Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 37/2017 Die Gewissensfrage

Das Wusstest-du-davon-Dilemma

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

In manchen Fällen ist es schwierig, die Wahrheit zu sagen: Zum Beispiel, wenn man Gefahr läuft, jemanden damit zu verletzen. Ist dann Lügen erlaubt?


Anzeige
»Ein befreundetes Paar hat sich vor Kurzem getrennt, zwei Wochen später hatte der Mann bereits eine neue Freundin. Gestern fragte mich die Frau sehr empört, ob ich etwas von einer neuen Partnerin wüsste. Ich gab vor, nichts zu wissen. War es falsch zu lügen, um zu verhindern, dass sie sich noch mehr aufregt?« Maria L., Berlin


Man könnte für die Bewertung von Sprichwörtern eine Art Regel aufstellen: Wenn sie wirklich gut sind, also nicht nur eingängig, sondern eine tiefere Erkenntnis enthalten, werden sie verschiedenen Urhebern oder gar unterschiedlichen Kulturen zugesprochen. Das gilt etwa für das Sprichwort: »Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.« Man findet es in verschiedenen Varianten – so auch in Form der Aufforderung »Speak the truth, but ride a fast horse« – als arabisches, texanisches oder chinesisches Sprichwort, und die Liste der angeblichen persönlichen Urheber reicht von Konfuzius über den englischen Dichter John Wain bis Buffalo Bill.

Kern des Sprichworts ist die Tatsache, dass man sich nicht unbedingt beliebt macht, wenn man die Wahrheit sagt, speziell dann, wenn sie unangenehm ist. Nicht umsonst gibt es wiederum aus verschiedenen Kulturen anekdotische Berichte, dass die Überbringer schlechter Nachrichten getötet wurden. Jedoch scheint mir das heute eher unwahrscheinlich und das Sprichwort kein ausreichender Grund, regelhaft von der Wahrheit, mag sie auch unangenehm sein, abzurücken. Eher im Gegenteil.
Anzeige

Solange eine Beziehung besteht, gibt es durchaus Argumente dafür, sich bei Fragen nach Informationen, welche die Beziehung betreffen, zurückzuhalten, im Sinne von »Kläre das doch bitte direkt mit deinem Partner«. Kurz nach einer Trennung hielte ich einen derartigen Verweis jedoch für fehl am Platze. Viele wollen bewusst Abstand halten, und der Anruf »Stimmt es, dass du schon eine neue Freundin hast?« ist sicherlich kein leichter, zumal er eine Verletzlichkeit offenbart, die man in dieser Situation oft gerade nicht zeigen will.

In Ihrem Fall, speziell wenn Sie befreundet sind, würde ich deshalb formulieren: Sage die Wahrheit und bleibe da, falls man dich dessentwegen braucht.

Hinweise:

Das Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen am Rhein hat in einem Projekt chinesische Sprichwörter und solche, die dafür gehalten werden, untersucht und online gestellt.

Das Beispiel für »Chinesische Sprichwörter, die kein Chinese kennt« ist das von der Wahrheit und dem schnellen Pferd.

Eine Reihe von anekdotischen Beispielen aus Geschichte und Mythologie für negative Folgen für Überbringer von schlechten Nachrichten finden sich in dem Buch: Peter Langkafel, Christian Lüdke Breaking bad news: das Überbringen schlechter Nachrichten in der Medizin Economia Verlag, Heidelberg 2008 auf S. 26ff.
Dr. Dr. Rainer Erlinger

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie eine E-Mail an gewissensfrage@sz-magazin.de

  • Die Gewissensfrage

    Darf eine Frau sich hübsch anziehen, um etwas zu bekommen?

    Eine Frau kriegt den Zuschlag für ein Zimmer – wohl auch deshalb, weil sie sich aufgebrezelt hat und persönlich vorstellig wurde. Moralexperte Dr. Dr. Rainer Erlinger hat dazu eine klare Meinung.

     

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Anzeige
    Die Gewissensfrage

    Um Klassen besser

    Sollte man versuchen, beim Sport körperliche Unterschiede auszugleichen, damit alle die gleichen Siegeschancen haben?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger
  • Die Gewissensfrage

    Wohin mit Weinstein-Filmen?

    Wie soll man mit Film-DVDs umgehen, die von Harvey Weinstein produziert wurden, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden? Wegschmeißen? Verkaufen? Oder einfach schauen, als sei nichts gewesen?

    Von Dr. Dr. Rainer Erlinger