Die Fotografen Ansgar Dlugos und Manuel Kaufmann haben die Skurrilität von Wahllokalen in Bildern festgehalten.



Anzeige
Namen:
Ansgar Dlugos / Manuel Kaufmann
Alter: Geboren 1983 / 1984
Wohnort: Köln / Berlin
Website: www.ansgardlugos.de / www.manuelkaufmann.de
Ausbildung: Studium der Fotografie an der Fachhochschule Dortmund / Fotografische
Ausbildung National School of the Arts in Südafrika
 
SZ-Magazin: Kam Ihnen die Idee zum Fotoprojekt »Improvisierte Demokratie«, als Sie selbst vor der Wahlurne standen?
Manuel Kaufmann: Die Fotos haben wir nach der letzten Bundestagswahl gemacht. Uns ist aufgefallen, wie improvisiert und wenig professionell Wahllokale eigentlich aussehen. Ich habe immer in einer Schule gewählt, alleine das fand ich schon beeindruckend. In den meisten Fällen gehen wir Menschen zum Wählen in Turnhallen, Schulen oder Kindergärten. Dort werden dann teilweise Mülleimer als Wahlurnen benutzt.

Ansgar Dlugos:
Uns ist natürlich klar, dass Wahlen an öffentlichen Orten stattfinden müssen. Aus fotografischer Sicht geht es aber um das Kuriosum dieser Ästhetik. Im Kindergarten sitzt man auf kleinen Stühlen, an den Fenstern hängen gemalte Bilder, und man vollbringt so einen wichtigen Akt: das Wählen. Witzig ist das irgendwie schon. Als Fotografen konnten wir daraus gut eine Typologie machen. Wenn man selbst wählen geht, am Sonntag mit einem dicken Kopf, fällt einem das vielleicht nicht so auf. In einem Galeriekontext merkt man dann: Ja stimmt, ist eigentlich schon schräg.

Wie ging es dann weiter?
Manuel Kaufmann: Wir haben recherchiert, wo Wahlen in noch ungewöhnlicheren Umgebungen stattfinden. So sind wir auf die unterschiedlichen Orte in Berlin und Brandenburg gestoßen, an denen tatsächlich Wahlen abgehalten werden: in der Kneipe, im Autohaus, in Bauten des Sozialismus und Nationalsozialismus. Das hat uns sehr beeindruckt, sodass wir die Wahllokale dann nachgestellt haben. Dabei haben wir teilweise zwar Situationen leicht überspitzt, zum Beispiel war noch ein Auto im Bild zu sehen, aber grundsätzlich haben die Wahlen genau so stattgefunden, wie wir sie rekonstruiert haben.

Wieso wirken Wahllokale denn so improvisiert?
Ansgar Dlugos: Vielleicht sieht es in anderen Ländern noch improvisierter aus in den Wahllokalen, aber der Punkt ist: Zu Deutschland passt das nicht. Man sieht das typisch Deutsche auf den Fotos der Wahllokale, die Umgebung ist sehr statisch, und bei den Wahlen geht alles sehr ordentlich und bürokratisch zu. Da ist so ein heiliger Ernst dabei, die Umstände hebeln das auf einer optischen Ebene jedoch aus. Um diesen Gegensatz ging es uns.
Anzeige

Wer legt eigentlich fest, wo gewählt wird?
Manuel Kaufmann: Die Gemeinden bestimmen für jeden Wahlbezirk einen Wahlraum, der sich nach Möglichkeit in öffentlichen Gebäuden befindet. Wenn entsprechend der Bevölkerungsdichte solche Räume nicht ausreichen, muss wohl auf Provisorien wie Autohäuser zurückgegriffen werden.

Hat die Atmosphäre der Wahllokale eine Auswirkung auf die Stimmung der Wähler?
Manuel Kaufmann: Ein Gebäude aus der NS-Zeit ist der stärkste Gegensatz, den es zu unserer Demokratie gibt. Insofern könnte ich mir vorstellen, dass das auf die Stimmung der Leute wirkt.